Themis, ein 2009 gegründetes Wiener Unternehmen, das sich auf Impfstoffe und Krebstherapie spezialisiert hat und der US-Pharmagigant MSD (Merck Sharp & Dohme bzw. Merck & Co), gaben heute in einer gemeinsamen Aussendung den Abschluss eines definitiven Vertrags zur Übernahme von Themis durch MSD bekannt.

Seit Gründung von Themis wurden in mehreren Investitionsrunden immer mehr Partner an Bord geholt: Neben Omnes Capital oder Ventech konnten Wellington Partners, der aws Gründerfonds (die Förderbank der Republik), der New Yorker Investment Fonds GHIF - mit der Bill & Melinda Gates Foundation im Hintergrund - sowie seit dem vergangenen Jahr Farallon Capital, Hadean Ventures, Adjuvant Capital und nun eben Merck Inc./MSD (Merck Sharp & Dohme, in den USA: Merck & Co.) gewonnen werden.

Erich Tauber, CEO des Wiener Biotech-Unternehmens Themis Bioscience. - © Jeff Mangione/Themis Bioscience
Erich Tauber, CEO des Wiener Biotech-Unternehmens Themis Bioscience. - © Jeff Mangione/Themis Bioscience

Themis war zuletzt mit einem Impfstoff-Ansatz für das Coronavirus SARS-CoV-2 in den Medien. Themis Biosciences CEO Erich Tauber erklärte im "Wiener Zeitung"-Interview Anfang April den Ansatz einer sogenannten Virus-Vektorplattform: "Wir bauen im Labor den Wolf im Schafspelz. […] Wir verwenden den normalen Masern-Virus-Impfstoff und bauen mit gentechnischen Methoden fremde Antigene oder auch fremde Proteine ein. In dem Fall, um den es jetzt - und wahrscheinlich noch viele Monate - geht, machen wir das mit einem bestimmten Oberflächenprotein - dem sogenannten Spike-Protein - des Sars-CoV-2-Coronavirus." Dieses Spike-Protein soll das Immunsystem zu einer wirksamen Immunreaktion bringen.

"WIr bauen das Dach gleichzeitig mit dem Keller

"Wir arbeiten bei Covid-19 mit einer bisher nie dagewesenen Geschwindigkeit. Wir bauen das Dach gleichzeitig mit dem Keller", sagte Tauber im April im "Wiener Zeitung"-Interview: "Eine der Herausforderungen ist: Wie bringen wir das Spike-Antigen an den Vektor - also an das Masern-Impfstoff-Virus. Themis hat dann die Hauptverantwortlichkeit für die Produktion, klinische Entwicklung und Zulassung. Die University of Pittsburgh wiederum hat Zugang zu Tierprüfungen. Man wird bei Covid-19 ja sehr früh große Bevölkerungsschichten impfen müssen. Da kann man nicht auf jahrelange Beobachtungen warten, wenn man so bald wie möglich tausende oder hunderttausende Menschen impfen will."

Ursprünglich wurde dieses Plattform-System von Wissenschaftlern des weltweit angesehenen Forschungsinstituts für Impfstoffe, dem Pariser Institut Pasteur, entwickelt, das diese Technologie für bestimmte Anwendungsgebiete an Themis lizensiert hat. Seit März 2020 arbeitet Themis mit dem Institut Pasteur und dem Center for Vaccine Research an der University of Pittsburgh zusammen, um einen Impfstoffkandidaten gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln. Dieses Projekt wird auch durch die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) finanziell unterstützt. Zuvor wurde die Plattform-Technologie bereits für die Entwicklung von Impfstoffkandidaten gegen SARS, Chikungunya, MERS und Lassa-Fieber verwendet.

"Basierend auf der wegweisenden Arbeit des Institut Pasteur hat sich das Team von Themis eine spezialisierte Expertise erarbeitet, die MSDs eigene Fähigkeiten im Bereich der Forschung, Entwicklung, Herstellung sowie dem weltweiten Vertrieb von Impfstoffen optimal ergänzt", wird Dr. Roger M. Perlmutter, Präsident von Research & Development, MSD in der gemeinsamen Aussendung von MSD und Themis zitiert. "Wir freuen uns darauf, unsere Stärken zu vereinen, um in naher Zukunft sowohl einen wirksamen Impfstoff gegen COVID-19 zu entwickeln als auch einen Pandemieplan für andere aufkommende Krankheitserreger, die eine zukünftige epidemische Bedrohung darstellen, aufzubauen".

