Die Folgen der Corona-Krise auf dem Arbeitsmarkt sind dramatisch: Mit Ende März war mit 562.522 Arbeitslosen und Personen in Schulungen der höchste Stand seit 1946 zu vermelden. Bei der Arbeitslosenquote gab es einen historisch einmaligen Anstieg in der Zweiten Republik um 4,7 Prozentpunkte auf 12,2 Prozent. Zugleich gingen die Neueinstellungen, wie AMS-Chef Johannes Kopf sagte, "auf fast null zurück". Dazu kommen mittlerweile 1,1 Millionen Personen, für die laut Arbeitsministerium Kurzarbeitsanträge gestellt wurden.

Der Arbeitsmarkt hat also ein Problem, aber nicht alle sind gleichermaßen betroffen: Jüngere mehr als Ältere, weniger gut Ausgebildete mehr als Uniabsolventen, Beschäftigte in Gaststätten und Hotels weit mehr als in anderen Branchen, Männer mehr als Frauen, Ausländer mehr als Österreicher. Der Corona-Shutdown wird nun zwar im Laufe des Mai nochmals gelockert. Mit starken Rückgängen der Arbeitslosigkeit oder der Kurzarbeit ist vorläufig aber noch nicht zu rechnen, geschweige denn einer Normalität am Arbeitsmarkt.

Alle Maßnahmen und damit die weitere Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt sind von Infektionszahlen abhängig, sind Arbeitsmarktexperten zwar enorm vorsichtig, was Prognosen anbelangt. Einige waren aber doch bereit, Thesen, was die mittelfristige Zukunft des Arbeitsmarktes angelangt, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" zu teilen.

Der Arbeitsmarkt-Einstieg könnte Probleme verursachen

Generell sank die Beschäftigung mit dem Shutdown laut Analyse von Julia Bock-Schappelwein und Wifo-Kollegen um fünf Prozent. Jüngere unter 25 Jahren waren mit minus 8,6 Prozent aber deutlich mehr als jene über 55, wo es sogar ein leichtes Plus von 1,2 Prozent gab, betroffen. "Jüngere Arbeitskräfte, die oft als Letzte im Betrieb eingestellt wurden, sind die Ersten, die wieder rausfallen", sagt Bock-Schappelwein. Mit den wenigen Stellenangeboten ist es im Moment außerdem schwieriger, für Absolventen einer Ausbildung eine Anstellung zu finden. Man müsse zwar noch einige Monate abwarten, um Gewissheit zu haben, aber: "Ich mache mir schon Sorgen um Jugendliche, dass manche es nicht schaffen, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen." Auch eine Ferialpraxis, wo es um das Sammeln von Erfahrungen während der Ausbildung geht, könnte heuer vermutlich weniger oder nur eingeschränkt möglich sein. Das hängt davon ab, wie lange Kurzarbeit oder Homeoffice noch der Normalzustand in den Betrieben bleibt.

Weil aktuell auch kaum Lehrstellen ausgeschrieben sind und das Schulsystem vorübergehend auf Sparflamme zurückgefahren ist, hat Gernot Mitter, Arbeitsmarktexperte der Arbeiterkammer Wien, darüber hinaus die These, dass junge Menschen in den kommenden Monaten "entweder später oder schlechter ausgebildet am Arbeitsmarkt auf einen ganz schlechten Lehrstellenmarkt treffen". Dem müsse man entgegenwirken, meint Mitter. Mit der Ausbildungsgarantie gibt es überbetrieblichen Lehren: "Diese könnte man quantitativ als auch qualitativ auf neue Beine stellen - und zum Beispiel um weitere Lehrberufe erweitern, wo Jugendliche, die bei Unternehmen keine Stelle finden, ihre Lehre bis zum Abschluss absolvieren könnten."

Sockelarbeitslosigkeit könnte mittelfristig hoch bleiben

Weil junge Menschen beim Einstieg aber topaktuelle Ausbildung haben und Einstiegsgehälter Unternehmen weniger kosten, wird die Gruppe, sobald die Wirtschaft wieder hochfährt, auch eine sein, wo sich der Arbeitsmarkt schnell erholt. Deshalb könnte der Wiedereintritt nach der Arbeitslosigkeit für andere schwieriger werden, wie auch Christine Zulehners Studie an der Uni Wien zeigt: nämlich jene mit wenig Ausbildung.

