"Fight the Virus" steht auf der Zielscheibe im Waffenfachhandel Seidler in Wien Döbling. "Je gefährlicher das Virus, desto höher die Punkte." Wer das Grippevirus im Schießstand trifft, bekommt sechs Punkte, das Coronavirus liefert mit zehn Punkten die höchste Punktzahl. "Wir freuen uns, wenn wir gemeinsam das Virus besiegt haben", ist auf der Website des Geschäftes zu lesen. Die Corona-Zielscheibe soll als kleine Aufheiterung und Ansporn nach dem Lockdown dienen, sich wieder – mit Einhaltung der Hygieneregeln – in den Schießstand zu begeben.

In Krisenzeiten haben Waffen und Munition traditionell Hochkonjunktur. Im Frühjahr schnellten etwa in den USA die Zahlen der Waffenverkäufe in die Höhe, Händler verzeichneten bis zu 800 Prozent mehr Umsatz. Nach einer Statistik der US-Bundespolizei FBI stieg die Zahl der eingeleiteten Sicherheitsüberprüfungen für potenzielle Waffenkäufer bis Ende März auf 3,7 Millionen an – der Höchstwert seit Beginn der Erhebung 1998. Der Online-Munitionshändler Ammo.com meldete zwischen dem 23. Februar und Ende März ein Umsatzplus von beeindruckenden 792 Prozent verglichen mit den 40 Tagen zuvor. Von dem Boom profitieren auch österreichische Hersteller, wie etwa Glock.

Die USA sind international freilich ein Sonderfall mit ihrem 2. Zusatzartikel zur Verfassung, der das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen postuliert. Das Land führt weltweit und mit Abstand bei der Anzahl der Handfeuerwaffen im Privatbesitz pro 100 Einwohner. Es sind gut 120 Stück. Mit 30 Waffen auf 100 Einwohner liegt Österreich auf Platz 13.

Um den Waffenführerschein gültig zu halten, muss regelmäßiges Schießtraining nachgewiesen werden. - © WZ/Tatjana Sternisa
Um den Waffenführerschein gültig zu halten, muss regelmäßiges Schießtraining nachgewiesen werden. - © WZ/Tatjana Sternisa

Doch haben der Ausbruch der Corona-Pandemie und die damit einhergehende Wirtschaftskrise auch hierzulande zu einem Anstieg der Waffenbesitzer und Waffenverkäufe geführt?

Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Glock und Revolver

Bumm! Bumm! Bumm!

Immer wieder dringen dumpfe, eindringliche Schussgeräusche aus dem Schießstand in den Schulungsraum. Bei Waffenhändler Seidler sitzen sieben Anwärter, davon drei Frauen, für den Waffenführerschein mit einem Meter Abstand und Mund-Nasen-Schutz in einem kleinen fensterlosen Zimmer. Hinter der Schallschutzscheibe befindet sich der Schießstand, den sie auch bald mit ihrer eigenen Waffe betreten wollen. Gute drei Stunden beschäftigen sich die Anwärter mit Waffenkunde, rechtlichen Bestimmungen und Praxis. Richtige Körperhaltung, Entladen, Laden, Sichern, Schuss abgeben.

Der Inhaber des Waffenführerscheines wurde "in der Theorie für den sachgemäßen und sicheren Umgang mit Waffen geschult", heißt es dann auf dem rosafarbenen Dokument, dass allein noch nicht zum Besitz einer Waffe berechtigt, aber für die Waffenbesitzkarte beziehungsweise für den Waffenpass in Folge Voraussetzung ist.

"Das ist so eine Art Konfrontationstherapie"

Die Gruppe ist eher jung und recht bunt gemischt. Sabine etwa will positive Erfahrungen mit der Waffe sammeln. Die 35-Jährige erlebte einen tragischen Vorfall mit einer Schusswaffe in ihrer Nachbarschaft, kurz darauf die Sache mit einer Waffe auf der Donauinsel. "Das ist so eine Art Konfrontationstherapie", sagt die Blondine, die selbst im psychologischen Bereich tätig ist. Mit Corona habe das aber rein gar nichts zu tun, sagt sie.

