Die Experten waren erstaunt. Trotz Corona-Krise gab es kürzlich einen Run auf CO2-Zertifikate. Der Preis lag mit knapp 30 Euro pro Tonne Kohlendioxid-Äquivalent so hoch wie seit 14 Jahren nicht mehr.

Wie die "Wiener Zeitung" exklusiv aus dem Umweltministerium erfuhr, hat Österreich im vergangenen Jahr 185 Millionen Euro durch die Versteigerung von CO2-Zertifikaten eingenommen. Der Preis pro Tonne lag durchschnittlich bei 25 Euro. 2017 und 2018 waren es "deutlich über 100 Millionen Euro", in den Jahren 2013 bis 2016 im Bereich von 50 bis 80 Millionen Euro. Das Geld fließt laut Ministerium in das allgemeine Bundesbudget.

Wie der der Handel mit den Emissionen funktioniert und was die Umwelt davon hat: Ein Überblick.

  • Was versteht man unter einem CO2-Zertifikat?

Ein Emissionszertifikat ist eine Art Gutschein. Er berechtigt ein Unternehmen dazu, eine Tonne Kohlendioxid-Äquivalent zu produzieren. Emittiert ein Unternehmen 100.000 Tonnen CO2, muss es entsprechend viele Berechtigungen abgeben. Danach werden sie gelöscht.

  • Wer handelt mit Emissionszertifikaten?

Alle großen Anlagen in der EU zur Erzeugung von Strom und Wärme sind zur Teilnahme am Handel verpflichtet. Außerdem müssen auch große Industrieanlagen wie Stahlwerke, Raffinerien oder Zementwerke Emissionsrechte vorweisen. Seit 2012 ist auch der innereuropäische Flugverkehr mit einbezogen. Europaweit sind laut Europäischer Umweltagentur mehr als 15.000 Anlagen und 1500 Airlines vom Handel erfasst. Er deckt rund 50 Prozent aller Emissionen in der EU ab.

  • Wie funktioniert der EU-Emissionshandel?

Die EU hat das europäische Emissionshandelssystem 2005 eingeführt. Es funktioniert nach dem Prinzip "Cap & Trade". Cap bezeichnet eine Obergrenze an Emissionen, die ausgestoßen werden dürfen. Die EU-Mitgliedsländer geben jedes Jahr eine entsprechende Menge an Berechtigungen an die Anlagenbetreiber aus - teilweise kostenlos, teilweise über Versteigerungen.

Stößt ein Unternehmen mehr CO2 aus, als ihm durch seine Rechte zustehen, muss es Strafen zahlen oder zusätzliche Rechte erwerben. Unternehmen, die weniger CO2 produzieren, können überschüssige Zertifikate gleich oder später verkaufen, wenn der Preis steigt. Durch Angebot und Nachfrage (Trade) entsteht ein Preis für die Emissionsrechte: Gibt es wenige Zertifikate am Markt, sind sie entsprechend teuer, wird der Markt davon überschwemmt, fällt der Preis. Je höher der Preis, desto stärker die Anreize, CO2 einzusparen.

  • Wie viele Zertifikate gibt es?

In der aktuell laufenden dritten Handelsperiode (2013-2020) wurden europaweit insgesamt 15,6 Milliarden Emissionsberechtigungen festgelegt. Sie werden auf die acht Jahre verteilt, allerdings nicht gleichmäßig. Das Cap sinkt jedes Jahr um rund 38 Millionen Zertifikate. Die Emissionen, die unter das EU-ETS fallen, gingen 2018 gegenüber 2017 um 4,1 Prozent zurück. Der Rückgang ist hauptsächlich auf die Strom- und Wärmeerzeugung zurückzuführen. In der Industrie gehen die Emissionen nur geringfügig zurück.

  • Warum war der Preis auf einem 14-Jahres-Hoch?

Die Corona-Krise hat die globale Wirtschaft stark getroffen. Von Jänner bis April sank der weltweite CO2-Ausstoß um rund 8,6 Prozent im Vergleich zu 2019. Daher mag es verwundern, dass gerade jetzt der Preis für CO2-Zertifikate steigt. "Die Erwartung, wie teuer die Zertifikate werden, schlägt auf den aktuellen Handel zurück", sagt Thorsten Lenck vom deutschen Thinktank Agora Energiewende. Unternehmen decken sich also jetzt schon mit Zertifikaten für die Zukunft ein, weil sie einen noch höheren Preis erwarten.

  • Bleibt der Preis auf einem so hohen Niveau?

