Verweilen, entschleunigen, in Ruhe einen Kaffee trinken. Mit ihrem neuen Konzept setzt das Café Vollpension im Wiener Freihausviertel auf Zeit. Statt wie bisher pro Getränk oder Mahlzeit zu zahlen, kann von nun an nur noch pro Stunde bezahlt werden.

Für 9,90 Euro gibt es ein Stück Kuchen sowie Kaffee, Tee und Hauslimo bis zum Abwinken. Das sind exakt die stündlichen Kosten eines Sitzplatzes für das Unternehmen. Wer eine weitere Stunde bleibt, zahlt denselben Betrag noch einmal und bekommt dazu ein Schnittlauchbrot. Wem das zu wenig ist, der kann sich aus der Getränke- und Speisekarte bedienen und zahlt 25 Prozent Rabatt.

Genauso, wie alle Restaurants musste die Vollpension am Höhepunkt der Coronakrise wochenlang geschlossen halten. "Wir wollten uns dann nach den Lockerungen nicht zwischen A und B entscheiden", sagt Co-Gründer Moriz Piffl. A steht für Aufsperren, B für Geschlossen halten. Denn es sollte niemand gekündigt werden.

Piffl und sein Team strichen das "Voll" im Namen, das sie durch "Halb" austauschten, und entschieden sich für die Mitte. Ob sie eine goldene Mitte ist, wird sich zeigen.

Ein Test in ungewöhnlichen Zeiten

"Die Vollpension wird vorerst nur von 1. Juni bis 15. Juni zur Halbpension", erklärt Piffl. Ein Test in ungewöhnlichen Zeiten. Zeiten, in denen die Vollpension zu den großen Betroffenen gehört. Schließlich sind die Mitarbeiter allesamt Senioren, jene Gruppe also, die vom Coronavirus am gefährdetsten ist.

Und noch immer können sie nicht im Lokal stehen, denn das Risiko einer Ansteckung wäre zu hoch. Sie backen ihre Kuchen am zweiten Standort im 1. Bezirk. Dieser wird dafür auch weiterhin für Gäste geschlossen bleiben.

Wegen des vorgeschriebenen Mindestabstands können in der Vollpension nur die Hälfte der Sitzplätze besetzt werden. Bei gleichbleibenden Kosten, wie Piffl vorrechnet. Löhne und Gehälter, Abgaben an den Staat, Wareneinsatz, Fixkosten, Reinigung, Kreditrückzahlungen, sie alle müssen weiterhin bezahlt werden. Um die Kosten zu decken, ist es eine Auslastung der derzeit erlaubten Sitzplätze von 50 Prozent nötig.

Von der Regierung fühlt sich Piffl im Stich gelassen. Ein Drittel der Mitarbeiter ist in Kurzarbeit. Die Antragsstellung dafür sei jedoch langwierig und mühsam gewesen.

"Alle paar Tage haben sich die Formulare verändert. Die Bestätigung dauerte nicht, wie versprochen zwei Tage, sondern ein Monat. Und das Geld kam überhaupt erst drei Monate später", sagt Piffl. Doch auch als das Geld endlich überwiesen wurde, blieb dem Unternehmen davon nichts, denn das Geld ging ja an die Mitarbeiter. "Mit der Kurzarbeit unterstützen wir den Staat, dass mehr Menschen im Job bleiben und nicht arbeitslos werden", erläutert Piffl.

Gerettet wurde die Vollpension von ihren Kunden per Crowdunding. Mehr als 100.000 Euro konnten gesammelt werden. "Der Staat hat ausgelassen, die Zivilgesellschaft hat uns geholfen", bringt es Piffl auf den Punkt. "Wir haben seit 2015 590.000 Euro an Lohnabgaben an den Staat gezahlt, da fühlt man sich dann schon im Stich gelassen."

Was er sich von der Regierung wünschen würde?

Piffl schlägt vor, dass die Lohnnebenkosten für die nächsten 18 Monate ausgesetzt werden könnten. "Das wäre eine substanzielle Unterstützung."