Es ging dann alles sehr schnell. Laptop einpacken, Telefon umleiten, die Büropflanzen gießen. Licht aus, Tür zusperren. Und bloß das Ladekabel nicht liegenlassen! Quasi über Nacht wurde für tausende Arbeitnehmer in Österreich das Zuhause um eine Funktion erweitert. In den eigenen vier Wänden wird jetzt nicht nur gelebt, geschlafen, gegessen, sondern auch gearbeitet. So schnell wie eine Sondereinheit im Krimi ihr mobiles Einsatzkommando einrichtet, haben wir Bildschirm, Mousepad und Headset am Esstisch für unser Heimbüro installiert.

Die Corona-Pandemie hat unser (Arbeits)-leben schlagartig verändert. Zu Beginn der Krise hat die Bundesregierung Unternehmen empfohlen, ihre Mitarbeiter – soweit es geht – ins Homeoffice zu schicken. Bislang war diese Art von Arbeit nur für wenige Branchen geeignet – und auch dort oftmals nur zeitlich beschränkt. In vielen Berufen bietet Homeoffice hingegen keine Alternative. Bäcker müssen ihre Semmeln backen, ein Bauarbeiter muss auf die Baustelle, eine Kassiererin an die Supermarktkasse. Überall dort, wo etwas produziert wird, braucht es Menschen. Ebenso in systemrelevanten Jobs im öffentlichen Verkehr, in Schulen und in Krankenhäusern.

Heimarbeit als Herausforderung

Das Arbeiten zu Hause stellt viele vor große Herausforderungen. Wenn die Wohnung etwa zu klein ist für zwei temporäre Büros. Wenn das Wlan schlapp macht, weil alle gleichzeitig virtuell arbeiten. Wenn ein Elternteil im Videocall steckt und die Kinder quengeln. Wenn nach der Heimarbeit auch noch Heimunterricht zu leisten ist. Kollegen erhalten Einblicke, die eigentlich engen Freunden vorbehalten sind.

Der Arbeitsalltag wird in der Krise neu organisiert. Manche Unternehmen wie etwa der Fertigteilhaus-Hersteller Haas sehen darin eine Chance. "Es gibt Fachkräfte, die sich vorstellen könnten, bei uns zu arbeiten, aber halt nicht in Großwilfersdorf", sagt Geschäftsführer Robert Frischer. Von Graz in die 2000-Einwohner-Gemeinde in der Steiermark sind es rund 40 Minuten mit dem Auto. Der Fahrtweg würde viele potenzielle Fachkräfte wie Statiker abschrecken. "Wenn ich Mitarbeiter mit höherer Qualifikation haben will, muss ich ihnen Homeoffice anbieten können", sagt Frischer.

Chance für Unternehmen

Sein Unternehmen setzte bereits vor der Krise auf digitale Kommunikationstools wie "Teams". Der Umstieg auf die Heimarbeit wurde dadurch erleichtert. "Die Mitarbeiter zeigten großen Willen, wochenlange Einschulungen haben wir uns damit gespart", erzählt Frischer. Innerhalb von einer Woche hat er 66 von 80 Mitarbeitern ins Homeoffice geschickt.
Was gut funktioniere, seien digitale Besprechungen. Kürzer, prägnanter und disziplinierter würde die Arbeit nun ablaufen, erzählt Frischer. Gleichzeitig berichten Mitarbeiter aber von der Doppelbelastung, wenn etwa Kinder zu betreuen sind, nicht ausreichend Platz für ein Büro ist oder der Zugriff auf eine Datei nicht klappt.

Frischer hat Homeoffice vor der Krise nicht aktiv angeboten. Nun zeigt er sich davon begeistert. "Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir Homeoffice beibehalten, wenn es der Mitarbeiterwunsch ist und es das Aufgabengebiet zulässt", sagt er.

Durch die Maßnahmen der Regierung hat sich der Kreis der Homeoffice-Arbeiter plötzlich vergrößert. Aktuelle Zahlen darüber gibt es allerdings nicht. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) hat sich aber angesehen, wie viele Menschen vorher im Homeoffice gearbeitet haben. Die Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria von 2015 gibt über die Verbreitung Auskunft. Demnach waren es rund 13 Prozent der Erwerbstätigen, die teilweise Homeoffice nutzten. Im Bildungswesen oder im Informations- und Kommunikationsbereich tritt Homeoffice konzentriert auf.

