Kurzarbeit ist ein kluges Instrument in der Krise. Denn damit lässt sich verhindern, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter kündigen müssen. Der Arbeitnehmer erhält 80 Prozent seines bisherigen Nettoeinkommens, bei Geringverdienern sind es sogar 90 Prozent. Und die Unternehmer entlastet die Kurzarbeit, weil sie nur die tatsächlich angefallenen Stunden zahlen müssen. Den Differenzbetrag übernimmt das Arbeitsmarkt Service (AMS). Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren davon. Alles gut also? Mitnichten.

In der Praxis erweist sich die Kurzarbeit als nicht unproblematisch. Unternehmen beklagen eine überbordende Bürokratie. Vor allem aber müssen sie die Gehälter für ihre Mitarbeiter vorstrecken. Denn das AMS zahlt erst im Nachhinein. Das verstärkt die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen die krisengebeutelten Unternehmen ohnehin schon kämpfen.

Helmut Letofsky schlägt sich durch. Er führt ein Messe- und Standbauunternehmen in Groß Enzersdorf, das sich auf Pharmakongresse spezialisiert hat. Die Pandemie riss ein Riesenloch in sein Auftragsbuch. Mehr als eine halbe Million Euro Umsatz ist ihm entgangen. "Ich habe null Aufträge bis September", sagt Letofsky. Dafür landen jede Menge Stornierungen und Absagen in seinem E-Mail-Postfach.

Letofsky hat am 27. März seine sieben Mitarbeiter zur Kurzarbeit angemeldet. Kündigen wollte er niemandem. "Als Messebauer brauche ich verlässliche Mitarbeiter", sagt er. Sechs Wochen musste er auf die Genehmigung der Kurzarbeit warten. 55.000 Euro hat ihm das AMS garantiert. Geld hat er noch keines bekommen. Die April-Gehälter hat er seinen Mitarbeitern bereits überwiesen. Doch bald ist auch das Urlaubsgeld fällig. Sonderzahlungen fallen jedoch nicht in die Kurzarbeits-Regeln. Letofsky muss es zu 100 Prozent selbst bezahlen.

Mit Rücklagen und zwei privaten Sparbüchern konnte sich der Messebauer eine Zeit lang über Wasser halten. An einem Kredit führte aber kein Weg vorbei. Mit der schriftlichen Kurzarbeits-Zusage des AMS hat er bei seiner Hausbank einen Überbrückungskredit erhalten. Bis Anfang September hat er einen Liquiditätsbedarf von 250.000 Euro. Über die Zinsen hat er noch gar nicht mit der Bank gesprochen. "Jede Hilfe ist besser wie keine", sagt Letofsky.

1,3 Millionen Erwerbstätige in Österreich sind inzwischen in Kurzarbeit. Die meisten Kurzarbeitsanträge gibt es im Handel, in der Gastronomie, in der Baubranche und bei der Warenherstellung. Die Regierung stellt dafür insgesamt zwölf Milliarden Euro zur Verfügung. Davon wurden aber erst 273 Millionen Euro ausbezahlt. Laut Ministerium wurden rund 108.000 Anträge genehmigt, knapp 29.000 Unternehmen haben bisher Geld bekommen.

Auch der Optiker E. wartet auf das Geld vom AMS. Er arbeitet im Backoffice in einem Wiener Brillengeschäft. Seinen richtigen Namen will E. nicht in der Zeitung lesen. Die drei Mitarbeiter wurden Ende März für April zur Kurzarbeit angemeldet. Diese wurden auch bewilligt. Doch bis heute hat der Betrieb kein Geld bekommen. "Wir haben viel Verständnis, aber wir müssen die 85 Prozent der Gehälter auch bezahlen", sagt E.

Das Geld wird knapp

Als Optiker durfte das Geschäft während des Lockdowns offen sein. Die Kunden hielten sich aber zurück. Die Umsätze sind seither um 60 Prozent eingebrochen. Zwei Monatsgehälter hat E. den Mitarbeitern bereits überwiesen. Nun stehen die Urlaubsgelder an. Das Geld werde langsam knapp. Über einen Kredit bei der Bank habe er sich schon informiert, sagt E. Wegen des bürokratischen Aufwands hat er aber letztlich darauf verzichtet. "Wir zahlen unsere Mitarbeiter weiter, auch wenn es aus der privaten Tasche kommt", sagt E.

Berichte über Unternehmen, die auf die Kurzarbeitsgelder warten, häufen sich. Laut dem Arbeitsministerium würden viele Unternehmen nicht wissen, dass eine Genehmigung der Kurzarbeit noch nicht zu einer Auszahlung führt. "Erst nach der Einreichung der Ausfallstunden pro Monat fließt Geld", teilt eine Sprecherin mit. Nach zwei bis drei Werktagen erfolge die Auszahlung, heißt es. E. aus dem Brillengeschäft hat vorige Woche die ausgefallenen Stunden bekanntgegeben, Messebauer Letofsky bereits am 8. Mai. Offenbar dauert es manchmal trotzdem länger.

Letofsky sieht für die Zukunft schwarz. "Ich habe bereits zwei Stornierungen für den Herbst bekommen.". Dabei ist diese Jahreszeit ohnehin schwächer. Im Frühling macht er 60 bis 65 Prozent seines Jahresumsatzes. "Das holen wir nicht wieder auf. Die Veranstalter sind obendrein unsicher wegen einer zweiten Covid-19-Welle", sagt Letofsky. Ohne Umsätze wird es für ihn schwierig, die Stundungen zurückzuzahlen: von Leasingraten für seine Firmenwagen über die Steuern bis hin zur Gesundheitskasse. "Das ist der Hinkelstein, den wir mittragen".