Mahlzeit!, hallt es maskengedämpft durch den Gang. Zwei Monate lang hat sich Farangis Firozian nach diesem Mittagsgruß gesehnt. Er bedeutet für sie Alltag, Routine und Normalität. Die alte wohlgemerkt.

Firozian ist Lokalbesitzerin. Ihr gehört das Soul Kitchen in der Hinteren Zollamtstraße 2b, im dritten Bezirk, in Wiens Ministeriums-Hub. Mit drei anderen Wirten teilt sie sich den Standort auf dem "HIZO Speiseplateau" gleich neben dem Finanzministerium. Mehr als 5000 Leute sind jeden Mittag in Firozians potenziellem Versorgungsradius. Es sind Beamtinnen und Mitarbeiter aus dem Finanzministerium, dem Bundesfinanzgericht, dem Verkehrsministerium, dem Finanzamt, dem Justizzentrum. Mit ihren Mitbewerbern stellt Firozians Soul Kitchen die Kantine der Republik. Es ist ein perfekter Standort. Wären nicht alle im Homeoffice.

Seit 15. Mai darf die Gastronomie wieder aufsperren. Nach zwei Monaten im Lockdown ist es ein Aufatmen für die 6000 Betriebe in Wien. Doch nach einer Woche sieht es eher nach Schnappatmung aus. Die ersten Lokale haben bereits wieder zugesperrt. Nach der Devise "zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig" entschuldigt sich etwa das Café Museum bei seinen Gästen: "Sobald die Frequenz einen wirtschaftlichen Betrieb erlaubt, sind wir wieder für Sie da." Schwarze Zahlen schreiben sich nicht von selbst. Für drei Kaffees ein Lokal aufzumachen, rentiert sich nicht, umso weniger, wenn man nach zwei Monaten Betriebsausfall auf einem Berg von Kosten sitzt, der von Tag zu Tag wächst.

Grenzen der Solidarität

50.000 Euro beträgt dieser Berg derzeit bei Farangis Firozian. Mit jedem offenen Tag versucht sie, ihn ein Stück weit nach unten zu drücken. "Danke, dass ihr alle wieder da seid", ruft sie ihren Gästen an der Kassa zu, bevor sie wieder hinter der Anrichte verschwindet. Es ist 13 Uhr und hektisch in der Soul Kitchen. Fast so, als wäre nie etwas gewesen. Während Männer und Frauen hungrig die Menütafel studieren und zwischen gefüllten Ofen-Melanzani und Kokoscurry schwanken, delegiert die 37-Jährige ihre drei Mitarbeiterinnen, schöpft Reis in die Schüsseln, drapiert Desserts.

Es ist eine eingespielte Choreografie zwischen den Frauen. Sie rennen, servieren, rechnen ab. Eigentlich wie immer, wäre da nicht das Plastikrevers vor dem Gesicht und die Nervosität in den Augen.

Fünf Gäste kamen am ersten Tag, 10 am zweiten, 57 am dritten. In der Regel sind es doppelt so viele. "Fast alle, die heute da waren, sind Freunde, die aus Solidarität gekommen sind", relativiert Firozian, wenn sie am Nachmittag nach getaner Arbeit in ihrem Gastgarten sitzt. Solidarität hat irgendwann ihre Grenzen. Auf Dauer müsse sie sich auf ihre Stammgäste verlassen können. Von denen waren heute kaum welche da. Gerade einmal fünf hat sie gezählt. Der Rest sitzt immer noch zu Hause. Bis zum Herbst wurde ihr mitgeteilt. Voraussichtlich.

Das Wort hat sich bei Firozian in den vergangenen Monaten eingebrannt. Was am Vormittag noch gilt, ist am Abend schon obsolet. Während der Rest der Nation schon entnervt wegzappt, wenn das maskierte türkis-grüne Regierungsquartett aus dem Fernsehschirm heraus den Stand der Lage erklärt, hängt ihm Firozian wie tausende andere Unternehmerinnen an den Lippen. Jede Verordnung, jeder Zuschuss, jedes auszufüllende Formular bestimmt über Ruin oder Überleben der beruflichen Existenz.

