Gerhard Christiner ist dafür verantwortlich, dass jederzeit Strom aus der Steckdose kommt. Er ist technischer Vorstand des Stromnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG), einer Tochter des Verbund. Die APG sorgt dafür, dass im Stromsystem stets ein Gleichgewicht herrscht, also immer so viel Strom verbraucht wird, wie produziert wird. Bei Netzengpässen müssen Christiners Mitarbeiter eingreifen. Heuer geschah dies bis Ende September an 197 Tagen. Die 380kV-Salzburgleitung ist für Christiner das "wichtigste Infrastrukturprojekt Österreichs". Am heutigen Dienstag hat der Verwaltungsgerichtshof grünes Licht für die Genehmigung der Leitung gegeben.

"Wiener Zeitung": Sind Österreichs Stromnetze bereit für 100 Prozent Ökostrom 2030?

Gerhard Christiner: Nein, die Stromnetze sind derzeit nicht bereit dafür. Die maximale Einspeiseleistung sollte ausgebaut werden, dass die Leistung von Wind und Photovoltaik entsprechend in das Stromnetz integriert werden kann. Mit dem jetzigen Ausbau des Stromnetzes sind wir weit entfernt von dem, was das Netz bis 2030 können muss.

Wie macht man die Netze fit?

Auf der einen Seite werden wir nicht herumkommen, das Stromnetz auszubauen. Wir brauchen leistungsstärkere Stromnetze auf allen Spannungsebenen sowohl im Übertragungsnetz als auch im Verteilnetz. Denn wir werden regional teilweise einen Überschuss an Ökostrom haben, wie etwa im Burgenland. Aufgrund der Tatsache, dass diese Regionen dünn besiedelt sind, wird sich der Photovoltaik-Ausbau auch dort entsprechend ansiedeln, speziell wenn es in Richtung Flächen-Anlagen geht. Sie müssen den Strom aus diesen Regionen jedoch in die Ballungsräume bringen. Das geht viel zu langsam. Die zweite Stoßrichtung muss sein: Wie können wir das Stromnetz vertikal, also vom Übertragungsnetz bis runter zum Endkunden flexibler und durchlässiger machen. Es geht darum, den Verbraucher stärker in den Strommarkt zu integrieren. Das wird eine große Herausforderung.

Sie sprechen damit die Energiegemeinschaften an, die das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz vorsieht?

Nicht nur. Die Energiegemeinschaften sind ein wichtiges Mittel, um die Bevölkerung für das Thema Erneuerbare zu sensibilisieren. Ich glaube aber, dass die Energiegemeinschaften das Problem allein nicht lösen werden. Das ganze System muss intelligent aufgesetzt sein. Es geht um mehr, als 5KWpeak Photovoltaik am Dach installiert zu haben und zu sagen ‚Was übrig bleibt, gebe ich meinem Nachbarn‘. Energiegemeinschaften klingen schön, aber ich muss den Strom just in time liefern. Ich muss den Kunden auch mehr Möglichkeiten bieten, sein Produkt auch am europäischen Markt anbieten zu können.

Gerhard Christiner ist seit 2012 technischer Vorstand der APG. - © Karl Michalski
Gerhard Christiner ist seit 2012 technischer Vorstand der APG. - © Karl Michalski

Seit Jahren wird gegen die Errichtung der 380kV-Leitung bei Salzburg protestiert. Glauben sie, die Energiewende wird an der Akzeptanz der Bevölkerung scheitern?

Ich glaube nicht, dass sie scheitern wird. Aber ich glaube, dass es ein ganz entscheidender Faktor für die Energiewende sein wird, die Bevölkerung mitzunehmen und sie stärker für das Thema zu interessieren. Wir müssen mehr Aufklärungsarbeit leisten, damit die Menschen den Ausbau auch mehr akzeptieren. Salzburg ist ein gutes Beispiel, wo sich die Dinge scheiden derzeit. Ich sehe die Leitung als wichtigstes Infrastrukturprojekt Österreichs.

Warum, können sie das kurz erklären?

