Es begann alles im Jahr 2006, als noch niemand über eine Pandemie nachdachte. Da gründeten ein Virologe, eine Allergologin, ein Meeresbiologe und ein Tierarzt ein Unternehmen, Marinomed.

Als Start-up und Spin-off der Veterinärmedizinischen Universität wollte man mit Wirkstoffen aus dem Meer arbeiten und wurde alsbald bei der Rotalge fündig. Aus ihr wird eine Substanz gewonnen, Carragelose, die mittlerweile in Nasen- und Rachensprays sowie Lutschtabletten in der Apotheke erhältlich ist.

Carragelose hat eine Besonderheit, die nun, in Corona-Zeiten, Aufsehen erregt: "Sie hat die nette Eigenschaft, relativ unspezifisch an Viren zu binden", erläutert Marinomed-CEO Andreas Grassauer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Gut gegen Viren

Viren seien nichts anderes als molekulare Nanokletten, die versuchen, an den Schleimhäuten hängen zu bleiben. "Die Carragelose bildet jedoch einen Schutzfilm, der das verhindert und reduziert so die Virenvermehrung um bis zu 90 Prozent", schwärmt der Firmenchef. "Dabei wirkt die Substanz nicht nur gegen ein bestimmtes Virus, sondern gegen alle Atemwegsviren." Womöglich auch gegen das Corona-Virus - das wird gerade in einer argentinischen Doppelblind-Placebo-gestützten-Studie untersucht. Ist diese erfolgreich, darf Marinomed auch die Abwehrwirkung gegen Covid-19 "verkaufen", sicher ein interessantes Verkaufsargument.

Vorangegangene klinische Studien stimmen Grassauer jedenfalls sehr optimistisch. Man sei bereits mit den Partnern in über 40 Ländern im Gespräch. Womöglich könnte es sogar eine offizielle Empfehlung für Carragelose zur Corona-Abwehr geben, hofft er. Dann würde Marinomed eine völlig neue Stufe in Sachen Unternehmenserfolg erklimmen.

"Die WHO hat gerade Carrageenan-, also auch Carragelose-Produkte, als potenziell wirksam gelistet. Da hat sich einiges getan in den letzten Wochen", merkt er an.

Aktie mit Fantasie

Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass nationale oder übernationale Organisationen Carragelose zur Corona-Abwehr empfehlen, dürften nicht nur die Produkte in der Apotheke schnell ausverkauft sein. Auch der Aktienkurs, des im Februar 2019 an die Wiener Börse gegangenen Unternehmens würde davon wohl profitieren.

Immerhin hat Marinomed den für fast alle anderen Unternehmen so fatalen Lockdown im Frühling gut überstanden. Der Aktienkurs ist wieder auf Vor-Krisen-Niveau, so Grassauer. "In der Aktie ist die Corona-Phantasie meiner Meinung nach aber noch gar nicht eingepreist", lässt der Firmenchef quasi nebenbei fallen.

Andererseits hat man mit einem übermäßigen Ansturm auch so seine Probleme, hat Marinomed bereits im März festgestellt. Damals waren alle Produkte "von einem Tag auf den anderen" nicht nur in den heimischen Apotheken ausverkauft. "Es gibt genug Menschen, die bereits von der Wirksamkeit der Carragelose wissen, vor allem die Apotheker", kommentiert Grassauer dies.

Gerüstet für den Herbst

Für den Herbst erwartet er nicht unbedingt die gleiche Problematik wieder. "Wir haben genug vom Wirkstoff auf Lager. Da traue ich mich auch zu sagen, dass wir ganz Europa versorgen könnten. Das Problem sind die Verpackungssysteme, das medizinische Glas und die Pumpen für Nasen- und Rachensprays. Niemand hat eben hundert Millionen Pumpen herumliegen. Da ging es uns wie den Herstellern von Desinfektionsmitteln, Schutzmasken oder Handschuhen." Mittlerweile hätten sich die globalen Lieferketten aber wieder normalisiert.

Österreich sieht er jedenfalls "gut gerüstet" für den Herbst. In anderen Ländern könnten jedoch Nachschubprobleme auftreten, wenn Partner nicht genug vorbestellt hätten. "Es gibt einfach gewisse Vorlaufzeiten in der Produktion. Und wenn jemand wenig bestellt hat, kann diesem Partner im Winter schon einmal die Ware ausgehen."

Bereits jetzt sei eine deutlich höhere Nachfrage zu bemerken. Bei Marinomed rechnet man für das Gesamtjahr 2020 jedenfalls mit einem zweistelligen Umsatzwachstum. Das könnte mehr werden, gibt es eine offizielle Empfehlung für Carragelose zur Corona-Abwehr. Man sei vorbereitet, so Grassauer. "Für sieben Milliarden Menschen gleichzeitig können wir aber zwar den Wirkstoff liefern, mit der Verpackung wird es dann aber schwierig.", lacht er.

Was Marinomed auch in solchen Extremfällen Luft verschafft, ist sein Geschäftsmodell. So definiert sich das Unternehmen als Lizenzinhaber und Eigentümer aller Daten sowie Erfinder der Carragelose als medizinisches Produkt. Produktion und Vertrieb übernehmen hingegen Partner in den jeweiligen Ländern. In Österreich ist das Sigmapharm. - Deshalb steht auch nicht Marinomed auf den Verpackungen.

Börsegang und Zukunft

Der Börsegang 2019 hat jedenfalls Kapital in die Kassen gespült. "Er hat auch unsere Präsenz verbessert, speziell im Ausland. Und er hat es uns ermöglicht, geplante Projekte umzusetzen, denn dadurch haben wir die finanziellen Ressourcen bekommen."

58 Prozent von Marinomed sind seither im Streubesitz. Gründer und Management halten etwas über 25 Prozent, ein strategischer Investor, dahinter steckt eine saudi-arabische Familie, hält 16 Prozent, erläutert er. Die Gewinnzone sei noch nicht in Sicht. "Alles, was wir verdienen, stecken wir in die Forschung." Bis 2021 rechnet der CEO daher mit einem negativen Ergebnis.

Als Investor im Life-Science-Sektor brauche man eben einen langen Atem. "Wenn es aber einmal funktioniert, kann ein Biotech-Unternehmen völlig andere Ebit-Margen bringen als normale Unternehmen", schwärmt Grassauer. Das liege am Geschäftsmodell mit den Lizenzzahlungen, die bei Erfolg kaum weiteren Aufwand benötigen.

Und dann gibt es ja auch noch die Marinosolv-Technologie, die schwer lösliche Wirkstoffe besser verfügbar machen soll. Für Allergiemedikamente könnte dies deutlich geringere Dosierungen, beispielsweise von Cortison, bedeuten. Damit sieht sich Marinomed, auch nach Corona, gut für die Zukunft aufgestellt.