"Ich will meine eigene schmale Glock", sagt eine Anwärterin für den Waffenschein. - © WZ/Tatjana Sternisa
"Ich will meine eigene schmale Glock", sagt eine Anwärterin für den Waffenschein. - © WZ/Tatjana Sternisa

Eine weitere Teilnehmerin wimmelt beim Thema Corona ebenfalls ab. Die Motivation, einen Waffenschein zu machen, habe nichts mit der Krise oder einer Verunsicherung zu tun. Die 31-Jährige, die in der Gesundheitsbranche arbeitet und die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist zum Schießen durch ihren Freund gekommen, ein Polizist. Die braun gebrannte, sportliche junge Frau mag den Fokus bei der Sache, "beim Umgang mit der Waffe ist man nur damit beschäftigt und hoch konzentriert". Sie möchte Schießen als gemeinsames Hobby mit ihrem Freund oder als Sport in der Gruppe betreiben. "Ich will meine eigene Waffe besitzen. Es gibt breitere und schmälere Glocks. Die meines Freundes ist für meine Hände zu breit, ich will eine schmale", so die künftige Waffenbesitzerin.

Auch ein 24-jähriger Teilnehmer winkt beim Thema Corona ab, er möchte Sportschütze werden, und weil er Waffen erben werde, so der muskulöse Masterstudent.

Geschäftsinhaber Heribert Seidler kann die These auch nicht bestätigen, dass durch den Ausbruch der Corona-Krise in Österreich die Nachfrage nach Waffen außerordentlich gestiegen wäre. "Kurz vor dem Lockdown im März gab es einen Anstieg der Verkäufe bei uns, ich schätze, weil viel Unsicherheit da war, wie nun alles weitergeht. Dann mussten auch wir einen Monat zusperren. Ich dachte, nach dem Lockdown, jetzt kommt der große Andrang – der ist allerdings bis heute ausgeblieben", beschreibt der Büchsenmacher die vergangenen Monate. 

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Der Eindruck des Händlers deckt sich mit der Statistik: Laut Bundesministerium für Inneres konnte heuer in der Krisensituation zunächst ein leichter Anstieg der Waffenbesitzer verzeichnet werden, jedoch flachte die Kurve ab Mai wieder ab (Grafik S. 11).

Trotzdem, seit dem Jahr 2015 steigt die Anzahl der Waffenbesitzer und -verkäufe stetig. 2015 war ein Rekordjahr. Die Anzahl der Waffenbesitzer schnellte um ganze 28.218 in die Höhe. Vor dem Jahr, als hunderttausende Flüchtlinge durch Österreich zogen und zehntausende blieben, gingen die Zahlen eher zurück. Nach dem Krisen-Boom 2015/2016 mit einem Umsatzplus von jeweils rund 6 Prozent hat sich die Nachfrage nach Handfeuerwaffen in Österreich 2018 wieder abgeschwächt. Während die Verkäufe neuer Waffen sogar rückläufig waren, drehte nur die gebrauchte Ware den Umsatz um 1,2 Prozent ins Plus.

Von 2018 auf 2019 gab es dann ein bescheidenes Plus von 3.321 bei den Waffenbesitzern. 2019 auf 2020 wieder ein größerer Sprung: 12.148 Menschen deckten sich hierzulande mit einer oder mehreren Waffen ein. Mit einem Wachstum von 7,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr wurde damit selbst das Rekordjahr 2015 in den Schatten gestellt. Heuer – mit Corona – sind bis 1. August 5.748 neue Waffenbesitzer zu verzeichnen. Das größte Plus in den vergangenen Monaten gab es dabei im April. Damit besitzen 320.000 Österreicher bereits eine oder mehrere Schusswaffen, Tendenz steigend. Kein Boom also, wie etwa 2015.