Die Übernahme von Themis durch einen finanziell potenten Partner aus der Big-Pharma-Welt soll die Entwicklung des COVID-19-Impfstoffkandidaten von Themis beschleunigen. Vor allem das Vertriebspotenzial und die Kapitalausstattung von MSD sollen es Themis ermöglichen, die Impfstoffe schneller und weltweit in entsprechender Menge anzubieten. Derzeit wird der SARS-CoV-2 Impfstoff im Tierversuch getestet, die klinischen Studien sollen zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr 2020 beginnen.

Transaktion muss noch genehmigt werden

"Die Übernahme durch MSD, einem global führenden Unternehmen im Bereich der Impfstoffentwicklung, spiegelt Themis‘ Erfolg wider, seine vielseitige Immunmodulationsplattform, die auf initialen Entdeckungen des Institut Pasteur aufbaut, einzusetzen", so Erich Tauber, CEO von Themis in der Aussendung. "In naher Zukunft werden wir unsere gemeinsamen Ressourcen auf die Entwicklung und den weltweiten Ausbau der Produktionskapazitäten für unseren SARS-CoV-2-Impfstoffkandidaten fokussieren". Der Präsident des Institut Pasteur, Stewart Cole kommentiert die geplante Übernahme von Themis durch MSD in der gemeinsamen Aussendung von MSD und Themis mit folgenden Worten: "Ich freue mich, dass die ursprünglich vom Institut Pasteur entwickelte Impfstofftechnologie, die durch die Partnerschaft mit Themis weiter vorangetrieben wurde, nun von MSD genutzt wird, um Impfstoffkandidaten zur Prävention und Eindämmung von aufkommenden Infektionskrankheiten, insbesondere von COVID-19 zu entwickeln. Dies ist eine aufregende und bedeutende Entwicklung für die Weltgesundheit."

MSD betont in der Pressemeldung, dass das Unternehmen großen Wert darauf legt, sicherzustellen, dass alle Impfstoffe, die von MSD gegen SARS-CoV-2 entwickelt werden, weltweit zu günstigen Konditionen zugänglich gemacht werden. Der Impfstoff soll in Produktionsstätten in den USA und in Europa produziert werden.

Der aws Gründerfonds war seit 2016 beteiligt und sieht sich in seinem Investment bestätigt. "Als der aws Gründerfonds 2016 sehr früh im Rahmen einer Series B-Finanzierungsrunde ins Unternehmen eingestiegen ist, hat sich uns bereits ein enormes Potenzial gezeigt. Dieses Potenzial wurde nun nicht nur bestätigt, sondern in mehrfacher Hinsicht übertroffen. Themis Bioscience hat einen strategischen Partner von seiner Technologie überzeugen können und hat so die Möglichkeit zur internationalen Kommerzialisierung ihrer Impfstofffamilie", sagt aws Gründerfonds-Geschäftsführer Ralf Kunzmann in einer Aussendung des aws Gründerfonds. Kunzmann fügt hinzu: "Durch den erfolgreichen Exit mit hoher Rendite fließt nicht nur Kapital zurück in den Standort, sondern Wien kann sich erneut als internationaler Hotspot im Biotech-Bereich zeigen."

Forschung und Entwicklung von Themis Bioscience werden weiterhin aus Wien betrieben. "Themis Bioscience zeigt auf, wie viel Know-How gerade im Bereich der Life Sciences in Österreich vorhanden ist. Mit dem Investment in den Standort Österreich wird die Life Science-Branche nun noch weiter gestärkt, das liefert die Basis für weitere Innovationen Made in Austria", wird Margarete Schramböck, Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort in der aws Gründerfonds-Aussendung zitiert.

Der Abschluss der Transaktion ist jetzt noch abhängig vom Ablauf oder einer früheren Beendigung der Warteperiode im Rahmen des Hart-Scott-Rodino Antitrust Improvements Act sowie der Fusionskontrollfreigabe in Österreich und anderen üblichen Bedingungen.

Merck-Chef bezweifelt Zeitrahmen für Impfstoffe

Ken Frazier, CEO des US-amerikanischen Pharmakonzerns Merck, zog den Zeitraum von zwölf bis 18 Monaten für die Entwicklung eines wirksamen Coronavirus-Impfstoffs in Zweifel und bezeichnete den weit verbreiteten Zeitplan als "sehr aggressiv". Impfstoffe sollten in "sehr
großen" klinischen Studien getestet werden, die mehrere Monate, wenn nicht Jahre dauern,
sagte er gegenüber der Financial Times. "Man möchte sichergehen, dass ein Impfstoff, der bei Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen eingesetzt wird, sicher ist."