Von Wuhan über Wien bis New York City waren sie zu hören. Trällernde Vogelstimmen, die in der Stille der Coronakrise ein bisschen Trost spendeten. Sie bildeten das Orchester für einen Frühling, der unter klarem Himmel in voller Pracht erstrahlte. Kein Verkehrslärm, der sie übertönte, kein Smog, der die Sicht trübte. Die Natur atmete auf und mit ihr viele Menschen. Kann die Umweltzerstörung vielleicht doch noch gestoppt werden?

Um bis zu 17 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor war der weltweite CO2-Ausstoß inmitten der Krise Anfang April. In Österreich lagen die Werte mit fast einem Drittel noch deutlicher darunter. Das ergab eine Studie von 13 internationalen Klimaforschern, die im Wissenschaftsmagazin "Nature Climate Change" veröffentlicht wurde. Je nachdem, wie schnell die Maßnahmen gelockert werden, könnte es 2020 laut Studie erstmals in der Messgeschichte einen Rückgang der globalen Emissionen um 4,2 bis 7,5 Prozent geben.

"Die wegen Covid-19 entstandenen Emissionsreduktionen werden eindeutig beispiellos sein."

Klimawissenschafter Glen Peters

Damit könnten sogar die weltweiten Klimaziele erreicht werden, was vor der Krise niemand für möglich gehalten hätte. Gegenüber der "Wiener Zeitung" bestätigt das Umweltbundesamt jedenfalls, dass Österreich seine Klimaziele für 2020 erreicht. Klimawissenschafter Glen Peters vom Cicero-Zentrum für Internationale Klimaforschung in Oslo sagt: "Die wegen Covid-19 entstandenen Emissionsreduktionen werden eindeutig beispiellos sein."

Beispiellos? Waren Vogelgezwitscher, Sterne am Himmel, blaue Satellitenbilder also nur eine Ausnahme? Oder sind sie ein Ansporn, um den Klimawandel doch noch zu stoppen? Was müsste sich in unserem Leben ändern, damit auch 2021 die Klimaziele erreicht werden? Fünf Anregungen für eine grüne Zukunft:

Mobilität – Pendeln ohne Auto

Der gesamte Verkehr ist laut Europäischer Umweltagentur für fast 30 Prozent aller CO2-Emissionen in der EU verantwortlich. 72 Prozent davon entfallen auf den Straßenverkehr, der Großteil davon auf Pkw (60 Prozent).

Die Klimaschädlichkeit der Autos ist seit langem bekannt, ihre Dominanz auf den Straßen ist aber nach wie vor ungebrochen. Das liegt an alten Gewohnheiten, das Auto gilt weiterhin als Statussymbol. Aber es mangelt auch an Alternativen. Vor allem Menschen, die im Umland von Städten leben, haben keine andere Wahl, als mit dem Auto zur Arbeit in die Stadt zu pendeln. Es fehlt an der Infrastruktur, um den täglichen Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad zurückzulegen.

Was alles möglich ist, zeigt die dänische Hauptstadt Kopenhagen. Vor acht Jahren wurde der erste Radhighway in Betrieb genommen, 15 Kilometer lang vom Zentrum in den Vorort Albertslund: Breite, möglichst gerade Strecken wurden angelegt, eine grüne Welle auf Radfahrer abgestimmt, Fußstützen bei Kreuzungen angelegt, damit man nicht vom Rad absteigen muss. Mittlerweile gibt es 16 Strecken, die Kopenhagen mit dem Umland verbinden, mit einer Gesamtlänge von 167 Kilometern. In 25 Jahren sollen es knapp 750 Kilometer sein.

Auch in Wien wurde das Radverkehrsnetz in den vergangenen Jahren ausgebaut, mehr als 1400 Kilometer ist es mittlerweile lang. Viele Radwege sind jedoch sehr eng, führen knapp an parkenden Autos vorbei oder wurden an Gehsteigen platziert, wo sie Fußgängern den Platz wegnehmen. Gute Verbindungen ins Umland gibt es nicht, viele Radwege hören vor der Stadtgrenze auf. Dabei müsste dringend eine Lösung gefunden werden für etwa 300.000 Pendler, die täglich mit dem Auto nach Wien fahren.

