Halb leer ist das Glas derzeit in der Nachtgastronomie. Der Inhalt wäre ein besonders herber Kräuterbitter. Denn all das, von dem die Branche lebt, ist in Zeiten des Coronavirus tabu: Das enge Tanzen in der feiernden Menschenmasse, das Flirten an der Bar und der Austausch von Körperflüssigkeiten. Die nun verschärften Maßnahmen stoßen einigen Clubbetreibern sauer auf: "Der Ist-Zustand ist ein Berufsverbot", heißt es aus dem Nachtclub Sass.

"Die Sperrstundenregelung macht unseren Beruf obsolet", sagt Sebastian Schatz, Gesellschafter des Sass. Seit Anfang März sind die Türen des Musikclubs im ersten Bezirk geschlossen, lediglich drei Privatveranstaltungen hätten während der Lockerungen stattgefunden.

Mit den neuen Verordnungen ist auch diese Möglichkeit abgedreht worden. Aktuell sind maximal zehn Personen bei Privatveranstaltungen zugelassen. "Drei Stunden für zehn Personen aufzusperren, macht wirtschaftlich keinen Sinn", sagt Schatz. "Das Ärgerliche dabei ist, dass die Leute auf illegale Partys ausweichen, oder in Bars ohne Covid-19-Konzepte. Diese Härte der momentanen Restriktionen trifft uns am meisten."

Clubs hätten bessere Belüftung als U-Bahnen

Stefan Niederwieser von der Vienna Club Commission (VCC) bestätigt die prekäre Lage der Branche: "Es steht zu befürchten, dass ganz viele Clubs dazu verdammt sind, einfach zuzusperren und zu hoffen, dass die Fixkosten möglichst zu 100 Prozent ersetzt werden, damit ihr Schuldenstand nicht noch weiter wächst."

Dass sich die Regeln nicht auch auf andere Bereiche der Gastronomie beziehen, ist dem Sass-Betreiber ein Dorn im Auge: "Wir verstehen die Maßnahmen ja. Aber wenn man bis um eins in eine Bar gehen kann und wir trotzdem geschlossen haben, dann versteh’ ich das nicht mehr. Das ist wissenschaftlicher Unsinn." Leute würden sich in Bars und Restaurants ebenso antrinken können und Leute anstecken. "Wenn, dann müssen bestimmte Regeln überall gelten."

Unverständlich ist für ihn außerdem, dass Nachtlokale geschlossen sind, während Flugreisen erlaubt bleiben. Das sei "virologischer Unsinn", denn Wien hätte eines der europaweit härtesten Belüftungsgesetze. "Wir sind auf jeden Fall besser belüftet als ein Zug, eine U-Bahn oder ein Flugzeug", so Schatz.

Seit den neuen Verordnungen besteht für Nachtclubs nicht mehr das Schlupfloch, die Sperrstunde über als privat deklarierte Veranstaltungen zu umgehen. Das sei auch gut so, meint U4-Betreiber Michael Gröss: "Es ist nun mal so, dass alles, was in einem Club passiert, genau das ist, was im Moment nicht passieren sollte." Für ihn existiert kein Corona-sicheres Partykonzept. "Jeder, der behauptet, mit Masken oder Rückverfolgung kann man das sinnvoll machen, der war noch nie auf einer Party", meint Gröss.

Konkursverschleppung durch staatliche Geldspritzen

Sein Nachtclub in Meidling befindet sich deshalb seit März im Standby-Modus. Noch sind die Mitarbeiter in Kurzarbeit, im Oktober müssten jedoch alle bis auf das Kernteam entlassen werden. Anders als das Sass hätte das U4 wie die meisten Betriebe in der Branche kein Geldpolster zur Verfügung. Deshalb sei man auf die Unterstützung vom Staat angewiesen. "Wirtschaftlich ist es einfach notwendig, dass die Fixkosten komplett übernommen werden", sagt Gröss. Die Regierung kündigte eine solche 100-prozentige Übernahme ab September an. Es wird allerdings noch mit der EU-Kommission verhandelt.

Zuvor gab es bereits eine Unterstützung von bis zu 75 Prozent. Den Rest mussten die Betriebe aus eigener Tasche finanzieren. "Bei kleinen Betrieben können auch 5.000 Euro schon den Unterschied zwischen Weitermachen und Nicht-Weitermachen bedeuten", sagt Niederwieser.

Auch Sass-Betreiber Sebastian Schatz begrüßt den geplanten Fixkostenzuschuss, weist aber darauf hin, dass sein Unternehmen "rein juristisch einer Konkursverschleppung nahekommt". Aussichten auf schwarze Zahlen gebe es durch den fehlenden Umsatz und die Schulden aus den Vormonaten nämlich nicht.

Clubbing mit Mund-Nasen-Schutz

Während es im U4 bis auf Konzert-Streams voraussichtlich ruhig bleiben wird, pocht das Sass auf "Experimente". Schatz spricht sich dafür aus, dass Nachtclubs unter Restriktionen öffnen dürfen sollten. Er kann sich auch das Tanzen mit Mund-Nasen-Schutz vorstellen.

"Wir brauchen einen Modus Operandi, wie wir jetzt arbeiten könnten, weil der Virus wird nicht verschwinden", so der Sass-Inhaber. "Wir brauchen Arbeitsverhältnisse mit dem Virus und nicht gegen unseren Berufsstand. Und wir könnten das bieten, aber man muss experimentierfreudig sein." Er sieht dabei auch die Politik zum Umdenken gefordert.

"Je mehr ein Club zur Oper wird, desto mehr wird auch möglich sein", sagt Niederwieser. Einen klassischen Partybetrieb kann er sich aber nicht vorstellen - zumindest nicht bis es Corona-Schnelltests gibt.

Mit solchen Alkomat-ähnlichen Geräten könnte sich auch das U4 einen Clubbetrieb vorstellen. Wenn irgendwann in der Zukunft wieder Normalbetrieb stattfindet, glaubt der Gröss auf einen Ansturm auf Nachtclubs. Bis dahin brummt der Nachgastronomie weiter der Schädel.