"Es kann aufgrund von Wirtschaftskrisen jederzeit zu Einbrüchen kommen. Zu Beginn der Corona-Krise ist der Preis auch drastisch gesunken", sagt Lenck. In der ersten Handelsperiode (2005 bis 2007) ist der Preis aufgrund einer Überzuteilung massiv eingebrochen und nahezu bei 0 gelandet. Es waren zu viele Zertifikate im Umlauf, Unternehmen konnten billig CO2 emittieren. Um das zu verhindern, werden Überschüsse seit 1. Jänner 2019 nach und nach zurückgeführt und abgebaut (Marktstabilitätsreserve). Seit Mitte 2017 sind die Preise für CO2-Zertifikate deutlich gestiegen.

  • Wäre ein Mindestpreis für CO2-Zertifikate sinnvoll?

Die Preise für Zertifikate unterliegen sehr starken Schwankungen. Unternehmen tun sich deshalb schwer, damit zu kalkulieren. Ein Beispiel: Ein Unternehmen rechnet mit einem weiterhin hohen CO2-Preis und investiert in klimafreundliche Technologien. "Wenn der CO2-Preis fällt, würde die Investition aber entwertet werden", sagt Lenck. "Darum plädieren wir von Agora Energiewende für die Einführung eines Mindestpreises." Beim derzeitigen Preis von etwa 30 Euro pro Tonne CO2 denkt Lenck an einen Mindestpreis von 20 bis 25 Euro pro Tonne. "Man müsste ein System etablieren, bei dem dieser Preis von Jahr zu Jahr angepasst und hochgezogen wird." Damit sinke laut Lenck das Preisrisiko und für Unternehmen würde es sich bereits jetzt lohnen, in effizientere Maßnahmen zu investieren, um CO2 zu reduzieren.

  • Was bringt der Handel für den Klimaschutz?

Der Handel mit CO2-Zertifikaten soll ein Anreiz für die Unternehmen sein, ihren Ausstoß zu verringern und in klimafreundliche Technologien zu investieren. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgas-Emissionen um 43 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Laut EU-Kommission liegt man heuer 21 Prozent unter dem Niveau von 2005. Bis 2030 soll im Emissionshandel pro Jahr 2,2 Prozent weniger CO2 ausgestoßen werden. Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, sei das aber noch zu wenig, schreibt ein Team um die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in einem Bericht. Für eine kosteneffiziente Reduktion müsste die Emissionsobergrenze um jährlich rund vier Prozent gesenkt werden, und das bereits ab 2021.



  • Welche Kritik gibt es am Emissionshandelssystem?

Umweltorganisationen kritisieren, dass Unternehmen Gratis-Zuteilungen von Zertifikaten bekommen. Der Grund dafür: Die EU sieht Ausnahmen für bestimmte Industrien und Prozesse vor, die hohe CO2-Emissionen haben und bei denen die Gefahr besteht, dass sie ihren Standort in Europa schließen müssten. "Wenn ein Unternehmen eine CO2-intensive Produktion hat, wird es mit den Zertifikaten teurer und damit schwieriger, den Weltmarktpreis zu schlagen", sagt Lenck von Agora Energiewende. Es besteht die Gefahr, dass Unternehmen in Regionen oder Länder ohne CO2-Bepreisung abwandern. "Damit wäre dem Klima kein Nutzen getan und es wäre auch wirtschaftsschädlich für den europäischen Raum", sagt Lenck. Gerade deswegen sollten auch Corona-Konjunkturhilfen und Klimaschutz zusammengedacht werden, um direkt Investitionen in klimaschonende Technologien zu ermöglichen.

  • Wie ist Österreich an diesem System beteiligt?

In Österreich sind ungefähr 200 stationäre Anlagen vom Emissionshandel erfasst. Dazu zählen etwa jene des Stahlkonzerns Voestalpine oder der Austrian Airlines. Betreiber von Industrieanlagen bekommen fast 100 Prozent Gratis-Zuteilungen, die Stromerzeuger seit 2013 gar keine mehr. Die Top-3-Unternehmen mit den meisten CO2-Emissionen in Österreich sind Voestalpine (12,3 Millionen Tonnen), OMV (3,0) und Wien Energie (2,5). Der Emissionshandel macht in Österreich 36 Prozent aller nationalen Treibhausgas-Emissionen aus.

  • Was soll der Green Deal der EU ändern?

2050 will die EU-Kommission Klimaneutralität. Um das zu erreichen, soll das europäische Emissionsreduktionsziel für 2030 von 40 auf mindestens 50 Prozent im Vergleich zu 1990 steigen. Bis Juni 2021 plant die EU, das Emissionshandelssystem zu überarbeiten. Der Emissionshandel soll auf den Schiffsverkehr ausgeweitet werden. Airlines sollen stärker zur Kasse gebeten werden.