"Schweinerei" der Versicherungen

Anfangs dachte Farangis Firozian, dass es nie so weit kommen werde. Dass sich schon eine österreichische Lösung für das Virus finden lasse, eine mit Auflagen, Abstand, Masken und Desinfektionsmittel. So wie jetzt eben. Dass alle Betriebe dann am Dienstag, den 17. März, zusperren mussten, war jenseits ihrer Vorstellungskraft. Noch am Wochenende davor hatten sie das Catering einer Veranstaltung zu verantworten, die 24 Stunden vor Beginn, abgesagt wurde. Danach begann das Rennen gegen die Zeit. 14.000 Euro betragen ihre Kosten im Monat: Löhne, Miete, bereits bestellte Ware, alles will gezahlt sein. Die Welt dreht sich schließlich weiter, egal wie sehr sie am Beatmungsgerät hängt.

Als Unternehmerin hat sie den Worst Case immer im Hinterkopf, ist dagegen sogar versichert. 120 Euro zahlt sie im Monat für ihre Betriebsunterbrechungsversicherung. Als der Worst Case am 17. März dann eintritt, weigert sich die Versicherung hingegen, "da zu sein, selbst, wenn die Welt kopfsteht", wie sie in der Werbung versprochen hatte. Voller Bedauern rechtfertigt ihr Betreuer die Entscheidung damit, dass eine Voraussetzung in der Vertragsklausel nicht länger gegeben ist: das Epidemiegesetz.

Zu Beginn der Corona-Krise hat es die Regierung außer Kraft gesetzt. Das Gesetz sah einen Entschädigungsanspruch seitens des Staates für alle Unternehmer vor, deren Betriebe aufgrund des Auftretens bestimmter Krankheiten behördlich geschlossen wurden. Mit dem Aushebeln des Epidemiegesetzes zogen sich Österreichs Versicherungen fast unisono aus der Verantwortung. Der Klagenfurter Versicherungsmakler Reinhard Jesenitschnig weiß um die Argumentationslinie der Versicherungen. Jeder nicht bis in den letzten Winkel definierte Spielraum wurde für die eigene Interpretation genutzt, um den Versicherungsschutz ja zu verweigern.

Etwa unter den aufgezählten Seuchen, die als behördlicher Betriebsschließungsgrund angeführt werden, ist Covid-19 gar nicht gelistet. Oder, dass es sich doch gar nicht um eine behördliche Schließung gehandelt habe, lediglich um ein staatliches "Betretungsverbot" der Betriebe. Und wie genau ist Quarantäne eigentlich definiert? Jedes Detail wird grell ausgeleuchtet, um sich dann in seinem Schatten verstecken zu können: "Die Uniqa ist die einzige Versicherung, die nicht im Vorhinein gesagt hat: Das ist nicht versichert. Sie prüft den Einzelfall und hat im Einzelfall auch ihre Leistungen erbracht", sagt Jesenitschnig.

Gut für das Image der Versicherungen ist das nicht unbedingt. Um die Kunden nicht ganz zu vergraulen, stellte der österreichische Versicherungsverband Mitte April ein "Hilfspaket" vor. Man hatte sich auf einen allgemeinen "Verhaltenskodex" geeinigt, die neben Stundungen und dem Pausieren oder der Reduktion von Prämienzahlungen nun auch vereinzelt "freiwillige" Hilfszahlungen vorsieht.

Nach der ersten Woche haben die ersten Lokale wieder zugesperrt, weil sich die Öffnung nicht ausgezahlt hat. - © Markus Sepperer/Anzenberger
Nach der ersten Woche haben die ersten Lokale wieder zugesperrt, weil sich die Öffnung nicht ausgezahlt hat. - © Markus Sepperer/Anzenberger