Homeoffice mehr bei Höherqualifizierten

Dabei steckt in Homeoffice ein enormes Potenzial, wie das Wifo errechnet hat. Demnach könnten rund 45 Prozent aller unselbstständig Erwerbstätigen inklusive der Lehrkräfte im Homeoffice arbeiten. Basis für die Berechnungen waren Zahlen aus der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria von 2019. Frauen sind laut Wifo mit 47 Prozent etwas stärker vertreten als Männer mit 43 Prozent. Das liegt laut Wifo-Ökonomin Julia Bock-Schappelwein daran, dass Frauen eher in Berufen mit nicht-manuellen Tätigkeiten arbeiten. Homeoffice lasse sich eher in Berufen mit überwiegend nicht-manuellem Tätigkeitsschwerpunkt ohne (ständigen) persönlichen Kundenkontakt und natürlich kaum in solchen mit manuellem Tätigkeitsschwerpunkt einrichten, wie es in dem Wifo-Paper heißt.

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Auffallend sei laut Bock-Schappelwein, dass junge Arbeitskräfte Homeoffice fast nie nutzen, etwa weil sie sich in einer Lehrausbildung befinden. Der Anteil der Nutzung steigt mit zunehmendem Alter und werde vor allem von hochqualifizierten Erwerbstätigen genutzt. Wie Homeoffice und sozioökonomische Situation zusammenhängen, zeigte auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Wien – die "Wiener Zeitung" berichtete. Je höher der Bildungsabschluss, desto eher wird von zu Hause aus gearbeitet. So sind aktuell 13,9 Prozent der Menschen mit abgeschlossener Pflichtschule im Homeoffice, gegenüber 63,4 Prozent mit abgeschlossenem Studium.

Die Zahlen aus Österreich decken sich in etwa denen aus Deutschland. Dort arbeiten rund zwölf Prozent der Angestellten überwiegend oder gelegentlich von zu Hause aus. Laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wäre es bei 40 Prozent der Arbeitsplätze theoretisch möglich. Warum das Potenzial nicht ausgeschöpft wird, hat verschiedene Ursachen. Es liege unter anderen an technischen Hürden, an der Anwesenheitskultur mancher Arbeitgeber und dem Wunsch vieler Beschäftigter, Beruf und Privatleben zu trennen, wie es in einer Analyse des Deutschen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem März 2020 heißt.

Schub für Kreativität

Jakob Dunkl war es vor der Krise gewöhnt, seinen Kollegen physisch gegenüberzusitzen. Er schwenkt seinen Laptop, die Webcam fängt ein leeres Büro ein. Normalerweise arbeiten 43 Menschen im Architekturbüro von Querkraft in Wien. Sie sitzen derzeit zuhause und arbeiten Remote, also mit dem Computer im Büro verbunden. "Die virtuelle Arbeit funktioniert besser als gedacht", sagt Dunkl.

Dabei herrschte zu Beginn der Krise Skepsis. Querkraft beteiligt sich an vielen Architekturwettbewerben, um Aufträge zu akquirieren. "Das ist kreative Arbeit, bei der wir um einen Tisch herumsitzen und brainstormen", erzählt Dunkl. Aus der Not haben sie eine Tugend gemacht. Die virtuellen Meetings seien durchaus inspirierend. "Einer hält eine Skizze in den Bildschirm, ein anderer visualisiert sie sofort in 3D. Das hätte am Konferenztisch nicht so schnell geklappt", sagt der Architekt. Was hingegen fehle, sind die sozialen Kontakte, das gemeinsame Mittagessen oder sich auch mal zu umarmen.

Querkraft versuchte bereits vor der Krise, Arbeit auf die virtuelle Ebene auszulagern. Bei Auslandsprojekten in Rumänien und Vietnam verzichete man auf den Flug. Statt auf Vor-Ort-Besichtigung schickte man Drohnen in die Luft, um sich einen Überblick zu verschaffen. "Es geht auch ohne physischen Aufenthalt im Ausland. Wir können Konferenzen gut mit Skype abhalten", sagt Dunkl. "Wir haben durch die Videotechnologie dazugelernt. Vielleicht wird man in Zukunft weniger Flugmeilen machen", sagt der Architekt.

Wie stark die Arbeitswelt auf Homeoffice umschwenkt, wird sich zeigen. Bei Microsoft verzeichnet man eine "extreme Nachfrage" nach dem Videochat-Tool "Teams". "Viele Unternehmen wurden per Schleudersitz in die Digitalisierung geworfen", sagt Microsoft-Sprecher Thomas Lutz. Er sieht in der Krise einen Katalysator für digitales Arbeiten.

Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag von Raiffeisen Immobilien können sich 74 Prozent jener Menschen, die derzeit im Homeoffice arbeiten, vorstellen, dies auch nach der Krise zu tun.