Dampfendes Shakshuka, vitaminreiche Algenpresslinge, Espresso mit aufgeschäumter Heumilch. Vor zwei Jahren wurde Bayram Senel noch belächelt, als er seinen Bioladen "Liola" nicht im hippen Wiener Bezirk Neubau oder am Karmelitermarkt in der Leopoldstadt eröffnete, sondern in einer Seitengasse des zubetoniert-abgerockten Wallensteinplatzes im 20. Bezirk. Doch Senel ließ sich davon genauso wenig abschrecken wie vom Coronavirus vor ein paar Wochen. Während zahlreiche Läden ihre Rollbalken runterließen, änderte er sein Konzept und setzte auf kontaktloses Zahlen. So vermied er jeglichen Kontakt zwischen Verkäufer und Kunde. Bargeldzahlung war nicht mehr möglich.

Mit seiner Entscheidung rüttelte Senel an einem österreichischen Selbstverständnis. Genauso wie das Kreuz am Gipfel zu stehen hat und das Schnitzel auf den Teller kommen muss, wird hierzulande am liebsten mit Münzen und Scheinen bezahlt. Gleichzeitig ist es in zahlreichen Restaurants, Märkten oder Trafiken nicht möglich, die Rechnung mit Bankomat- oder Kreditkarte zu begleichen. Warum ist das so?

Einer 2017 erschienenen Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) zufolge zahlten 33 Prozent der Konsumenten in Österreich ihre Einkäufe mit Bankomat- oder Kreditkarte. 67 Prozent setzten auf cash. In Deutschland zahlten 45 Prozent der Konsumenten mit Karte, in Finnland waren es 67 Prozent, in Frankreich 72 Prozent, in Holland sogar 73 Prozent.

Das Verhältnis zwischen den Staaten ist bis heute in etwa gleichgeblieben, sagt Helmut Stix von der Österreichischen Nationalbank (OeNB). Die Zahlen haben sich jedoch leicht verändert. Anfang des Jahres kauften etwa 40 Prozent der Österreicher mit Karte, 60 Prozent zahlten bar. Jährlich verschiebe sich der Trend um etwa zwei Prozentpunkte in Richtung Kartenzahlung, sagt Stix. Es wird also noch ein Jahrzehnt dauern, bis zumindest die Hälfte der Österreicher mit Karte zahlt.

Geldscheine in Quarantäne

Das hochansteckende Coronavirus machte die Menschen vorsichtig, die Politik versuchte mit Maßnahmen das Ansteckungsrisiko zu minimieren. EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis schrieb auf Twitter: "Zeit, Ihre Münzen gegen Zahlungskarten einzutauschen - sicherer gegen Coronavirus." In China, Südkorea, Ungarn, Kuwait und anderen Ländern ließen Notenbanken das Bargeld desinfizieren. Die US-Notenbank Fed schickte sogar Geldscheine, die aus Asien stammen, in Quarantäne. In Österreich erhöhten alle Banken das Limit für Kartenzahlung ohne Pin von 25 auf 50 Euro.

Ob das Virus tatsächlich über Bargeld übertragen werden kann, konnten Virologen zwar nicht herausfinden. Viele Österreicher orientierten sich trotzdem am Ratschlag des Wirtschaftskommissars. In der Corona-Zeit habe es einen Rückgang der Bargeldnutzung gegeben, das Verhältnis von Bar- und Kartenzahlung lag bei 50 zu 50, sagt Stix.

Die erhöhte Bereitschaft, mit Karte zu zahlen, bemerkte auch Senel in seinem Bioladen. "Die meisten Kunden haben positiv reagiert", sagt er. Beim Bezahlen stellte er das Kartenlesegerät auf den Verkaufstisch, der Kunde hielt seine Bankomatkarte darüber, und fertig war der kontaktlose Bezahlvorgang. Kunden, die skeptisch reagierten, konnte Senel mit einer niedrigeren Ansteckungsgefahr überzeugen. Sicherheit übertrumpfte also Gewohnheit.

