"Wiener Zeitung": Wie haben Sie die Reaktionen auf die Hiobsbotschaft von MAN wahrgenommen? Resignation? Nervosität?

Markus Vogl: Hoffnung. Wir sind als Industrieregion ständig gebeutelt von Hiobsbotschaften. Ich denke, dass auf dem Verhandlungsweg sicher noch Lösungen möglich sind. Der VW-Konzern ist normalerweise nicht dafür bekannt, dass er Werke schließt. Die Familie Piech-Porsche ist in Österreich beheimatet; ich weiß nicht, ob die so interessiert daran sind an solchen negativen Schlagzeilen über VW. Aber die Situation ist ernst.

Automobilindustrie ist ein krisenanfälliger Industriezweig: Welche Vorkehrungen hat die Stadt Steyr bereits in der Vergangenheit getroffen?

Die Region Steyr hat schon bewusst andere Wirtschaftszweige hochgezogen, zum Beispiel im Bereich EDV. Oder die Arbeitsstiftung, die uns schon durch kleinere Krisen hindurchgeholfen hat. Von Steyr aus ist die Offene Arbeitsstiftung entstanden, dank welcher sich ArbeitnehmerInnen in andere Berufe umschulen oder höher qualifizieren können. Inzwischen gehört auch der Flughafen Wien zu dieser Stiftung. Das hilft zwar bei den ganz großen Krisen alleine nicht , es ist aber ein Instrumente von vielen, um Krisen zu bekämpfen.
Oder bei der MAN am Standort Steyr: LKW haben immer mehr Kunststoffteile, es wurde in Steyr daher die größte Kunststoffteillackieranlage Europas errichtet. Es ist egal ob die LKW elektrisch oder sonst wie fahren, der Anteil der Kunststoffteile die lackiert werden, wird nicht abnehmen. Investitionen in die Zukunft sind also ein weiteres Instrument.

Vor dem Eingang zum Verwaltungsgebäude der MAN. - © Jo Kerviel
Vor dem Eingang zum Verwaltungsgebäude der MAN. - © Jo Kerviel

Warum investiert MAN zuerst und will dann wenig später die Tore schließen?

Die Frage ist: Gibt es zum Beispiel die Überlegung, dass man die Lackierung verkauft? Man weiß bisher sehr wenig, was genau geplant ist.
Was würde ein vollständige Schließung für die Stadt bedeuten? Oder will man noch nicht dran denken.

Man muss drüber nachdenken! Das Schlechteste ist, den Kopf in den Sand stecken. Das geht nicht. Eine Schließung wäre eine Katastrophe für die Region. Es sind ja nicht nur die 2.300 Beschäftigten im Werk betroffen, es hängen ja viele andere Arbeitsplätze in der Region an der MAN. Da entsteht auf einen Schlag eine riesige Industriebrache mitten im Zentrum von Steyr. Man muss daher auf die Zukunftsthemen schauen. Auf der anderen Seite werden wir natürlich versuchen, um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen.

Welche Themen wären dies? Es gibt keinen anderen Industriezweig, der das abfangen könnte. Wie damals in den 80ern.

Das ist sicher ein Thema, dass diese Möglichkeit von damals wegfällt. Mobilität ist ein Thema der Zukunft. Wir sind individuelle Mobilität gewohnt, dafür wird es aber neue Angebote brauchen. Daher muss man überlegen, wie schaut die Zukunft der Mobilität aus und was braucht es, dass das gelingen kann. Dazu muss der Bund Geld in die Hand nehmen. Man könnte ein riesiges Forschungsprojekt zu diesem Thema machen und eine Musterregion schaffen.

Ohne Bund geht da nichts?