Demnach wurden 14 Prozent der Personen mit Pflichtschulabschluss anlässlich des Corona-Shutdowns gekündigt, aber nur 3,5 Prozent von jenen mit einem Lehrabschluss. Mit Matura finden sich 0,9 Prozent, unter Akademikern 0,8 Prozent unter jenen wieder, die den Job gleich zu Beginn verloren. Darüber hinaus waren unter den Ersten, die zur Kurzarbeit angemeldet wurden, 39 Prozent unselbständige Erwerbstätige mit Pflichtschulabschluss, 25,6 Prozent mit einem Lehrabschluss, 22,2 Prozent mit Matura und 17,9 Prozent Uni-Absolventen, die "Wiener Zeitung" berichtete.

Mitter glaubt, dass eine hohe Sockelarbeitslosigkeit droht: "Und zwar bei jenen, die von den Unternehmern als weniger produktiv eingeschätzt werden: jene mit weniger Bildung, Ältere, jene mit gesundheitlichen Problemen, Alleinerziehende oder jene, die pflegen." Aus den letzten Konjunkturzyklen wisse man, dass diese auch im Aufschwung zu den letzten gehörten, die wieder Arbeit fanden. Mitter schlägt eine neue Aktion 20.000 in den Gemeinden vor, auch eine Förderung von Jobs in sozioökonomischen Betrieben böte Chancen.

Der Tourismus könnte längerfristig darben

Neu an dieser Krise ist jedenfalls, dass eine Branche besonders betroffen ist - und zwar der Tourismus: In der Beherbergung und der Gastronomie sank die Beschäftigung laut Wifo-Analyse am stärksten mit einem Minus von 41,2 Prozent, also fast einer Halbierung; im Arbeitskräfteverleih mit minus 23,4 Prozent und auch am Bau mit minus zehn Prozent.

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Ähnlich auch bei der Kurzarbeit: Mit Stand 22. April waren laut Agenda Austria 35 Prozent der Beschäftigten der beiden Tourismus-Branchen in Kurzarbeit, 40 Prozent am Bau. Auch in Berufen rund um Kunst, Erholung und Unterhaltung, wo der Tourismus ebenfalls eine große Rolle spielt, sind 47 Prozent zur Kurzarbeit und vier Prozent arbeitslos gemeldet. Zwar dürfen Gastronomen nun mit 15. Mai und die Hotels mit 29. Mai wieder öffnen, noch ist aber ungewiss, wie die Gäste das goutieren. "Das oft locker ausgesprochene Hochfahren wird gerade in diesen Bereichen sehr schwierig werden", sagt Agenda Austria-Ökonom Denes Kucsera.

Die betroffenen Unternehmen gehen laut aktuellem Wifo-Konjunktur-Test jedenfalls vom Schlimmsten aus: Der Index, der die Wachstumserwartung der Unternehmen im April widerspiegelt, liegt schon insgesamt bei minus 28,2 Punkten, ein "extrem katastrophaler Wert", sagt Wifo-Experte Werner Hölzl. In der Beherbergung und Gastronomie aber ist er mit minus 59,4 Punkten nochmals deutlich pessimistischer - und hat nach minus 40,4 Punkten im März einen neuen Tiefststand erreicht. Demzufolge ist auch die Beschäftigungserwartung in dieser Branche deutlich negativ: Der Saldo aus jenen, die in den kommenden drei bis sechs Monaten mehr oder weniger beschäftigen wollen, liegt bei minus 55 Prozent. Es ist also nicht verwunderlich, dass Thomas Grandner, Institutsleiter für Arbeitsmarkttheorie und -politik an der Wirtschaftsuniversität Wien, die Zukunft des Arbeitsmarktes im Tourismus am schwärzesten sieht: "Ich glaube nicht, dass innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre wieder Normalität zurückkehrt."

"Der Beschäftigungsmotor Tourismus wird deutlich stottern", stellt auch AK-Experte Mitter als These auf. Ein Indiz dafür, dass er recht behält, ist, dass der Kongresstourismus nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 drei Jahre gebraucht hat, um auf das Vorkrisenniveau zurückzukehren. Dieses Mal aber geht es nicht nur um Geld, das Unternehmen dafür ausgeben. Zusätzlich ist die internationale Reisefreiheit beschränkt, noch unklar ist, wann das wo aufgehoben wird. Auch die Sorge, sich in anderen Ländern mit dem Coronavirus anzustecken, dürfte das internationale Gästeaufkommen in Österreich schmälern.