Die Entscheidung, nur auf Karte zu setzen, lohnte sich für den Bioladenbesitzer. "Ich machte so viel Umsatz wie noch nie", sagt er. "Die Kunden kochten mehr daheim und kauften daher mehr Lebensmittel."

Rückkehr zu alten Gewohnheiten

Beschleunigt die Corona-Krise den Trend in eine bargeldlose Zukunft? Hat die Angst vor einer Übertragung der Krankheit die Gewohnheiten der Verbraucher verändert?

Die Antwort lautet: Nein. Der Trend gehe wieder in Richtung des Niveaus vor der Corona-Krise, sagt Helmuth Stix von der OeNB. Die Mehrheit (55 Prozent) würde wieder mit Bargeld zahlen, 45 Prozent mit Karte.

Das Festhalten am Bargeld, die Rückkehr zu alten Gewohnheiten, so kurz nach der Corona-Krise, überrascht auch Erwin Kirchler. "Ich habe vermutet, dass wir nach der Krise flexibler werden", sagt der Wirtschaftspsychologe, der in den Bereichen Steuerpsychologie und Geldmanagement in privaten Haushalten forscht.

"Wenn es bequem ist und mit einem Klick aktiviert werden kann, werden die Konsumenten es annehmen", sagt Ertan Piskin, Leiter des Kartengeschäfts bei der Erste Bank. - © Diva Shukoor
"Wenn es bequem ist und mit einem Klick aktiviert werden kann, werden die Konsumenten es annehmen", sagt Ertan Piskin, Leiter des Kartengeschäfts bei der Erste Bank. - © Diva Shukoor

Doch warum ist Bargeld den Österreichern so wichtig? "Es geht um den Kontrollverlust", erklärt Kirchler. "Zum einen die Kontrolle über die eigenen Ausgaben, zum anderen die Angst vor der Kontrollierbarkeit. Die Menschen wollen ihre Daten nicht hergeben, weil sie Angst haben, durchleuchtet zu werden. Durch die Bank selbst, durch politische Mächte." Das sei weltweit einzigartig. "Für viele Touristen ist es ein Unikum, wenn Restaurants hierzulande nur Bargeld nehmen", sagt Kirchler.

"Die Menschen wollen ihre Daten nicht hergeben, weil sie Angst haben, durchleuchtet zu werden. Durch die Bank selbst, durch politische Mächte."

Erwin Kirchler, Wirtschaftspsychologe

Es gibt keine Studien, warum Bankomat- und Kreditkarten in Österreich einen schweren Stand haben. Aber es gibt mehrere Theorien und Vermutungen. Die Angst, von politischen Mächten kontrolliert zu werden, stammt noch aus der Zeit des Polizeistaats unter Staatskanzler Metternich im 19. Jahrhundert, lautet eine dieser Theorien.

Eine andere Vermutung hat Wirtschaftshistoriker Clemens Jobst. In Österreich gibt es seit 1762 Papiergeld. Es sollte für die nächsten Jahrhunderte das beliebteste Zahlungsmittel werden. Während andere Staaten auf Goldwährungen setzten, blieb Österreich eine Ausnahme. "Es war mehr Papiergeld im Umlauf als in anderen Ländern", sagt Jobst. "Man hat sich daher daran gewöhnt."

Monarchie setzte auf Papiergeld

Nach zahlreichen verlorenen Kriegen, die alle mit Papiergeld bezahlt wurden, kam die Monarchie 1848 in schwere finanzielle Nöte. Der Staat hat daraufhin noch mehr Papiergeld gedruckt mit dem Ergebnis einer Hyperinflation. "Die Silbermünzen wurden eingeschmolzen, das Edelmetall war aufgrund der Entwertung mehr wert als der Nennwert der Münze", sagt Jobst. Von da an gab es nur noch Papiergeld.

"Es war in der Monarchie mehr Papiergeld im Umlauf als in anderen Ländern. Die Österreicher haben sich daher daran gewöhnt."

