Im Skandal um den insolventen deutschen Zahlungsdienstleister Wirecard häufen sich die Schlagzeilen. Laut einem Bericht der Tageszeitung "Die Presse" soll der ehemalige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek geheimer Informant der FPÖ gewesen sein. So soll er über einen Mittelsmann vertrauliche Informationen aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) und dem Innenministerium an die FPÖ weitergegeben haben, so die "Presse" am Donnerstag.

Der wie Ex-Vorstandschef Markus Braun aus Österreich stammende Manager ist derzeit untergetaucht. Ermittelt wird nun gegen Braun, Marsalek und andere wegen Verdachts unrichtiger Angaben und Marktmanipulation. Wegen des Verdachts verschiedener Finanzstraftaten ermitteln Behörden weltweit im Umfeld von Wirecard - unter anderem in den USA, in Singapur und auf den Philippinen.

Die Ermittlungen dürften künftig auch in eine andere Richtung gehen: Im Zuge der Untersuchungen zur "Ibiza-Affäre" seien der "Presse" zufolge Chats zwischen Ex-FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus und seinem Informanten Florian S. gefunden worden. S. habe Gudenus "heikle Informationen" sowohl aus dem Innenministerium als auch aus dem Amt für Verfassungsschutz zukommen lassen. S. soll seine Informationen wiederum von Marsalek erhalten haben.

"Ein Mann, der auch gerne mit seinen internationalen Geheimdienstkontakten prahlte", so die Presse. Laut Angaben aus dem Innenministerium und dem BVT soll Marsalek zwar nicht offiziell als Informant gearbeitet haben, der "Presse" zufolge müsse er jedoch Quellen im BVT und im Innenministerium gehabt haben. Den Vorwürfen werde nun im Zuge der BVT-Ermittlungen nachgegangen.

"Tatsache ist jedenfalls", so die "Presse", "dass Marsaleks Informationen das Misstrauen der FPÖ gegen die ÖVP schürten. Tatsache ist auch, dass dieses Misstrauen zu der engen Kooperation von Ex-FPÖ-Innenminister Herbert Kickls Kabinett mit der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) und schließlich zur Hausdurchsuchung im BVT inklusive internationalem Skandal geführt hat."

Gudenus: "Es gab keine Gegenleistungen"

Als Gegenleistung soll Marsalek von Gudenus etwa um einen Termin mit OMV-Chef Rainer Seele gebeten haben. Tatsächlich habe es aber keine Gegenleistungen gegeben, so Gudenus gegenüber der "Presse", und als Politiker Informationen aus verschiedensten Bereichen zu erhalten sei "das Normalste der Welt".

Unterdessen geht die Staatsanwaltschaft München auch dem Verdacht der Geldwäsche nach. "Wir ermitteln wegen Geldwäscheverdachts gegen Verantwortliche des Unternehmens und gegen unbekannt", sagte eine Sprecherin der Strafverfolgungsbehörde am Donnerstag.

Die Staatsanwaltschaft prüfe eine Reihe entsprechender Anzeigen aus dem laufenden und aus dem vergangenen Jahr. Eine Wirecard-Sprecherin lehnte eine Stellungnahme ab.

Der Zahlungsdienstleister war nach Aufdeckung eines Bilanzlochs von 1,9 Milliarden Euro im Juni zusammengebrochen.

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass US-Behörden einer möglichen Verwicklung Wirecards in einen 100 Millionen Dollar (88,6 Millionen Euro) schweren Fall von Bankbetrug mit Marihuana-Handel nachgehen. Demnach sollen zwei Geschäftsleute zusammen mit Zahlungsabwicklern US-Banken über die Herkunft der Gelder getäuscht haben, um unbemerkt gegen Handelsverbote verstoßen zu können. Zwei Insider bestätigten einen entsprechenden Bericht des "Wall Street Journal".

Geldwäsche: Frühere Ermittlungen verliefen im Sand

In der Vergangenheit wurden gegen Wirecard immer wieder Vorwürfe laut, die auch den Aktienkurs massiv bewegten. In Deutschland sahen die Finanzaufsicht Bafin und die Staatsanwaltschaft lange Zeit nur Anhaltspunkte für Marktmanipulation durch Außenstehende.

Das Amtsgericht München urteilte dann allerdings in zwei Fällen, dass es dafür keine ausreichenden Beweise gebe. Ein Ermittlungsverfahren gegen Investoren und Journalisten wegen des Verdachts der Marktmanipulation dauert nach Angaben der Staatsanwaltschaft München noch an.

Bereits in den Jahren 2010 und 2015 hatten die Münchner Strafverfolger Wirecard wegen Geldwäscheverdachts ins Visier genommen. Ein umfangreiches Ermittlungsverfahren sei 2012 nach zwei Jahren mangels Tatverdachts eingestellt worden, sagte eine Sprecherin. In einem weiteren Verfahren durchsuchten die Münchner Ermittler 2015 im Auftrag der USA Büros von Wirecard. Was aus diesem Verfahren wurde, ist nicht bekannt. Die Münchner Justiz verweist auf eine Zuständigkeit des US-Justizministeriums. Dieses lehnte eine Stellungnahme jedoch ab.