Die Coronavirus-Pandemie wird zu Verzögerungen bei der Stromnetztarif-Reform führen, die schon für 2020 angedacht war, sich aber bis 2022 verspäten könnte. Jährlich sind 2,3 Milliarden Euro Stromnetzkosten zu bezahlen, die Aufteilung gemessen an der Netzbelastung ist aber nicht ganz verursachergerecht. Daher bastelt die Regulierungsbehörde E-Control an einer für Kleinverbraucher günstigen neuen Struktur.

2020 werde die Reform "ganz bestimmt nicht" mehr kommen, "auch 2021 wäre noch sehr optimistisch", sagte die Vize-Leiterin der E-Control-Tarifabteilung, Karin Emberger, am Mittwoch der Austria Presse Agentur. Abgesehen von der für die Reform nötigen Novellierung des Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetzes (Elwog) stünden auch bestimmte Smart-Meter-Daten nicht zeitgerecht für die neue Tarifierung zur Verfügung. Frühestens heuer im zweiten Halbjahr könnte das Elwog in Begutachtung gehen, gleich nach dem für Sommer geplanten Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz.

Unterm Strich soll das Netztarif-Gesamtaufkommen für die Endkunden nicht steigen, es soll lediglich zu einer Verschiebung zwischen den einzelnen Kundengruppen kommen, indem künftig die tatsächliche Inanspruchnahme des Netzes bepreist wird, hatte Emberger davor am Mittwoch in einem Webinar erklärt.

Derzeit gebe es eine Quersubvention, weil jeder Kunde immer 36 Euro Pauschale jährlich zahle, egal ob er 1000 Kilowattstunden (kWh) im Jahr an Strom abnehme oder 10.000 kWh. Durch die Umstellung würden 65 Prozent der Kunden einen Vorteil haben und weniger zahlen, so Emberger. Bei durchschnittlichen Haushaltskunden mit 3500 kWh Verbrauch betrage der Anteil fast 79 Prozent, bei Kleinkunden erhöhe er sich sogar auf 93 Prozent.

"Prinzipiell profitieren Kleinverbraucher und Kunden, die keine Lastspitzen verursachen", so die Expertin. Es gebe nämlich einige wenige Kunden, die - an einem Zweitwohnsitz bzw. in einem Wochenendhaus - zwar wenig Strom übers Jahr gesehen abnehmen würden, aber wenige Stunden im Jahr viele Geräte gleichzeitig in Betrieb haben.

Neues Modell soll netzdienliches Verhalten honorieren

Die Zukunft sei auch im Verkehr elektrisch, daher dürfen die neuen Netztarife die Mobilität nicht hemmen, sondern sollten sie sogar unterstützen, so Emberger. So könne sich etwa der Besitzer eines BMW i3 entscheiden, ob er sein E-Auto meist schnell oder langsam lädt - auch wenn er in beiden Fällen seinen Strom-Jahresverbrauch von 3500 auf 8000 kWh erhöhen würde, wäre die Netzbeanspruchung eine unterschiedliche. "Dieser Kunde müsste künftig beim Langsamladen in der Jahresrechnung um 31 Euro weniger zahlen, beim Schnellladen aber pro Monat um 9 Euro beziehungsweise im Jahr um 109 Euro mehr zahlen." Das neue Modell werde also ein netzdienliches Verhalten belohnen.

Wichtiger denn je sei die Möglichkeit der Nutzung von Flexibilität. Ein Kunde könne sich dafür entscheiden, seine Flexibilitäten dem Netzbetreiber zur Verfügung zu stellen - bei einer Engpasssituation könne der Netzbetreiber bestimmte Lasten des Kunden abschalten, der Kunde profitiere dabei von geringeren Netzkosten.

Neben der Einführung eines Leistungspreises in kW und Arbeitspreises in kWh prüft man als Variante auch die Einführung eines leistungsgemessenen Tarifs für eine fixe (garantierte) Leistung sowie die Möglichkeit, abschaltbare Last auf einen zweiten unterbrechbaren Zähler zu verlegen; derzeit sei das für Kunden oft unwirtschaftlich, weil Fixkosten von 90 Euro anfallen. Für die Bereitschaft der Unterbrechung hätte der Kunde keinen Leistungspreis, sondern lediglich die Arbeitskomponente zu entrichten. Somit können vermeidbare Netzverstärkungen oder Investitionen in Netze, die sich dann kostenerhöhend in den Netztarifen auswirken, verhindert werden.

Der Rollout der "intelligenten Stromzähler" (Smart Meter) hat sich aus verschiedenen Gründen, etwa technischen, verzögert - aber auch durch die Coronavirus-Pandemie ist es zu Unterbrechungen beim Ausrollen gekommen, wie Emberger sagte. Ende 2018 lag der Ausrollungsgrad mit nicht ganz einer Million Geräte bei 16 Prozent, für 2019 werde der Wert auf rund 28 Prozent geschätzt. An sich hätten, ohne Corona, die 80 Prozent 2021 erreicht sein sollen.

Bei den Smart Meter haben laut Emberger 93 Prozent der Kunden die Standardkonfiguration gewählt mit der täglichen Übermittlung eines Tageswertes im Nachhinein. 4,4 Prozent wählten die Opt-In-Variante mit der Übermittlung von Viertelstunden-Werten, die auch fürs Clearing verwendbar sind. 1,7 Prozent entschieden sich fürs Opt-Out, bei dem nur ein Jahresspitzenwert übermittelt wird (bei der Ablesung oder einem Anbieterwechsel). (apa/kle)