Clemens Jobst, Wirtschaftshistoriker

"Wenn man in einen bestimmten Modus kommt, ist es schwierig diesen umzustellen", erklärt der Wirtschaftshistoriker. In Frankreich wurden bis vor kurzem noch Schecks verwendet. Kirchler studierte in Paris Mitte der Nullerjahre. "Um meine Miete zu zahlen, füllte ich jeden Monat einen Scheck aus und verschickte ihn per Post", erzählt er. In Österreich konnte man zu dieser Zeit bereits seit 20 Jahren Geld überweisen.

Mitten in der Corona-Krise ließ Bayram Senel seinen Bioladen Liola offen und setzte erfolgreich auf kontaktloses Zahlen. - © Diva Shukoor
Mitten in der Corona-Krise ließ Bayram Senel seinen Bioladen Liola offen und setzte erfolgreich auf kontaktloses Zahlen. - © Diva Shukoor

In Skandinavien kaufen die meisten Menschen mit Karte ein, oftmals ist es gar nicht möglich, mit Bargeld zu zahlen. Das liege an den langen Distanzen, sagt Kirchler. Ein Netzwerk von Kartenterminals ist einfacher zu bewerkstelligen als die Bereitstellung von genügend Bargeld in jedem noch so abgelegenen Ort.

Viele Unternehmen, die keine Kartenzahlung anbieten, klagen über die hohen Kosten. Bargeld sei einfach billiger, sagen sie. Iris Thalbauer ist Handel-Geschäftsführerin in der Wirtschaftskammer. Sie sagt, die Nutzung von Kartenterminals sei zu teuer. "Es ist eine Sache der Konditionen", befindet sie. Vor allem für kleine Betriebe. "Je geringer die Marge, desto mehr fallen die Kosten ins Gewicht."

Um die Kosten zu senken, begrenzte die Europäische Kommission vor kurzem die Umtauschgebühren (Interchange Fee) auf 0,2 Prozent einer Transaktion für Kreditkarten und 0,3 Prozent für Kredite. Für Thalbauer ist das zu wenig. "Das hat nichts gebracht, weil dafür andere Gebühren erhöht wurden", sagt sie. Die Kommission müsste sich alle Gebühren anschauen. "Wir fordern, dass die Kommission Grenzen setzt."

Auch Bayram Senel kritisiert die Höhe der Kosten. "Als kleiner Unternehmer muss ich jeden Cent umdrehen, da fallen solche Kosten ins Gewicht. Größere Geschäfte können sich das eher leisten", sagt er. Senel fordert daher eine Staffelung der Kosten zugunsten der Kleinunternehmer.

Der größte Kartenanbieter für bargeldlosen Zahlungsverkehr Österreichs ist Card Complete mit 1,5 Millionen Karteninhabern. Seit 12 Jahren hat das 400 Millionen Euro schwere Aktienunternehmen alle gängigen Karten im Angebot. Die Zusammensetzung der Gebühren richtet sich nach der Kartenart und nach der Höhe des Durchschnittsumsatzes, heißt es von Card Complete. Überlegungen, kleine Unternehmen zu entlasten, gibt es nicht. Denn die wesentlichen Kostenfaktoren seien die Entgelte und Gebühren an Banken und Kartenorganisationen, wird versichert. Die Erhöhung der Betragsgrenze für Kontaktloszahlen auf 50 Euro wird hingegen begrüßt. "Damit können Karteninhaber noch mehr Einkäufe einfach, schnell, ohne PIN-Eingabe bezahlen."

Card Complete befindet sich im Eigentum von Bank Austria (50,1 Prozent), Raiffeisenbank International (25 Prozent) und der privaten AZV-Stiftung - die Eigentümerverhältnisse könnten sich bald ändern, denn der italienische IT-Konzern SIA will Mehrheitseigentümer werden und mindestens 60 Prozent an Card Complete erwerben.