Auch der Branchenradar für Handfeuerwaffen sieht keinen Corona-Effekt bei den Verkäufen von Pistolen, Revolvern und Gewehren. Die Verkäufe wachsen ohnedies konstant seit einigen Jahren. So stiegen die Verkäufe der Kategorie B (Revolver und Pistolen) von 2019 auf 2020 um 4,2 Prozent beziehungsweise 17.887 Stück, in der Kategorie C (Gewehre) um 4,4 Prozent beziehungsweise 27.712 Stück. Für heuer – von Jänner bis September – ist ein Plus von 2,3 Prozent beziehungsweise 10.083 Waffen in der Kategorie B und 2,8 Prozent beziehungsweise 18.298 Stück in der Kategorie C im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen.

"Politik durch Angst": Misstrauen und Selbstermächtigung

Die Nachfrage nach Waffen steigt in Österreich also stetig – trotz sinkender Straftaten. Nach einem Rückgang der Anzeigen 2017 und 2018 gab es zwar einen leichten Anstieg 2019, allerdings vor allem im Bereich Cyber- und Wirtschaftskriminalität. Delikte in Sachen Gewalt und Vandalismus nehmen eher ab. Waren- und Bestellbetrug im Internet sind dann heuer mit Corona noch einmal massiv angestiegen.

Gegen moderne Bedrohungsszenarien können Waffen nichts ausrichten, gekauft werden sie trotzdem, weiß auch Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl und schreibt dieses Phänomen einer zunehmenden "Politik durch Angst" zu. "Das ist eine Strategie, die sich immer auszahlt und von gewissen politischen Kreisen mit Feindbildern geschürt wird – ob dass das Thema Ausländer, Drogenhandel oder Asyl-/Migrantenströme sind. Das sitzt dann in den Köpfen der Leute", sagt Kreissl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Die Legitimationsgrundlage habe sich umgedreht, so der Soziologe. Zu Zeiten etwa eines sozialdemokratischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky lebte die Politik davon, den gesellschaftlichen Reichtum zu verteilen. Dafür gab es dann Zustimmung bei der Wählerschaft. Für das Verteilen von sozialen Wohltaten sei heute keine große Zustimmung mehr zu bekommen. Sondern vielmehr durch die Verhinderung von gesellschaftlichen Bedrohungen.

Die heutige Bedrohungs- und Neidrhetorik sei nicht mehr kompatibel mit dem alten politischen Paradigma: Gute Politik sorgt für sozialen Frieden, gerechte Verteilung, für Sicherheit für alle auf der Ebene der sozialen Sicherheit, erklärt Kreissl. "Heute sind wir umgeben von Feinden, wir sind bedroht – ob das nun der Italiener ist, der unser Geld will, oder die Griechen, oder ob es die Flüchtlinge sind oder gar der Deep State, der uns irgendwelche Chips einpflanzen will", sagt der Soziologe. All das kulminiere in ein sinkendes Vertrauen in die Fähigkeit des Staates, eine Sicherheit zu garantieren. "Das ist eine Unterströmung bei diesem Hang zur Bewaffnung und Selbstermächtigung", sagt Kreissl.

Die Glock-Pistole, der unangefochtene Top-Seller

Heribert Seidlers Kundschaft hat sich in den fast 30 Jahren, seit er das Geschäft von seinem Vater übernommen hat, aber kaum verändert. Alle gesellschaftliche Schichten gehen bei ihm ein und aus, vom Arbeiter zum Akademiker, jung bis alt. Allerdings immer mehr Frauen. "Anfang der 90er war es eher eine Ausnahme, dass mal eine Frau im Geschäft war, heute ist das ganz normal. Etwa 30 bis 40 Prozent der Kunden sind Frauen", sagt Seidler. Der Waffenfachhändler ist auf Handfeuerwaffen spezialisiert, zu ihm kommen seit Jahrzehnten vor allem Sportschützen, wohl auch wegen des Schießstands im Geschäft.