Radhighways verbinden Kopenhagen mit seinem Umland. - © Cycle Superhighways, Capital Region of Denmark
Radhighways verbinden Kopenhagen mit seinem Umland. - © Cycle Superhighways, Capital Region of Denmark

Doch der direkte Weg auf dem Rad ist nicht immer notwendig, zahlreiche S-Bahnen verbinden Land und Stadt. Sichere Radwege zu den Bahnhöfen und genügend Radabstellplätze gibt es aber kaum.

Abseits von den Pendlern könnten Lastenfahrräder auf den Radhighways Waren transportieren. Die Schnellverbindungen wären auch eine gute Alternative für Wochenendausflügler. Sie könnten das Auto stehen lassen und mit dem Rad fahren.

Bauwirtschaft – Holz statt Stahlbeton

Einfamilienhäuser, Wolkenkratzer, Gemeindebauten. Sie bestehen großteils aus Ziegel und Stahlbeton. Die Herstellung der Baustoffe erfolgt in einem energieaufwendigen Mahl- und Brennverfahren bei bis zu 1400 Grad. Dabei werden jährlich Milliarden Tonnen CO2 in die Luft geblasen. Doch es gibt einen nachhaltigen Baustoff. Dieser entsteht durch das Licht der Sonne, wächst immer wieder nach und entzieht der Luft CO2, das er in Sauerstoff umwandelt und wieder an die Umwelt abgibt: Holz.

"Laut österreichischer Norm muss ein Haus 100 Jahre bestehen. Der Wald ist in dieser Zeit längst nachgewachsen", sagt Christof Weissenseer. Er führt den gleichnamigen Holzbaubetrieb im Kärntner Greifenburg, einer der weltmarktführenden Unternehmen in der Fertigung von Gebäudehüllen in Holzbauweise. "Wird der für Stahlbeton notwendige Sand abgebaut, entsteht hingegen ein großes Loch. Das bleibt auch bestehen, denn Sand wächst bekanntlich nicht nach."

Es gibt zwei Gründe, warum Holz im Wohnbau nur spärlich verwendet wird. Zum einen haftet dem Holzhaus das Image einer Bretterbude an, das schnell zu brennen beginnt. Ein Vorurteil, dem Weissenseer widerspricht. Und falls es doch brennen sollte, wäre "ein aus Holz gebautes Haus für jede Feuerwehr sicherer", erklärt Weissenseer. "Denn Holz brennt kontrolliert ab, Stahl fällt in sich zusammen."

Zum anderen ist Holzbau für gewöhnlich teurer als Bauen mit Stahlbeton. "Es gibt noch zu wenige große Firmen, die auf Holz spezialisiert sind", sagt Weissenseer. Dadurch steigt der Preis.

Nachhaltiges Wohnen im Wiener Sonnwendviertel. - © Purple & Grey GmbH
Nachhaltiges Wohnen im Wiener Sonnwendviertel. - © Purple & Grey GmbH

Es besteht jedoch eine Möglichkeit, die Kosten zu senken: "Wir versuchen so viel wie möglich vorzufertigen, bauen etwa die Fenster bereits im Werk ein", sagt Weissenseer.

In der Werkshalle sei man unabhängig von Regen, Wind oder Schnee, die Holzbauelemente seien geschützt. "Die fertigen Elemente liefern wir dann zur Baustelle, wo sie sofort aufgestellt werden können." Das spart Zeit. Im Gegensatz zu Holz sind Stahlbetonelemente um einiges schwerer, vorgefertigte Wände könnten nicht in diesem Ausmaß transportiert werden.

Mehr als 300.000 Menschen beziehen in Österreich ihr Einkommen aus Wald und Holz. Holzwirtschaft sichert somit Arbeitsplätze in oftmals strukturschwachen, meist ländlichen Regionen und verringert damit auch den Pendlerverkehr.

Konsum – Ein Handy für mehr als zwei Jahre

1,4 Milliarden Smartphones wurden 2019 verkauft. Die meisten Kunden werden in zwei bis drei Jahren das nächste Smartphone erwerben, so eine Studie der Deutschen Umwelthilfe. Bereits vor fünf Jahren kam eine Konsumenten-Studie der Arbeiterkammer zu dem Ergebnis: "Smartphones werden rascher ersetzt als Jeans."

Akkus mit rasch sinkender Lebensdauer, immer wieder neue Apps angepasst an die neuesten Modelle, zersplitterte Displays oder kaputte Fingerabdrucksensoren: Die Gründe für die kurze Nutzungsdauer von Smartphones sind vielfältig.

