Der Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS), Herbert Buchinger, hat angesichts der jüngsten Arbeitsmarktzahlen die Bedeutung der Kurzarbeit hervorgehoben: "Das Vertrauen der Unternehmen in Kurzarbeit ist erheblich", sagte er am Montag im Ö1-Mittagsjournal des ORF-Radio. Angesprochen auf den vergleichsweise schwächeren Anstieg der Arbeitslosigkeit von März auf April meinte er, es hätten auch Firmen Leute, denen sie schon gekündigt hätten, zurückgeholt und in Kurzarbeit geschickt.

Eine Verlängerung der für zwei mal drei Monate angesetzten speziellen Corona-Kurzarbeit erwarte er nicht, aber Kurzarbeit an sich werde auch nach dem Auslaufen der Corona-Kurzarbeit im Herbst weitergehen. So würden viele Betriebe, etwa in der Kfz-Industrie oder Zulieferer, wohl noch länger unter der schwachen Konjunktur leiden. Die schwache Sommersaison sei schon eingepreist in den Arbeitsmarktzahlen.

Die Corona-Krise hat den Arbeitsmarkt schwer getroffen. Die Arbeitslosigkeit ist in Österreich im April um 58 Prozent auf 571.477 Personen gestiegen. Damit liegt die Arbeitslosenquote derzeit bei 12,8 Prozent - das entspricht einer Steigerung von 5,5 Prozentpunkten. Sie hat damit einen neuen historischen Höchststand erreicht. Im Vorjahresvergleich stiegen die Zahlen um 58,2 Prozent, damit waren Ende April um 210.275 Personen mehr ohne Job als im April des Vorjahres.

Auch gegenüber Ende März mit 562.522 von Arbeitslosigkeit Betroffenen gab es noch einen Anstieg. Die Arbeitslosenquote stieg um 5,5 Prozentpunkte auf 12,8 Prozent. Die Arbeitslosigkeit stieg in allen Altersgruppen, in allen Branchen und in allen Bundesländern sehr stark. Die Zahl der gemeldeten offenen Stellen sank um ein Drittel.

Künftig sollen wöchentlich gemeinsam mit den Kurzarbeitszahlen auch Arbeitslosenzahlen bekanntgegeben werden. Das AMS werde am 15. Mai wieder Schulungen aufnehmen.

Arbeitsministerin sieht Höhepunkt erreicht, AMS erwartet diesen im Jänner 2021

Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) sieht den Höhepunkt der Arbeitslosenzahlen aus derzeitiger Sicht Mitte April erreicht. Gleichzeitig sei man aber auch abhängig von der weiteren gesundheitlichen Entwicklung. Im Ö1-Mittagsjournal angesprochen auf Forderungen etwa von der Gewerkschaft nach Erhöhung des Arbeitslosengeldes blieb sie zurückhaltend, man werde sich alle Vorschläge am Tisch genau anschauen.

AMS-Chef Buchinger blickt weiter in die Zukunft. Er erwartet den Höhepunkt der Arbeitslosigkeit erst im Jänner 2021. Im Sommer 2020 werde die Arbeitslosigkeit saisonbedingt etwas zurückgehen, um im Herbst wieder anzusteigen. Dann werde die verbleibende Corona-Arbeitslosigkeit mit der Winterarbeitslosigkeit zusammentreffen. "Wenn eine noch immer gedrosselte Konjunktur mit an sich schon hoher Winterarbeitslosigkeit zusammenfällt, da ist das Risiko sehr groß, dass das selbst die April-Zahlen noch einmal leicht überschreiten wird."

Kurzarbeitsgeld werde im Nachhinein ausgezahlt, für die Sicherstellung der Liquidität mittels kurzfristiger Überbrückung seien die Banken zuständig, so Buchinger. Wenn diese das gut erledigten, könnten die Betriebe das durchtauchen, ist der AMS-Vorstand überzeugt. Er dankte den Mitarbeitern der Bundesbuchhaltungsagentur und der Gesundheitskasse, die dem AMS bei der Bearbeitung der Kurzarbeitsanträge helfen.

Zahl der Arbeitslosen in Tirol mehr als verdoppelt

Die Coronakrise trifft die Arbeitsmärkte in den Bundesländern deutlich unterschiedlich: Während sich die Anzahl der Arbeitslosen und Schulungsteilnehmer Ende April im Vergleich zum Vorjahresmonat in Tirol auf knapp 47.000 mehr als verdoppelte (+108 Prozent), stiegen die Zahlen in Wien um 41 Prozent auf über 197.000.