Und das Hobby lassen sich die Kunden einiges kosten: Der Fachhändler verkauft neue wie gebrauchte Waffen. Eine gute gebrauchte Handfeuerwaffe gibt es um etwa 300 bis 400 Euro. Nach oben gibt es keine Grenze, eine hochwertige Sportpistole koste aber gut und gerne 2.000 Euro, so Seidler. Das Komplettpaket für den Waffenschein (inklusive Waffenführerschein und psychologischem Gutachten) gibt es um 380 Euro.

Der Top-Seller bei Seidler wie vielerorts ist ebenfalls stabil: die Glock-Pistole. Auch wenn es eine Vielzahl an Waffenmarken gibt, ist der heimische Markt vergleichsweise hoch konzentriert. Bei Gewehren erzielten im Jahr 2019 die fünf umsatzstärksten Marken (Blaser, Mauser, Ruger, Sabatti und Sauer) einen Anteil von über 76 Prozent. Bei Faustfeuerwaffen kamen bereits die Top drei (Glock, Sig Sauer und Ruger) auf 65 Prozent.

Aber nicht nur Sportschützen schätzen die Glock. Auch die österreichische Polizei und das Bundesheer werden mit Glock-Pistolen ausgestattet. Im Ausland setzt man ebenfalls auf die Handfeuerwaffe made in Austria. Sie wird unter anderem von den US Navy Seals und der deutschen GSG, der Spezialeinheit zur Bekämpfung von Schwerst- und Gewaltkriminalität sowie Terrorismus, verwendet. In den USA sollen rund 80 Prozent aller Polizisten mit der leichten und robusten Waffe ausgestattet sein. Zuletzt orderte die französische Armee 75.000 Stück der Glock 17 im vergangenen Jänner. Das ist der nächste Großauftrag, nachdem sich bereits die britische Armee ebenfalls für die Glock 17 entschieden hat. Bei der jüngst erfolgten Auftragsvergabe durch die US-Streitkräfte musste sich Glock aber knapp dem deutschen Mitbewerber Sig geschlagen geben.

Die meisten registrierten Waffen in Österreich sind allerdings Büchsen und Flinten der Kategorie C. Die Waffengesetze in Österreich sind im EU-Vergleich ziemlich liberal. Jeder 18-jährige EU-Bürger mit Wohnsitz in Österreich kann etwa eine Waffe dieser Kategorie kaufen. Das sind vor allem Gewehre mit mehr als 60 Zentimeter Länge. Ausgenommen die Pumpgun, die ist seit 1996 in Österreich verboten. Nicht berechtigt sind ehemalige Zivildiener für 15 Jahre und Menschen, gegen die ein Waffenverbot vorliegt.

WZ-Redakteurin Anja Stegmaier hat den Grundkurs zum Waffenführerschein im Selbstversuch absolviert. - © WZ/Tatjana Sternisa
WZ-Redakteurin Anja Stegmaier hat den Grundkurs zum Waffenführerschein im Selbstversuch absolviert. - © WZ/Tatjana Sternisa

Gefahrenbewusstsein und sicherer Umgang

Einen Pistolenschuss im Nebenraum zu hören ist eindringlich. Bei der Explosion direkt daneben zu stehen oder gar selbst abzufeuern, ist im ganzen Körper zu spüren – die Gewalt wird unmittelbar erlebbar.

Die sieben Anwärter für den Waffenführerschein haben es alle geschafft. Manche mit mehreren Anläufen beim trockenen Üben mit der Waffe. Der Ausbildner, einer der acht Mitarbeiter Seidlers, achtet peinlich genau darauf, dass der sichere Umgang mit der Waffe verstanden wurde und sitzt. Der Respekt vor der Waffe ist bei allen groß, trotzdem wird er nochmals im Kurs eingebläut. Spätestens beim Schusstraining im Schießstand hört da der Spaß auf.

Auf die Frage, ob auch einmal jemand den Waffenführerschein nicht ausgehändigt bekomme, sagt Seidler: "Ja, aber selten." Wenn etwa die große Gefahr und die Konsequenzen nicht verstanden werden und kein sicherer Umgang mit der Waffe vorgezeigt werden könne. "Dann gibt es den Schein auch einmal nicht", erklärt Seidler.