Ein Verhalten, das tonnenweise Elektroschrott produziert und die Ausbeutung seltener Erden erhöht, die zudem unter menschenunwürdigen Bedingungen in Minen abgebaut werden. Vor allem in den Minen in der Demokratischen Republik Kongo, verantwortlich für mehr als 60 Prozent der weltweiten Förderung, schürfen Bergleute unter unsicheren Bedingungen, die Einsturzgefahr ist hoch, die Bezahlung schlecht. Auch die Umwelt leidet. Oftmals werden Regenwälder abgeholzt und Ackerflächen vernichtet. Natürliche Lebensräume von Pflanzen und Tiere werden so zerstört. Schadstoffe und Schwermetalle, die beim Abbau freigelegt werden, gelangen ins Grundwasser.

Neben den menschenunwürdigen Bedingungen wirkt sich die Umweltzerstörung in der Demokratischen Republik Kongo auf das gesamte Weltklima aus. Die Situation vor Ort wird nicht von heute auf morgen zu ändern sein. Wenn jedoch nicht jeder Kunde alle zwei bis drei Jahre ein neues Smartphone braucht, sinkt auch die Nachfrage an den seltenen Erden.

Smartphones zu reparieren, wie hier in einer Werkstatt in Hong Kong, ist besser, als das Gerät wegzuschmeißen. - © APAweb, afp, Anthony Wallace
Smartphones zu reparieren, wie hier in einer Werkstatt in Hong Kong, ist besser, als das Gerät wegzuschmeißen. - © APAweb, afp, Anthony Wallace

Zuletzt präsentierte die EU-Kommission einen Plan, der für das "Recht auf Reparatur" sorgen soll. Demzufolge müssen Ersatzteile für sieben Jahre beim Hersteller verfügbar sein. Außerdem müssen Waschmaschinen, Fernseher und Smartphones leichter auseinandergebaut und damit repariert werden können. Wer die Kriterien nicht erfüllt, darf sein Produkt nicht am EU-Markt anbieten.

Wann der Plan in ein Gesetz gegossen ist, bleibt abzuwarten. Bis dahin helfen Reparatur-Plattformen wie etwa iFixit, ein Unternehmen, das Produkte zerlegt und Anleitungen gibt, wie sie zu reparieren sind. Und besser als das Smartphone wegzuschmeißen ist immer noch, es zu verkaufen oder zu verschenken.

Energie – Grüner Strom wie im Burgenland

Mit ihren roten Warnsignalen erhellen sie den Nachthimmel im östlichsten Bundesland Österreichs. Die blinkenden Windräder, die das gesamte Burgenland mit grünem Strom aus erneuerbaren Quellen versorgen. Gemeinsam mit Biomasse- und Photovoltaikanlagen erzeugten sie 160 Prozent der verbrauchten Energie im Jahr 2019, also viel mehr als notwendig. Die überschüssigen 60 Prozent wurden ins nationale Netz eingespeist und auf Restösterreich verteilt.

EU-weit liegt der Anteil von erneuerbarer Energie (Wasserkraft, Sonne, Wind, Biomasse und Erdwärme) bei 18 Prozent. Der Großteil des Stroms wird nach wie vor mit endlicher, fossiler Energie wie Öl, Kohle und Gas produziert. Schweden ist das EU-Land mit dem höchsten Anteil an erneuerbarer Energie (54,6 Prozent) am Bruttoendenergieverbrauch. Es folgen Finnland (41,2 Prozent), Lettland (40,3 Prozent) und Dänemark (36,1 Prozent, Anm: alle Zahlen gelten für 2018).



Doch das Burgenland zeigt vor, wie schnell es gehen kann. Noch im Jahr 2000 lag der Anteil an erneuerbareren Energien bei drei Prozent. Bis die Politik sich für einen umweltfreundlichen Weg entschied. 2006 beschloss der Landtag, bis 2013 seinen gesamten Strombedarf aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Das Versprechen wurde gehalten und sogar übertroffen.

In Österreich liegt der Anteil von erneuerbaren Energien bei einem Drittel. Und die Österreicher wollen mehr. Ein Drittel der Österreicher befürwortet den Ausbau von Solaranlagen, Kleinwasserkraftwerken und Windrädern, auch wenn dies in ihrem direkten Umfeld erfolgt, berichtet Nina Hampl. Sie forscht am Institut für Produktions-, Energie- und Umweltmanagement der Universität Klagenfurt.

