Seit Ausbruch der Corona-Pandemie bläst den Banken ein scharfer Wind entgegen. Stark erhöhte Wertberichtigungen und Vorsorgen für ausfallgefährdete Kredite belasten ihre Bilanzen. Europaweit sind die Gewinne der Geldhäuser zuletzt tief abgesackt - auch in der österreichischen Bankenbranche. Dort brachen sie im ersten Halbjahr im Vergleich zur entsprechenden Vorjahresperiode um drei Viertel auf 0,9 Milliarden Euro ein, wie die Oesterreichische Nationalbank kürzlich mitteilte.

Die deutsche Finanzmarktökonomin Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB), hält den Bankensektor in Europa mit Blick auf die Corona-Krise für verwundbar. Faule Kredite würden Rezessionen immer verzögert um mehrere Quartale hinterherlaufen, die Hilfen der Regierung könnten diese Verzögerungen noch weiter ausdehnen. Bereits im zweiten Quartal sei die Eigenkapitalrendite der Institute im Währungsraum deutlich - auf 0,01 Prozent - geschrumpft. "Dies zeigt ganz klar die Verwundbarkeit des europäischen Bankensektors", so Schnabel.

Vor diesem Hintergrund mahnt die EZB bei den Geldinstituten eine intensivere Suche nach Problemkrediten in deren Bilanzen ein. "Die Banken sollten einen ehrlichen Blick in ihre Kreditbücher werfen und prüfen, welche ihrer Kunden die Krise wirklich überstehen werden", zitiert das "Handelsblatt" Andrea Enria, den Chef der EZB-Bankenaufsicht. "Die Institute müssen jetzt damit beginnen, damit die Welle an faulen Krediten gar nicht erst zu groß wird."

An faulen Krediten sieht EZB
im Extremfall 1,4 Billionen Euro

Einige wenige Geldhäuser hätten bereits damit angefangen, das Pleiterisiko ihrer Kunden neu einzustufen, andere Banken würden zumindest vorsorglich eine pauschale Risikovorsorge für ihren Kreditbestand bilden, so Enria. Daneben gebe es aber auch die Optimisten. "Die ziehen es vor, nichts zu tun, solange sie kein konkretes Indiz dafür haben, dass ein Kunde von ihnen pleitegeht." Mit diesen Instituten werde "intensiv" diskutiert.

Die EZB hat die potenziellen Belastungen aus der Corona-Krise für die Banken simuliert. In einem Extremszenario kann der Bestand an notleidenden Krediten laut Enria auf 1,4 Billionen Euro steigen und damit das Niveau der letzten Krise noch übertreffen. Beunruhigender Nachsatz: "Es ist noch zu früh, um dieses Extremszenario auszuschließen."

Auch Bernhard Spalt, Chef der österreichischen Erste Group, sieht die aktuelle Situation nicht gerade entspannt. Er fordert einen klaren Plan, um vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU), die hierzulande das Rückgrat der Wirtschaft sind, in der Corona-Krise rasch mit mehr Kapital auszustatten. Nur so könne man eine Insolvenzwelle abfedern. "Wir brauchen ein Drehbuch, müssen wissen, was wir als Nächstes tun, wenn das Eigenkapital knapp wird. Denn wenn das Eigenkapital ausgeht, ist wirklich Schluss", so Spalt im "Standard". "Da hilft auch kein Kredit mehr."

Erste-Chef rechnet
mit einzelnen "Marktaustritten"

Der Staat müsse Rahmenbedingungen schaffen, damit ein Teil der 400 Milliarden Euro an Guthaben in Österreich in Eigenkapital fließen kann, sagt Spalt. "Wir brauchen einen außerbörslichen Markt, etwa einen Wagniskapitalfonds, damit Privatanleger und Institutionelle in den Wiederaufbau Österreichs investieren können." Die Banken würden Vorschläge für entsprechende Gesetzestexte machen, kündigt der Erste-Chef, der auch Obmann der Sparte Banken in der Wirtschaftskammer ist, an. Österreichs Wirtschaft werde sich zwar nach dem Ende der Krise erholen - "aber nicht von selbst". Die Bankenlandschaft insgesamt sieht Spalt nicht bedroht, auch wenn es "möglicherweise einzelne Marktaustritte" geben werde. "Aber das ist kein Problem."(kle)