Das Burgenland wird wieder von einem Bankskandal gebeutelt. Die Bankenaufsicht hat eine vergleichsweise kleine Regionalbank über Nacht zugedreht. Die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet. Der Bankchef ist zurückgetreten. Für Auszahlungen von Einlagen bis zu 100.000 Euro springt die Einlagensicherung ein. Unter den ersten Großkunden, die um Dutzende Millionen bangen, ist etwa die Wiener Frequentis.

"An einen Fortbestand ist in keinster Weise zu denken. Die Bank ist zu liquidieren", betonte Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Das Land richtet nun Hotlines für Betroffene ein. Viele Unternehmen und Privatpersonen würden durch den Bilanzskandal "höchstwahrscheinlich am Ende des Tages sehr viel Geld verlieren", sagte Doskozil. Sowohl in der Landesregierung als auch in der Wirtschaft Burgenland (WiBuG) werde eine Hotline eingerichtet, die Privatpersonen beziehungsweise Unternehmen zur Verfügung stehen wird. Zudem werde ein Jurist engagiert, der kostenlose Rechtsberatung bieten werde. 

Das Land selbst ist laut Doskozil nicht betroffen. Die Energie Burgenland habe allerdings rund 5 Millionen Euro dort veranlagt. "Ich gehe davon aus, dass das Geld weg ist", sagte Doskozil. Die Höhe des Schadens sei derzeit noch nicht absehbar.

Bis 1995 war die aktuell tief in offenkundige Bilanzfälschungen verstrickte "Commerzialbank Mattersburg im Burgenland AG" eine regionale Raika im Burgenland. Damals hieß sie Raiffeisenbank Schattendorf und war in einer Gruppe einer Handvoll von Raiffeisen-Rebellen, die sich mit dem Giebelkreuz-Sektor angelegt hatten und sich absetzten.

Mit dem damaligen Austritt bei Raiffeisen wurde die Bank zur Commerzbank Mattersburg-Burgenland AG. Initiator der Ablösung und Mitbegründer des Neustarts damals war Martin Pucher, der bis zuletzt im Bundesland äußerst gut vernetzt war und vor allem als einflussreicher Fußball-Gönner gilt. Pucher ist gestern, Dienstag, nach Vorliegen der Ergebnisse einer Bankprüfung als langjähriger Chef der Bank abgetreten und steht auch davor, seinen Posten als Präsident des Bundesligavereins SV Mattersburg abzugeben. Dort ist die Bank bisher maßgeblicher Sponsor gewesen.

Bilanzsumme mehr als 800 Millionen Euro

Ein Regierungskommissär ist eingesetzt. Zuletzt wurde die Bilanzsumme mit etwas mehr als 800 Millionen Euro angegeben. Der Kommissär muss jetzt, zumal die Bilanzen nicht stimmen dürften, zunächst einen Status erstellen lassen, also die Lage der Bank und die Höhe der Schäden erheben lassen, die auf hohe Millionensummen geschätzt werden. Der Verdacht der Bilanzfälschung und der Untreue steht im Raum. Von einem Riesen-Betrug und mutmaßlichen Fantasiekrediten hat am Mittwoch sogar Burgenlands Landeshauptmann gesprochen. Die Bank wird liquidiert.

Die Commerzialbank Mattersburg im Burgenland AG gehört zu knapp 80 Prozent einer Kreditgenossenschaft, sie hat neben der Zentrale in Mattersburg acht weitere Filialen im Burgenland. Sie befinden sich in Hirm, Loipersbach, Krensdorf, Draßburg, Zemendorf, Baumgarten, Schattendorf und Forchtenstein und damit allesamt im Bezirk Mattersburg. Mehr als 50 Mitarbeiter sind bei der Bank beschäftigt.

Sie ist ein Sponsor des SV Mattersburg, bei dem Vorstandschef Pucher seit 1988 Obmann ist. Unter ihm schafften es die Mattersburger 2003 erstmals in die Bundesliga. Auch bei der Fußballakademie Burgenland ist die Bank ein wichtiger Sponsor.

Die Commerzialbank trat in Mattersburg immer wieder als Investor auf. Auch an einem derzeit laufenden großen Umbauprojekt ist sie federführend beteiligt: Um rund 30 Millionen Euro soll ein neuer Rathausplatz entstehen. Der Großteil des Geldes für dieses geplante "Impulszentrum" sollte von der Bank kommen. Pucher hatte bereits in den späten 1990er-Jahren die Idee zu dem Projekt und ist auch Grundstückseigentümer.

Fußball: Pucher kündigte "geordnete Übergabe" an

Auch Fußball-Bundesligist SV Mattersburg stehen im Zuge des Bilanzskandals wohl schwere Zeiten bevor. Am Mittwoch zu Mittag kündigte Vorstand Pucher, der auch Präsident des Fußballclubs ist, seinen Rückzug an. Er werde "umgehend eine geordnete Übergabe sicherstellen", teilten seine Anwälte mit. Pucher, von 2006 bis 2009 auch vier Jahre Präsident der Bundesliga, führte den Verein seit 1988 und stieg mit dem Club von der fünften in die oberste heimische Spielklasse auf. Die Commerzialbank fungiert als wesentlicher Sponsor des Vereins.

Doskozil rechnet mit Lizenzverfahren

Doskozil rechnet damit, dass die Bundesliga nun ein Lizenzierungsverfahren gegen den SV Mattersburg eröffnen wird. Auch auf die Fußballakademie werde das wohl Auswirkungen haben. Sie soll allerdings in anderer Form erhalten bleiben.

Was der Bilanzskandal für den Verein konkret bedeute, werde man erst sehen, betonte Doskozil. Würde die Lizenz verloren gehen, wäre auch die Fußballakademie in Mattersburg betroffen. Diese soll allerdings in jedem Fall als neues Landessportzentrum für das Nordburgenland erhalten bleiben. "Die Planungen dafür gibt es bereits länger. Nun müssen wir diese Schritte möglicherweise vorziehen", sagte Doskozil. Der Standort solle dann auch eine Anlaufstelle für den Breitensport sein. (apa, red)