Hampl und ihr Team befragten Privatpersonen in ganz Österreich, ob sie unterstützen würden, dass in ihrer Gemeinde ein neues ökologisches Kleinwasserkraftwerk, eine Photovoltaikanlage oder Windräder (letztere in angemessener Entfernung zum bewohnten Gebiet) errichtet würden. Das Bild, das die Österreicher von erneuerbaren Energien haben, sei demnach sehr positiv.

Das Burgenland setzt seit Jahren erfolgreich auf Windkraft. - © WZ, Michael Ortner
Das Burgenland setzt seit Jahren erfolgreich auf Windkraft. - © WZ, Michael Ortner

Im landesweiten Durchschnitt billigten 77 Prozent erneuerbare Energien. Am besten schnitt die Solarenergie ab: Rund 88 Prozent würden eine Photovoltaikanlage in der Wohngemeinde unterstützen, 74 Prozent ein kleines Wasserkraftwerk und 67 Prozent Windräder nahe der Gemeinde.

Globaler Handel – Auf der Schiene entlang der Seidenstraße

Regional produzierte Lebensmittel, Holz für Wohnbau aus heimischen Wäldern, Strom aus lokalen Energiequellen. Was es ums Eck gibt, muss nicht von weit hergeschafft werden. Doch nicht jedes Land wird eigene Handys produzieren, jedes Land hat andere landschaftliche Voraussetzungen. Ohne internationalen Handel wird es daher nicht gehen.

"Güter mit der Bahn zu transportieren ist vor allem dann klimaschonender, wenn dafür emissionsintensive Verkehrsmittel wegfallen"

Umweltökonomin Angela Köppl
Derzeit werden die Waren auf dieselbetriebenen Schiffen, Lkw und im Flugzeug transportiert. Zumindest zwischen Europa und Asien wäre der durchgängige Transport auf der Schiene möglich. Mit Chinas Ein-Billionen-Dollar schwerem Projekt "One Belt. One Road", gibt es einen Vorschlag, der die beiden Kontinente entlang der alten Seidenstraße verbinden soll. Im Zentrum der Überlegungen steht der Schienenverkehr.

Österreich bemühte sich in den vergangenen Jahren um Anschluss an das geplante Schienennetz. 1,3 Milliarden Euro wollte der Bund investieren, um die Breitspurbahn vom derzeitigen Endpunkt Kosice 420 Kilometer in den Raum Wien zu verlängern. Im aktuellen türkis-grünen Regierungsprogramm scheint das Projekt jedoch nicht mehr auf.

Dabei hätte der Landweg quer über die eurasische Platte einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem herkömmlichen Schiffsverkehr: Die Waren gelangen um bis zu zwanzig Tage schneller an ihr Ziel, rechnen Studien vor. Das spart Kosten. Und ist umweltfreundlicher.

"Güter mit der Bahn zu transportieren ist vor allem dann klimaschonender, wenn dafür emissionsintensive Verkehrsmittel wegfallen", sagt Umweltökonomin Angela Köppl vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo). Es brauche aber Kostenwahrheit für alle Verkehrsmittel. Für Lkw gilt das Dieselprivileg, das Kerosin der Flugzeuge ist gar nicht besteuert, im Gegensatz zu Bahnstrom. "Die Umwelt muss sich bei den Transportkosten wiederfinden", fordert Köppl. "Wir müssen emissionsfreie Strukturen schaffen, um den Klimawandel zu stoppen."

Ein Güterzug auf der neuen Seidenstraße, kurz vor der chinesisch-kasachischen Grenze. - © Bernd Vasari
Ein Güterzug auf der neuen Seidenstraße, kurz vor der chinesisch-kasachischen Grenze. - © Bernd Vasari

Vogelgezwitscher, Sterne am Himmel, blaue Satellitenbilder. Das gefiel uns in den vergangenen Wochen, daran könnten wir uns gewöhnen. Die fünf vorgebrachten Anregungen sollen ein Anfang sein, die beliebig fortgesetzt werden können. Es gibt viele Antworten auf die Frage, was sich ändern muss, damit dieser Frühling nicht einmalig bleibt.

Offen bleibt: Sind wir auch bereit, unsere Gewohnheiten dafür zu ändern?