In Salzburg gab es 31.501 Personen ohne Job (+82,7 Prozent) und in der Steiermark waren es 69.644 (+77,1 Prozent). Niedriger fiel der Anstieg in Kärnten (+65 Prozent), Oberösterreich (+64,8 Prozent), Burgenland (+61,8 Prozent), Vorarlberg (+57,8 Prozent) und Niederösterreich (+53,8 Prozent) aus. Die Arbeitslosenschulungen des AMS waren aufgrund der Coronavirus-Pandemie seit Mitte März ausgesetzt und werden mit Mitte Mai sukzessive wieder aufgenommen.

Nach Altersgruppen am geringsten fiel der Arbeitslosenanstieg im April österreichweit bei Jüngeren aus: Bei Personen unter 25 Jahren gab es ein Plus von 45,7 Prozent auf 83.784 Personen, bei den 25 bis 49-Jährigen einen Zuwachs von 65,9 Prozent auf 332.775 und bei 50-Jährigen sowie Älteren eine Zunahme von 50,3 Prozent auf 154.918 Betroffene.

Frauen und Männer sind am Arbeitsmarkt ähnlich stark von der Coronakrise betroffen. Bei Frauen stiegen die Arbeitslosenzahlen um 56,8 Prozent auf 272.351, bei Männern um 59,5 Prozent auf 299.126. Bei Inländern nahm die Arbeitslosigkeit etwas weniger zu (+53,7 Prozent) als bei ausländischen Arbeitskräften (+67 Prozent).

91.460 Anträge auf Kurzarbeit genehmigt

Per 1. Mai hat das AMS 91.460 Anträge für Corona-Kurzarbeit von Unternehmen mit einer Bewilligungssumme von fast 8,8 Milliarden Euro genehmigt. Am vergangenen Freitag waren insgesamt 104.007 Anträge auf Kurzarbeit in Bearbeitung, davon sind bei 100.281 Anträgen ausreichend Informationen vorhanden, teilte das Arbeitsministerium am Montag mit. Diese Anträge würden 1,25 Millionen Arbeitsplätze umfassen.

Rund 40 Millionen Euro wurden bisher ausgezahlt. Das AMS und die Buchhaltungsagentur arbeiten die Abrechnungen laut eigenen Angaben derzeit fast taggleich ab.

"Insgesamt sehen wir, dass die Kurve der eingegangenen Anträge seit einigen Tagen abflacht", kommentierte Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) die aktuellen Kurzarbeitszahlen. Durch die Corona-Kurzarbeit hätte man schnell Arbeitsplätze und Einkommen gesichert.

Die Zahl der Kurzarbeit-Anträge von Unternehmen ist bis 1. Mai in allen Bundesländern weiter leicht gestiegen. Die meisten Anträge gibt es in Wien mit 23.157, gefolgt von Niederösterreich (17.674), Oberösterreich (17.178), Steiermark (13.785), Tirol (9.708), Salzburg (8.107), Kärnten (6.133), Vorarlberg (5.200), Burgenland (3.065).

Sozialpartner arbeiten an Wirtschaftspaket

Die Regierungsspitze hat sich am Montag mit den Sozialpartnerspitzen getroffen, um über Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft zu sprechen. Nun sind Arbeitsgruppen der Sozialpartner und einiger Ministerien an der Reihe, die in zwei bis drei Wochen konkrete Maßnahmen erarbeiten sollen. ÖGB-Chef Wolfgang Katzian sei zuversichtlich, "dass wir gemeinsam etwas zustande bringen können". Angesichts der Arbeitslosenzahlen und der geringen Zahl an offenen Stellen habe es "natürlich oberste Priorität, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen" und mehr Kaufkraft zu sichern. Daher habe er heute die Nettoersatzrate (Arbeitslosengeld im Verhältnis zum letzten Netto-Arbeitslohn) zum Thema gemacht. Er habe den Eindruck, das werde "Teil der Überlegungen sein".

WKÖ-Chef Harald Mahrer hob hervor, dass zwar viele Unternehmen eine Zukunftsperspektive hätten, aber nicht alle. Daher müsse man den Firmen helfen, wo die Perspektive fehle. Da gehe es insbesondere um Tourismus und Gastronomie, die von internationalen Gästen abhängen. Gemeinsam habe man das Ziel, dass die Unternehmen wieder ins volle Geschäft kommen, denn das bedeute auch volle Beschäftigung und vollen Konsum.

Man müsse schauen, aus der Kurzarbeit wieder möglichst viele Menschen "in normale Beschäftigung mit normaler Bezahlung" zu bekommen, so Katzian. Deshalb solle das Kurzarbeitsmodell für die neue Situation, die sich bis zum Jahresende ergeben dürfte, "weiterentwickelt" werden, kündigten Mahrer und Katzian an. Dazu werden die Sozialpartner ein Modell entwickeln und dann mit der Regierung sprechen.

Katzian fordert außerdem einen Corona-1000er als Belohnung für jene Menschen, die sich in der Krise einem besonders hohen Risiko ausgesetzt haben. (apa/red)