So geht der Verband davon aus, dass im Durchschnitt 70 Prozent der Einbußen durch staatliche Fördermaßnahmen wie Kurzarbeit und Härtefallfonds ausgeglichen werden können. Bei den restlichen 30 Prozent würde die Versicherung nach Gutdünken die Hälfte zuschießen. Das bedeutet, die Versicherten würden 15 Prozent einer Tagesentschädigung für die Dauer von maximal 30 Tagen bekommen. Auf die Auszahlung besteht kein Rechtsanspruch. Es soll ein Zeichen des guten Willens sein, der Beitrag der Versicherungen in der Krise. Mit einem großen rostigen Haken: Nehmen die Versicherten das "Hilfspaket" an, verzichten sie auf jegliche Ansprüche aus der bestehenden Versicherung. "Das ist eine Schweinerei", kritisiert Versicherungsmakler Jesenitschnig. Auf einen Kuhhandel würden sich die Versicherten da einlassen. Schließlich müssen erst vielen Fragen vor Gericht geklärt werden, allen voran, ob das Aushebeln des Epidemiegesetzes überhaupt verfassungskonform sei. Deswegen rät Jesenitschnig seinen Kunden auch abzuwarten, fürs Erste nichts zu unterschreiben. Doch er weiß auch, dass sich viele diese Wartezeit nicht leisten können. Lieber nehmen sie die paar hundert Euro jetzt an.

Abgelehnte Überbrückungskredite

Derzeit sucht Lokalbesitzerin Firozian bei ihrer Hausbank um einen Überbrückungskredit für 50.000 Euro an. Auch der wurde, voller Bedauern, abgelehnt. "Die Gastronomie ist zu unsicher. Man weiß nicht, ob alles durch die Verordnungen in Zukunft laufen wird, sodass wir die Raten zurückzahlen können", wiederholt sie die Begründung ihres Bankbetreuers. "Ihr habt doch die 100-prozentige Haftungsgarantie des Staates!", habe sie ihm damals gesagt. Sie schreit den Satz in der Retrospektive. Jetzt probiert sie über die Ombudsstelle der Wirtschaftskammer an den Kredit heranzukommen.

In zwei Wochen will man ihr Bescheid geben. Firozian schüttelt den Kopf. Sie hat den Spießrutenlauf satt. Sie habe Sicherheiten, ein bis zum 16. März gut funktionierendes Unternehmen, kein strauchelndes, das jetzt eine Chance sieht, groß beim Staat abzucashen. "Wir lassen niemanden zurück", sagt Firozian bitter, "es ist der Satz des Jahres."

Den Satz hatte die Regierung zu Beginn der Krise verkündet. "Koste es, was es wolle", wurde vollmundig bei der Präsentation des 38 Milliarden schweren Hilfspakets für die Wirtschaftstreibenden verkündet. Die Phrasen sind mittlerweile zu traurigen Running Gags unter Selbständigen verkommen. Insbesondere die Einpersonenunternehmen, EPUs, und Kleinstunternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern, die insgesamt fast eine halbe Million im Land ausmachen und jeden vierten Arbeitsplatz stellen, fühlen sich in der Krise von der Regierung im Stich gelassen.

In einer Umfrage der Universität Wien unter 564 Betrieben, die vor kurzem veröffentlicht wurde, gaben 80 Prozent an, die Hälfte ihres Umsatzes eingebüßt zu haben, mehr als die Hälfte gar fast keinen Umsatz gemacht zu haben. Über die bisherigen staatlichen Maßnahmen, wie den Härtefallfonds, können die meisten nur müde lächeln. Über 60 Prozent der Befragten stellen dem Rettungsschirm der Regierung die Schulnote "Nicht Genügend" aus. Inwieweit die am Mittwoch von der Regierung vorgestellten Nachbesserungen (siehe Faktbox) tatsächlich als solche gesehen werden, bleibt abzuwarten.

Der Härtefallfonds, von dem in der ersten Phase die meisten Antragsteller aufgrund der Auswahlkriterien (z.B. finanzielle Ober-und Untergrenze, Nebeneinkünfte, Pensionisten) ausgeschlossen waren, der Fixkostenzuschuss, dessen Regeln erst am Tag der Antragstellung am 20. Mai bekannt gegeben worden war, Dokumente - wie abgelaufene Reisepässe -, die als Lichtbildausweise bei der Antragstellung abgelehnt wurden, zerren an den Nerven der Beteiligten.