Bezahlen mit dem Smartphone

Zehn Millionen Bankomatkarten und vier Millionen Kreditkarten sind derzeit in Österreich ausgegeben. Doch abseits der Zahlweise mit Plastikkarten drängen Elektronikriesen, Start-ups, oder Softwareentwickler, wie etwa Apple, Garmin oder Google mit neuen Produkten auf den Markt. Statt Pin-Code und Plastikkarte bieten sie Bezahlfunktionen per Smartphone an, wo der Benutzer mithilfe von Fingerprint oder Gesichtserkennung zahlt.

Zu den österreichischen Pionieren zählt dabei die Erste Bank mit ihrer digitalen Bankingplattform George. Sie startete vor mehr als fünf Jahren, sechs Millionen Menschen aus Österreich, Tschechien, Slowakei und Rumänien nutzen sie heute. Aufbauend auf George erweiterte die Erste Bank ihr digitales Portfolio. Seit dem Frühjahr 2019 vergibt sie - statt Bankomatkarten - nur noch Debitkarten, etwa als Schlüsselanhänger, Armband oder Sticker.

Seit einem Jahr vergibt die Erste Bank – statt Bankomatkarten – nur noch Debitkarten, etwa als Schlüsselanhänger, Armband oder Sticker. - © Erste Bank
Seit einem Jahr vergibt die Erste Bank – statt Bankomatkarten – nur noch Debitkarten, etwa als Schlüsselanhänger, Armband oder Sticker. - © Erste Bank

Die Karte wird bei Bezahlung nur noch über das Kartenterminal gehalten. Wie bei einer Kreditkarte können auch Einkäufe im Internet getätigt werden. Auch die Bezahlung per iPhone oder Apple Watch mit der Software "Apple Pay" ist seither möglich. Andere Banken zogen nach, weitere Bezahlfunktionen wie Garmin Pay oder Android Pay werden nun ebenso angeboten.

Ertan Piskin, Leiter des Kartengeschäfts bei der Erste Bank, ist zufrieden. "Durch die Corona-Krise erleben wir eine Entwicklung, die wir erst in den nächsten Jahren erwartet haben", sagt er. Die Zahlungen bei Einzelhändlern mit dem Smartphone seien massiv angestiegen. "Die Transaktionszahl wuchs um 15 bis 20 Prozent gegenüber der Zeit vor Corona." Insgesamt würden nun 300.000 Kunden im Schnitt jeden zweiten Tag mit dem Smartphone bezahlen.

Es werde in Zukunft um einfache Bezahlmöglichkeiten gehen, sagt Piskin. Das gelte auch für Blumenhändler, Marktstandler oder Restaurants, die bisher nur Bargeld akzeptieren. Das müsse aber von den Banken kommen, nicht von den Konsumenten oder von den Unternehmen. "Den Österreichern nachzusagen, dass sie nur mit Bargeld zahlen wollen, ist unfair", befindet Piskin. "Man muss es den Kunden ordentlich aufbereiten, in einer einfachen Art und Weise. Wenn es bequem ist und mit einem Klick aktiviert werden kann, werden sie es annehmen", prophezeit er.

"Durch die Corona-Krise erleben wir eine Entwicklung, die wir erst in den nächsten Jahren erwartet haben."

Ertan Piskin, Leiter des Kartengeschäfts bei der Erste Bank

Zurück im Bioladen "Liola" nahe des Wiener Wallensteinplatzes im 20. Bezirk. Der Umsatz sei im Vergleich zur Corona-Krise wieder ein wenig zurückgegangen. Dass er seinen Laden nie geschlossen hatte, verhalf Senel aber zu neuen Kunden. "Die Menschen sind in den vergangenen Wochen umweltbewusster geworden, auch den Laden ums Eck wollen sie nun stärker unterstützen, so wie früher den Greißler", sagt er: Umweltbewusst, regional, mit Kartenzahlung. Doch Senel lächelt und zeigt in Richtung Ladentisch. "Man kann auch wieder mit Bargeld zahlen."

Es ist mit dem Bargeldzahlen in Österreich wohl so wie mit vielen geliebten Gewohnheiten. Man gibt sie nicht von heute auf morgen auf.