Das sind Themen, die das Land allein nicht heben kann. Das sind Bundesthemen. Detroit war einmal eine boomende Stadt, ist mit der Autoindustrie immer größer geworden. Als die wegbrach, ist die Stadt gestorben, ganze Stadtviertel wurden abgeriegelt. Wenn dieser Wechsel nicht gestaltet wird, wenn sich niemand darum kümmert, dann ist das gefährlich. Von alleine passiert gar nichts. Darum braucht es den Input, darum braucht es Industriepolitik. Und Industriepolitik heißt, Anreize schaffen.

Ist E-Mobilität eine Alternative?

Das kann eine von mehreren Lösungen sein. Das Problem ist aber, dass die Wertschöpfung hier eine viel geringere ist, es wird dafür nur ein Drittel der Beschäftigten benötigt, die man bei der Produktion von Verbrennungsmotoren braucht.

Markus Vogl (SPÖ) ist seit 2013 Abgeordneter zum Österreichischen Nationalrat,  er war auch Angestelltenbetriebsratsvorsitzender bei MAN und soll 2021 die Nachfolge von Bürgermeister Gerald Hackl antreten. - © CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34010660
Markus Vogl (SPÖ) ist seit 2013 Abgeordneter zum Österreichischen Nationalrat,  er war auch Angestelltenbetriebsratsvorsitzender bei MAN und soll 2021 die Nachfolge von Bürgermeister Gerald Hackl antreten. - © CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34010660

Vor allem eines ist wichtig: Man muss es technologieneutral angehen. Wir wissen heute gar nicht, welches das Antriebssystem der Zukunft sein wird. Auch Wasserstoff ist eine Möglichkeit. Wie aber gewinnen wir die Energie zur Erzeugung von Wasserstoff? Wie schafft man, dass man auch den Treibstoff lokal erzeugt? Auch das sind wichtige Fragen der Zukunft.

Wir sind mitten im Umbruch. Diesel wird noch eine Zeit lang bestehen, der Benzinmotor auch, aber die sind keine Wachstumsstrategie mehr. Vielmehr muss man sich fragen: Was soll in zehn Jahren in der Region passieren? Und unser Anspruch ist, dass wir eine Industrieregion bleiben wollen.

Seitens der Stadt Steyr wurde Bereitschaft signalisiert, sich in die Verhandlungen mit MAN zu beteiligen, auch von finanziellen Zuschüssen war die Rede. Wie schaut es mit der Unterstützung vom Land OÖ und vom Bund aus?

Der Bund schweigt. Das ist für mich schockierend. Industriepolitik muss Bedingungen für die Industrie schaffen. Und die Aussicht von Arbeitsministerin Aschbacher auf eine Arbeitsstiftung, die wird uns nicht helfen. Die haben wir ohnehin. Da braucht es mehr Maßnahmen.

Sie haben daher einen Industriegipfel gefordert.

Es müssen sich alle an einen Tisch setzen um zu überlegen, was man tun kann, dass die Industrie in Österreich in Zukunft erhalten bleibt. Eine der Lehren, die wir aus 2009/2010 gezogen haben: Die Industrie ist das Rückgrat, das hilft, schneller wieder aus der Krise aufzutauchen. Die leichtfertig kaputtzumachen, das halte ich für nicht gescheit. Aus interessenspolitischer Sicht kann einem das natürlich gefallen: Fällt ein großes Unternehmen weg, ist auch der große Widerstand weg, die Möglichkeiten sich in der Arbeiterbewegung zu organisieren. Aber für das Land selbst ist das eine Katastrophe.

Die MAN-Lehrwerkstatt für Jugendliche, ist ein wichtiger Ausbildungsmöglichkeit für junge Leute, die nicht selbstverständlich ist.

Das ist eine wichtige Ausbildungsstätte und sie gehört auf alle Fälle abgesichert. Es wird hier nicht nur für die MAN ausgebildet, sondern auch für SKF, Case New Holland und andere. Die Kultur, die wir haben, kommt nicht von irgendwo. Wir setzten hier auf die Ausbildung der Facharbeiter und haben auch das Zentrum der Facharbeiterausbildung in der Region.