In der Facebookgruppe "EPU Österreich - Gemeinsam durch die Corona-Krise" tauschen sie sich über die Erfahrungen aus. 7500 Mitglieder hat die Seite bereits. Wer sich durchscrollt, hat den Eindruck, bürokratischen Slapstick in Echtzeit mitzuerleben. Für jedes eingereichte Formular fehlt ein vorheriges, für jeden angesuchten Fördertopf zeigt der Finger in die entgegengesetzte Richtung und wieder zurück. "Es ist ein Kuriositätenkabinett", sagt die Unternehmensberaterin Sonja Lauterbach, eine der Administratoren der Seite. Sie filtert, aktualisiert und korrigiert die relevanten Informationen für die Community im Stundentakt. "Man darf nicht vergessen, dass die Kurzarbeitgelder nicht fließen, die Unternehmer auf massiven Umsatzverlusten sitzen, die jeden Tag Eigenkapital fressen, die Fixkosten sich türmen, sie zwei volle Lohnmonate selbst finanziert haben und die nächsten Lohnzahlungen auch für den 13. anstehen", resümiert Lauterbach, "Im Prinzip müssen sie schauen, dass sie die Taxirechnung zusammenkratzen können, damit sie zum Insolvenzrichter kommen."

Ein Fünftel der Befragten aus der Umfrage der Uni Wien teilt Lauterbachs düstere Prognose. Sie geben die Wahrscheinlichkeit, ihren Betrieb endgültig einstellen zu müssen, bei mindestens 50 Prozent oder höher an. Doch diese Realität wird von Nicht-Betroffenen kaum wahrgenommen, sagt Lauterbach. Ihr selbst hat man spöttisch gratuliert, dass ihr der Staat steuerfrei 7000 Euro schenke. Für das Kleingedruckte würden sich die wenigsten interessieren. Dass für die ersten 1000 Euro, die ein Maximalbetrag sind, aus der ersten Phase des Härtefallfonds, die wenigsten Anspruch hätten, und falls ja, sie in der Phase 2 gegengerechnet werden und auch dort nur im Maximalfall 2000 Euro monatlich ausmachen, muss ihnen erst jemand aufschlüsseln.

"Meine Story ist nur eine von tausend"

"Ich habe keinen Cent von der Versicherung oder dem Staat gesehen", sagt Farangis Firozian. "Mein Bruder und meine Freunde haben mir geholfen, aber weißt du, wie unangenehm das ist? Wer steckt denn gerade nicht in einer Krise?"

Von anderen Unternehmern musste sie sich für ihre Medienpräsenz kritisieren lassen, dafür, dass sie mit ihrem Namen und vor allem dem Namen ihres Lokals auf die prekäre Lage aufmerksam machen will und "betteln" gehe. Sie würde auch lieber mit Restaurantkritikern über ihre sous-vide Bio-Garküche sprechen, darüber, wie sie sich als Musikerin und studierte Betriebswirtin alles alleine aufgebaut hat, statt mit Journalistinnen über ihre Finanzen, ihre Bankbetreuer und einen Staat, der sie hängen lässt.

Viele Gastrokollegen teilen ihre Erfahrungen, doch sie scheuen die öffentliche Kritik an der Regierung, um nicht später, wenn es wieder bergauf gehen sollte, mit behördlichen Kontrollen schikaniert zu werden.

Firozian macht das nichts aus. Schon 2015 hat sie sich mit ihrer Initiative "Refugees Welcome to Austria" unbeliebt gemacht, wie sie sagt, als sie Hilfspakete nach Traiskirchen organisierte und nebenbei die österreichische Flüchtlingspolitik kritisierte. In der Zeit hatte sie noch eine Brasserie im 6. Bezirk. Alle drei Wochen standen plötzlich Beamte des Finanzministeriums da, die ihre Registrierkassa überprüfen wollten. Immer und immer wieder.

Sie lacht. "Wenn die mich zusperren, dann habe ich die Genugtuung, dass jeder da draußen weiß, was meine Story ist", sagt sie, "Und meine ist nur eine von tausend."