Die Wirecard Central Eastern Europe GmbH in Graz - eine Tochter der deutschen Wirecard Sales International Holding GmbH - musste am Freitag Insolvenz anmelden. Betroffen sind rund 150 Dienstnehmer und 70 Gläubiger, wie von den Kreditschützern AKV, KSV und Creditreform mitgeteilt wurde. Die Überschuldung beläuft sich auf rund 0,6 Millionen Euro. Eine Fortführung ist laut AKV offenbar nicht angedacht.

Grund der Insolvenz ist laut der Grazer Wirecard mit Sitz in Graz Reininghaus - eine Niederlassung existiert noch in Wien - die aktuelle Entwicklung innerhalb des Wirecard Konzerns, vor allem der beiden größten Schuldnerinnen der Wirecard Central Eastern Europe GmbH (WDCEE), konkret der Wirecard Technologies GmbH und der Wirecard AG. Aus heutiger Sicht sei kein Mittelzufluss für - ausschließlich das Geschäftsjahr 2020 betreffende - bereits von der WDCEE erbrachten und schon in Rechnung gestellte Dienstleistungen zu erwarten. Die Forderungen dürften somit uneinbringlich sein. Darüber hinaus liege der Grazer Firma - für den CEE-Raum zuständig - keine positive Fortführungszusage aus dem Wirecard Konzern vor.

Betrieben werden von der WDCEE Dienstleistungen im EDV-Bereich, insbesondere Beratungen über den Internetzahlungsverkehr. Die Aktiva belaufen sich auf rund 1,7 Millionen Euro, die Passiva auf rund 2,3 Millionen Euro, woraus sich eine Überschuldung von 0,6 Millionen Euro ergibt. Bei den Aktiva soll es sich laut AKV hauptsächlich um Rückstellungen handeln. Über die deutsche Muttergesellschaft Wirecard AG mit Sitz in Aschheim bei München wurde ja am 29. Juni am Amtsgericht München ein vorläufiges Insolvenzverfahren eröffnet.

Die Insolvenzverwalter - die Wiener Advokatin Ulla Reisch und der Grazer Advokat Herbert Ortner - werden laut Kreditschützern zu prüfen haben, ob eine Fortführung des Unternehmens ohne weiteren Ausfall für die Gläubiger möglich ist. Die Anmeldefrist für Gläubigeransprüche wurde mit 18. August bestimmt, die Berichts-und Prüfungstagsatzung soll am 1. September stattfinden.

Mutmaßliche Manipulation spätestens 2014 begonnen

Im Skandal um fehlende Milliarden beim DAX-Konzern Wirecard ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) unterdessen auch wegen Untreueverdachts gegen den Ex-Vorstandschef, den Österreicher Markus Braun, und weitere Manager. Dabei geht es um den Vorwurf, dass dreistellige Millionensummen von Wirecard-Konten an Firmen in Asien und auf Mauritius flossen.

Außerdem gehen die Ermittler laut dem "SZ"-Bericht von Freitag davon aus, dass die mutmaßlichen Manipulationen bei Wirecard spätestens 2014 begannen. Die Zeitung stützt sich dabei auf "Erkenntnisse von Ermittlern" und "Ermittlungsunterlagen". Die Staatsanwaltschaft erklärte, sie könne den Bericht nicht bestätigen. "Wir ermitteln weiterhin gegen Herrn Braun und mögliche Mittäter wegen aller in Betracht kommenden Straftaten".

Laut "Standard" (Freitag) sollen Dokumente der Wirtschaftsprüfer von KPMG belegen, dass bei Wirecard mehrere hundert Millionen Euro im Rahmen dubioser Geschäfte verschwanden - etwa bei unbesicherten Millionenkredite in Asien und einem überteuerten Firmenkauf von einem Fonds auf Mauritius. Der Verbleib des Geldes ist ungeklärt. Das geht aus einem bisher unveröffentlichten Sondergutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG hervor, das die Medien einsehen konnten. 232 Seiten voller Ungereimtheiten, heißt es.

Außer "SZ" hatten auch WDR und NDR zu der Briefkastenfirma auf Mauritius recherchiert. Auch KPMG habe nie herausgefunden, wo das Geld, letztlich angeblich 315 Mio. Euro, landeten. Ex-Vorstand Jan Marsalek gab zu Protokoll, es sei nicht üblich, die Hinterleute zu ermitteln - es gilt die Unschuldsvermutung.

Manager Marsalek gilt neben Ex-Chef Braun als Schlüsselfigur

Wirecard hatte im Juni eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro auf asiatischen Treuhandkonten verbuchte Firmengelder sehr wahrscheinlich nicht existieren. Dass die mutmaßlichen Manipulationen eine viele Jahre zurückreichende Vorgeschichte haben, war bekannt, bisher aber kein konkretes Startdatum, von dem die Ermittler ausgehen.

Eine Schlüsselfigur ist neben Braun der früher im Wirecard-Vorstand für das Tagesgeschäft zuständige Manager Marsalek, ebenfalls ein Österreicher. Seine Spur verlor sich vor gut zehn Tagen auf den Philippinen. Öffentlich gemacht hat die Staatsanwaltschaft, dass gegen Braun, Marsalek und andere wegen Verdachts unrichtiger Angaben und Marktmanipulation ermittelt wird. (apa/dpa/kle)