"Es wird wohl dauern, bis US-Amerikaner wieder im großen Stil reisen", sagt Mitter beispielsweise. Und: "Wir müssen wohl neue Jobs außerhalb des Tourismus schaffen und Leute umschulen." Potenzial dafür sieht er im ohnehin notwendigen Strukturwandel, im Kampf gegen die Klimakrise, wo Arbeitsplätze sowohl in der thermischen Sanierung als auch im Ausbau alternativer Energien entstehen. Potenzial gebe es auch durch die Digitalisierung und in sozialen Dienstleistungen. Sowohl Informations- und Kommunikationstechnologie als auch das Gesundheits- und Sozialwesen hatten schon in der Krise Beschäftigungszuwächse.

Frauen könnten zurückgedrängt werden

Männer waren laut Wifo-Studie mit 5,6 Prozent zwar stärker vom Beschäftigungsrückgang als Frauen mit minus 4,1 Prozent betroffen. Eine Wifo-Studie zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf Frauen zeigte aber, dass der Rückgang bei Frauen stärker als bei Männern auf einige wenige Wirtschaftsbereiche konzentriert ist. Die höchsten Rückgänge verzeichnete die Frauenbeschäftigung im von der Krise gerade besonders gebeutelten Beherbergungs- und Gaststättenwesen. Und Frauen büßten im Tourismus stärker als Männer an Beschäftigten ein, darunter auch viele Höherqualifizierte. Eine Studie zum Homeoffice-Potenzial zeigt, dass Frauen zu 47 Prozent Berufe haben, die Arbeit von zu Hause aus ermöglicht. Bei Männern sind es 43 Prozent.

Theoretisch hätten Männer, die vermehrt im Homeoffice, in Kurzarbeit oder nun arbeitslos sind, nun auch mehr Kinderbetreuungspflichten übernehmen können. Es gibt aber bereits Indizien dafür, dass eher Mütter statt Väter Homeschooling und Betreuung übernommen haben. Zulehner macht zum Beispiel auf die eingereichten wissenschaftlichen Arbeiten während der Krise aufmerksam: Das renommierte "Journal of the European Economic Association" hatte etwa vom 11. März bis 20. April 2020 von ausschließlich männlichen Forschergruppen 66 Prozent Einreichungen, 2019 waren es 58 Prozent im selben Zeitraum. Von rein weiblichen Gruppen gab es heuer nur vier Prozent statt elf im Zeitraum 2019. "Wissenschaftlerinnen haben also im Homeoffice vermutlich stärker zugleich auch Zeit für Kinder aufgewendet, das könnte auch in anderen Branchen so sein", sagt Zulehner.

Auch Christine Mayrhuber, die an der Wifo-Studie zu den Effekten der Corona-Krise auf Frauen mitgewirkt hat, ist eher pessimistisch, dass es zu einer gleicheren Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit kommt. Im Gegenteil: "Nach der Krise werden wir eine relativ hohe Arbeitslosigkeit haben. Wenn Erwerbsarbeit ein knappes Gut ist, werden Männer bessere Chance haben, sich im Verteilungskonflikt um den stark geschrumpften Kuchen durchzusetzen."

Der Einstieg in den Arbeitsmarkt könnte Probleme verursachen

Im Verteilungskonflikt werden auch ausländische Arbeitskräfte eine Rolle spielen: Ausländische Staatsangehörige waren mit minus 10,5 Prozent laut Bock-Schappelweins Analyse deutlich stärker als alle generell betroffen. Bei jenen mit Wohnsitz außerhalb Österreichs ging die Beschäftigung sogar um 14,9 Prozent zurück.

Ob diese Renationalisierung des Arbeitsmarktes länger so bleibt, möchte aber keiner der Ökonomen und Arbeitsmarktexperten im Moment als These aufstellen, die Ein- und Ausreisebestimmungen und die Virusbetroffenheit sind viel zu unterschiedlich, um Valides zu sagten. Kucsera von der Agenda Austria sagt nur so viel: "Eine verstärkte und große Veränderung ist aber nicht wünschenswert, weil Österreich in vielen Bereichen ja auch auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen ist."