Die Corona-Krise hat in vielen Lebensbereichen auf altbekannte Missstände ein Schlaglicht geworfen, so auch in der Landwirtschaft. Erntehelfer und Saisoniers in der Land- und Forstwirtschaft, aber auch am Bau, im Tourismus und der Gastro - vor allem aus Drittstaaten - sind dabei besonders von Ausbeutung oder gar Menschenhandel betroffen, kommt die Expertenrunde der virtuellen Konferenz "Human Traficking in Times of Corona" zum Schluss. Mangelnde Sprachkenntnisse über Rechte und Pflichten sowie die Abhängigkeit vom Arbeitgeber zählen zu den Hauptgründen. Denn die Beschäftigungsbewilligung beantragen die Arbeitgeber beim Innenministerium, nicht die Arbeitnehmer selbst.

Erntehelfer bei der Weinlese. Saisoniers im Weinbau erhalten in Österreich selten den gesetzlichen Mindestlohn. - © dpa
Erntehelfer bei der Weinlese. Saisoniers im Weinbau erhalten in Österreich selten den gesetzlichen Mindestlohn. - © dpa

2019 wurden etwa 15.000 solcher Bewilligungen vergeben, wobei auf eine Person mehrere Bewilligungen entfallen können, da Erntehelfer maximal sechs Wochen arbeiten, während Saisoniers bis zu neun Monate arbeiten. In den letzten Jahren wurden konkret in der Land- und Forstwirtschaft laut Statistik Austria zwischen 2.700 und 3.000 Personen derartig beschäftigt.

Auch wenn sich durch die Corona-Situation das Bewusstsein in der Gesellschaft etwas geändert hat, diese Arbeit mehr zu schätzen, da sie Ernährungssicherheit gewährleistet, machte die Expertenrunde auf die weiter vorherrschenden Missstände aufmerksam. So stellte Heimo Gleich, Leiter der Rechtsabteilung der Landarbeiterkammer NÖ, fest, dass Saisoniers und Erntehelfer die gleichen Rechte haben, wie österreichische Arbeitnehmer, mit einer maximalen Arbeitszeit, einem Entgeltanspruch bei Krankheit, Mindestlohn (laut Bauern-KV heuer 1.500 Euro brutto) und Urlaub. Das Problem sei, dass das alles schlicht nicht eingehalten werde, so Gleich. Besonders viel Missbrauch gebe es auch bei der An- und Abmeldung. Elisa Kahlhammer, Koordinatorin der Kampagne Sezionieri, berichtete, dass Frauen mehr von Ausbeutung betroffen seien, da sie vermehrt im Billiglohnsektor arbeiten. In der Ernte arbeiten zwar mehr Männer, aber gerade hier herrschen für Frauen katastrophale Arbeitsbedingungen. Die Sichtbarkeit von Rechtsverletzungen habe sich mit Corona zwar erhöht, diese seien aber keine Einzelfälle. Der Missbrauch und die Ausbeutung passieren systematisch.

Verstärkte Kontrollen gefordert

Typische Formen der Ausbeutung sind hier Unterbezahlung (runter bis zu zwei Euro/Stunde), Schein-Teilzeit, Scheinselbständigkeit, massive Überschreitung der Maximalarbeitszeit, Nichteinhaltung von Ruhezeiten und zu hohe Abzüge für Kost und Logis. Kahlhammer fordert daher kostenlose Unterkünfte in der Landwirtschaft. Außerdem berichtete sie, dass die Zahlen der tatsächlichen Schwarzarbeiter in der Erntearbeit zwar seit Jahren sinken, es durch Corona und die aktuell schwierigeren Bedingungen den Arbeitgebern aber noch einmal leichter falle, Ausbeutung zu betreiben.

Insgesamt kommen die Experten zu dem Schluss, dass es verstärkte Kontrollen mit Übersetzern und direkte Kommunikation mit den Arbeitern geben müsse, am Feld wie in den Quartieren. Hierfür müssten finanzielle und personelle Mittel aufgestockt werden. Die Arbeiter müssten vor Aufnehmen der Arbeit verstärkt über ihre Rechte in ihrer Muttersprache aufgeklärt werden. Rechtlich sollte das ILO-Übereinkommen für Arbeitsschutz auch in der Landwirtschaft von der Regierung ratifiziert werden. Außerdem sei eine Bindung der EU-Agrarförderungen an die Einhaltung der Rechte von Arbeitnehmerinnen in dem Bereich anzudenken.