"Das ist der neueste Shit beim Film", sagt Andreas Göltl und lässt ein Motorrad durch einen Tunnel rasen. Die Lichter spiegeln sich im Helm und im Lack - am Bildschirm wirkt es, als sei eine rasante Verfolgungsjagd im Gange. Dabei steht das Motorrad unbewegt im 10. Wiener Gemeindebezirk.

Der Geschäftsführer der Wiener Medienagentur Media Apparat hat sich mit dem Veranstaltungsplaner Habegger Austria und dem Unternehmen Lichtermacher, Experte für Event-Technologie, in der Corona-Krise zusammengetan. Gemeinsam starteten sie das Virtual Production Studio. Damit befindet sich eines der modernsten Film-, Broadcast- und Streaming-Studios in Europa nun in Wien. Drei Wände und eine Decke, 188 Quadratmeter bestückt mit LEDs, stehen in der alten Gösserhalle in Favoriten. In der Eventhalle, die viele Wiener als Partylocation bekannt ist, wollen die Betreiber brachliegende Potenziale und Chancen der Corona-Krise nutzen. Das Projekt ist auch der Versuch, Österreich als technologischen Vorreiter im Bereich der Film-, Fernseh-, Werbe- und Eventindustrie zu positionieren. Dabei haben sich die Veranstalter von Hollywood inspirieren lassen. "90 Prozent der Starwars-Serie ,The Mandalorian‘ wurden etwa in solch einem virtuellen Raum produziert", erklärt Göltl. "Ein derartiges Studio gibt es sonst nur in London und Los Angeles."

Talk- und Newsformate können im virtuellen Raum echte und virtuelle Gäste zusammenbringen. - © Christian Bauer
Talk- und Newsformate können im virtuellen Raum echte und virtuelle Gäste zusammenbringen. - © Christian Bauer

Für Film und Fernsehen heißt das: In virtuellen Räumen können Übertragungen und Produktionen unabhängig von Reisefreiheit, Jahreszeit oder Wettersituation abgewickelt werden. Beinahe jede Kulisse kann mit physikalisch korrekten Lichtverhältnissen dargestellt werden. Mit Virtual und Augmented Reality werden die Möglichkeiten erweitert - ein wesentlicher Vorteil gegenüber herkömmlichen Greenscreen-Drehs. Die Kunden oder Darsteller müssen nicht mehr vor einem grünen Stück Tuch so tun, als wären sie in der Wüste oder im Regenwald, sondern sie sind es - sofort für alle Anwesenden sichtbar. In Sekundenschnelle kann ein neuer Hintergrund geladen und von 3D-Spezialisten bearbeitet werden. Mit diesen Werkzeugen verkürzen sich lange Wartezeiten zwischen Takes; Reisen zu exotischen Plätzen fallen weg. Teure Setbauten können kostengünstiger realisiert werden.

Event-Zukunft ist hybrid und interaktiv

Aber auch für Veranstaltungen bietet die moderne Technologie - gerade in Zeiten von Corona - viele Möglichkeiten. Vor allem virtuelle und hybride Events, also eine Mischung aus virtuell und "real", sind nun in neuer Qualität und mit mehr Möglichkeiten realisierbar. Mit dem Hintergrund interagieren, Produkte oder Zahlen präsentieren, und Folien oder Animationen einbauen. Echte und virtuelle Gäste können zusammensitzen. "Echtzeit-3D-Visualisierung, speziell mit der Software Unreal stellt im Film aber auch im Eventbereich eine absolute Zukunftstechnologie dar. Da mit vorne dabei zu sein und einen Cluster zu entwickeln wo mehrere Firmen sich gegenseitig pushen, bedeutet für den Standort Wien eine Möglichkeit in diesen Bereichen als Technologieführer wahrgenommen zu werden", sagt Göltl. "Das wird sogar schon kurzfristig internationale Produktionen anlocken und das Niveau in Österreich auch auf ein ganz neues Level heben."

Auch Andrea Zefferer von WienTourismus sagt, die Zukunft von Konferenzen ist hybrid. Zudem werden viele Events dezentraler organisiert werden. Kulturevents, Kongresse, Tagungen - Wien steht an der Weltspitze als Austragungsort für Großveranstaltungen. Die Gäste schätzen die gute Organisation, die Sicherheit und die Lebensqualität in der Hauptstadt. "Kunst und Kongresse bieten Veranstaltungen, die zahlreiche und vor allem zahlungskräftige Gäste anlocken", sagt Zefferer. Städtetourismus und Events gehörten zusammen. Bis eben das Coronavirus kam.

Trotz Lockerungen Großveranstaltungen schwierig

Der Lockdown ab März bedeutete für die Eventbranche eine Katastrophe. So gut wie alle Veranstaltungen wurden abgesagt, verschoben oder wanderten ins Internet. Auch jetzt mit den Lockerungen finden so gut wie keine Events statt. In Zahlen heißt das: Österreich entgehen pro Monat 100 Millionen an Wertschöpfung und Steuern. Laut der Wirtschaftskammer sind mehr als 140.000 Menschen bundesweit in der Branche beschäftigt. In Wien allein wird jede zehnte Nächtigung im Tourismus durch eine Tagung generiert. Die Tagungswirtschaft brachte in den vergangenen Jahren durchschnittlich eine Milliarde Euro an Wertschöpfung.

Trotz der Lockerungen sei die Planung großer Kongresse weiter schwierig, sagt Zefferer, "eine langfristige Planung ist einfach nicht möglich". Noch in diesem Jahr hätten allein in Wien weitere 13 Großkongresse mit jeweils mehr als 5000 Teilnehmern stattfinden sollen. Für die Eventbranche stellt sich also die Frage: Wie kann es weitergehen?

Eine Frage, die auch Andreas Göltl Kopfzerbrechen bereitet hat. "Corona war für uns richtig ernst - die Zukunft aller Arbeitsplätze und der gesamten Firma steht immer noch in Frage", sagt Göltl. Seine Firma, die 2009 als Künstlerkollektiv begonnen hatte und seit 2011 als Firma auch Messen, Kongresse und Konferenzen multimedial gestaltet, startete eigentlich optimistisch in das Jahr. "2020 ist auf das beste finanzielle Jahr unserer Geschichte zugelaufen", sagt Göltl. Die Hochsaison der Veranstalter ist von April bis Juni. "In diesem Zeitraum machen wir 50 Prozent unseres Jahresumsatzes und in diesem Zeitraum haben wir heuer 100 Prozent unserer Aufträge verloren. Außerdem wurden Rechnungen aus der Vergangenheit nicht bezahlt wegen Liquiditätsengpässen unserer Kunden", sagt Göltl.

Veranstaltungen müssen mit Corona neu gedacht werden. Media Apparat machte sich kurzerhand daran, den Sprung nach vorne zu wagen, um etwas ganz Neues zu schaffen. Die Hälfte des Teams wurde mitten in der Krise umgeschult. Das Interesse, große Veranstaltungen in den kommenden Jahren in Wien abzuhalten, steige wieder, sagt Andrea Zefferer von WienTourismus. Die technologischen Möglichkeiten, Events neu zu denken, gibt es hierfür nun auch.

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