Weil diese Leitung das wesentliche Verbindungsglied zwischen dem von Wasserkraft geprägten Westen Österreichs und dem Osten des Landes ist. Letzterer ist derzeit – wenn man die thermischen Kraftwerke nicht fährt – unterversorgt. Die 380kV-Leitung hat mehrere Schlüsselfunktionen. Sie ist eine Versorgungsleitung für den Osten Österreichs. Wenn wir die Erneuerbaren ausbauen, dann kann ich die Überschüsse in ein Pumpspeicherkraftwerk im Westen verlagern. Diese Achse fehlt mir aber. Die Leitung ist also ganz wesentlich für die Integration der Erneuerbaren.

Was bedeutet sie für den Wirtschaftsstandort Österreich?

Die Leitung ist extrem wichtig, damit der Wirtschaftsstandort einen Zugang zum europäischen Markt hat. Die Menge an Strom, die ich etwa aus Deutschland nach Österreich transportieren kann, ist limitiert auf 4500 MW. Deutschland ist derzeit ein Billigpreisland. Das sichert Österreichs Wirtschaft den Zugang zu billiger Energie. Derzeit kann ich den Strom zwar importieren, aber nicht in den Osten bringen. Das Dilemma ist, dass es am physikalischen Import scheitert, weil die Salzburg-Leitung fehlt. Von 3000 MW fließen nur 2000 MW nach Wien und Niederösterreich. Das einzige, was uns dann bleibt: Wir müssen die Gaskraftwerke im Osten hochfahren, das sogenannte Redispatch. Die 1000 MW, die fehlen, müssen wir vor Ort produzieren und just in time liefern. Wir haben die Verantwortung dafür.

Diese Gaskraftwerke verursachen hohe Kosten. Wie hoch sind die Ausgaben für das Redispatch heuer bisher?

Da muss man zwischen zwei Kostenarten unterscheiden. Wir haben Kraftwerke unter Vertrag, die vielleicht schon zugesperrt hätten. Man spricht von Netzreserve. Das ist wichtig, damit das Kraftwerk innerhalb von sechs bis acht Stunden betriebsbereit ist. Dafür zahlen wir. Die zweite Komponente sind die Kosten, wenn die Leistung tatsächlich abgerufen wird. 2019 beliefen sich die Kosten auf 150 Millionen Euro. Heuer liegen wir wahrscheinlich irgendwo bei 140 Millionen Euro – mit einer gewissen Schwankungsbreite, weil das Jahr noch nicht zu Ende ist. Diese Kosten sind in den vergangenen Jahren permanent gestiegen. Dieses Engpassmanagement ist nur der nicht vorhandenen Netzinfrastruktur geschuldet. Um es auf einen Punkt zu bringen: Von den 150 Millionen Euro kann ich durchaus 120 Millionen Euro der fehlenden Salzburg-Leitung zurechnen. Die fehlende Leitung kostet uns zehn Millionen Euro im Monat. Und die Gaskraftwerke haben vergangenes Jahr eine Million Tonnen CO2 verursacht – nur für diesen Zweck.

Wie viel will die APG in den nächsten Jahren investieren?

In unserem Netzentwicklungsplan sind für den Ausbau der Netze drei Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahre vorgesehen. Einige Millionen Euro werden wir in die Intelligenz der Netze stecken.

- © APA, Austrian Power Grid
© APA, Austrian Power Grid

Was sind intelligente Netze?

Man kann die Hardware mit sehr viel Intelligenz ausstatten. Ein Beispiel: Wir versehen Leitungen mit Sensoren, die Außentemperatur, Windgeschwindigkeit und Globalstrahlung messen. Eine Leitung kann im kalten Winter bis zu 30-40 Prozent mehr Strom übertragen als im Sommer. Dadurch haben wir bereits zweistellige Millionen-Beträge eingespart.

Wie hat sich Corona-Krise auf den Strommarkt ausgewirkt?

Über das Jahr gesehen gab es einen starken Einbruch. In Österreich ging der Stromverbrauch teilweise um 15 Prozent zurück. In Italien, Frankreich und Spanien betrug der Rückgang 30 Prozent. Damit einhergehend ist der Strompreis massiv eingebrochen. Wir haben heuer deshalb sicher einen verminderten CO2-Ausstoß von sieben bis acht Prozent. Wir hatten kurzzeitig viel Sonne und Wind und eine gute Wasserführung. Die Erneuerbaren haben an zu diesen Zeiten das System zu 100 Prozent dominiert. Das war ein Blick in die Zukunft.