Homeoffice von jedem Winkel der Erde, Roboter in den Fabriken, selbstfahrende Autos. Der neue Mobilfunkstandard 5G wird die Welt, wie wir sie bisher kannten, auf den Kopf stellen. In Österreich werden bis Ende dieses Jahres bereits 1200 Antennenstandorte - das sind 35 Prozent der Bevölkerungsabdeckung - entstehen. Bis Ende 2023 wird die Republik flächendeckend mit 5G versorgt sein.

Im Interview spricht Andreas Bierwirth, Chef des Mobilfunk-Konzerns Magenta, über die Gewinner und Verlierer der digitalen Transformation, den Einfluss Chinas und das Surfverhalten von morgen:

"Wiener Zeitung": Herr Bierwirth, was hat ein durchschnittlicher Bürger vom Ausbau des 5G-Netzes?

Andreas Bierwirth: Er hat mit Sicherheit ein schnelleres Internet auf dem Smartphone und zu Hause. Wohnt er im ländlichen Bereich, hat er Internetgeschwindigkeiten von 100 Mbit/s. Damit kann er problemlos im Homeoffice arbeiten. Demnächst werden die 5G-Netze auch in allen ländlichen Teilen Österreichs ausgebaut. Aufgrund der großen Bandbreite der neuen Mobilfunkgeneration wird unlimitiertes Surfen möglich sein. Datenmengen zählen wie früher wird es nicht mehr geben.

Wie wird sich das Surfverhalten verändern, wenn unlimitiert Daten transferiert werden können?

Die Nutzung von Bewegtbild auf dem Smartphone wird deutlich zunehmen. Das heißt, es wird deutlich mehr Fernsehkonsum, Videotelefonie und andere Anwendungen auf dem Smartphone geben. Und das alles in Echtzeitkommunikation. Die Reaktionszeit auf ihr Verhalten wird keinerlei Verzögerungen, keine Latenz mehr haben.

Welche Einschnitte wird 5G in unseren Alltag bringen?

Ich sehe keine Einschnitte durch 5G. Im Gegenteil. Mit dem autonomen Fahren im Laufe der nächsten Dekade wird die Nutzung von Fernsehen im Auto steigen. Jeder, der durch die Straße läuft, wird auf seinem Smartphone fernsehen. Wir werden sehr viele Anwendungen im Bereich Internet der Dinge sehen, im Bereich Robotik. Haushaltsgeräte werden etwa in Echtzeit mit verschiedenen Cloud-Rechnern reden und aus dieser Cloud gesteuert werden.

Damit die gewaltigen Datenmengen ungestört fließen können, sind mehr Masten notwendig. Wie wird sich dadurch das Landschaftsbild verändern?

Man muss zwei Sachen unterscheiden. Zum einen den ländlichen Bereich. Da wird es in der Tat mehr Masten geben müssen, um einzelne Gemeinden anzuschließen, die heute nicht versorgt sind. Zum anderen könnte es zu einer Verdichtung von Antennen kommen, wobei die Form der Antenne, so wie wir sie heute kennen, eine andere sein wird. Das geht in Richtung Kleinantennen, also eine Art Wlan-Router, ein Gerät in der Art, wie sie jeder zuhause hat. Diese Antennen könnte man auf Ampeln aufhängen, um von dort zu senden. Das würde nicht weiter auffallen.

Die Deutsche Telekom, Mutterkonzern von Magenta, will ihre Kunden aus der Luft mit ferngesteuerten Fliegern mit Mobilfunk und Internet versorgen. Gibt es diesbezüglich auch Pläne bei Magenta?

Aktuell haben wir noch keine Pläne. Ich bin aber froh, dass wir aus dem Innovationspool des Konzerns schöpfen können. (lacht)

Wenn es um den 5G-Ausbau geht, ist auch immer gleich die Rede von Huawei. Der chinesische Mobilfunkanbieter würde die Mobilfunkkommunikation überwachen, sagen etwa die USA, Großbritannien und Belgien. Kann das passieren?

Es wird hier international die große Sorge geschürt, dass uns die Chinesen abhören. Aus meiner Sicht ist das aber sehr unwahrscheinlich. Abgesehen davon achten wir bei uns im Haus darauf, dass überhaupt kein Lieferant jemanden abhört. Unsere Kunden wollen generell von Niemandem abgehört werden. Wir machen daher alles, was wir tun können, um illegales Abhören zu unterbinden. Im Fall Huawei wird die Wirtschaftspolitik mit der Sicherheitspolitik vermischt.

Magenta wird auch künftig auf Huawei setzen, wie hier in dem Shop auf der Wiener Mariahilfer Straße. - © Bernd Vasari
Magenta wird auch künftig auf Huawei setzen, wie hier in dem Shop auf der Wiener Mariahilfer Straße. - © Bernd Vasari

Woran liegt das?

Früher waren die Europäer mit Alcatel, Ericsson, Nokia führend in der Branche. Mittlerweile liegt der Patentanteil der westlichen Anbieter aber sogar unter ihrem Marktanteil. Das Knowhow wanderte stattdessen in Richtung Asien ab. Die Asiaten sind heute nicht mehr die Billiganbieter von früher, sondern gehören qualitativ zu den Bestanbietern, allen voran Huawei. Das ist eine Entwicklung, die bereitet dem Westen natürlich große Sorgen, weil man von den asiatischen Produkten in so einer wichtigen Infrastruktur wie der Telekommunikation abhängig wird.

Sollte Österreich dem Beispiel der USA, Großbritanniens und Belgien folgen und Huawei verbieten?

Das sehe ich nicht so. Denn wo fängt das an, wo hört das auf? Darf China dann auch keinen Airbus mehr bestellen, weil vielleicht die Software von Airbus europäisch beeinflusst ist und man irgendwelche Daten daraus ablesen kann? Wenn man Huawei als einen der wesentlichen Anbieter rausdrückt, dann steigen die Preise der anderen mit schlechterer Qualität. Das heißt: Der Ausbau wird teurer und das Ergebnis schlechter. Wir brauchen Huawei also auch aus einer gewissen Wettbewerbsdynamik, damit der Wettbewerb im Markt bestehen bleibt. Sonst wird am Ende des Tages der Konsument höhere Preise für die Digitalisierung zahlen.

Magenta wird also weiterhin auf Huawei setzen?

Wir halten uns an den gesetzlichen Rahmen. Und die österreichische Regierung hat eine Politik gewählt, die China gegenüber neutral ist. Österreich folgt nicht dem Weg der Amerikaner, Briten oder Belgier. Im Konzern haben wir auf eine Multivendoren-Strategie umgestellt, mit unterschiedlichen Anbietern. Wir haben in den sogenannten Core-Netzwerken mit den Datenpaketen, europäische und amerikanische Anbieter reingenommen. Huawei ist bei uns hingegen auf den passiven Antennen, auf der Antennentechnologie, wo übrigens die Sicherheitsbedenken geringer sind.

Was brauchen europäische Anbieter, um bei der Nachfolgegeneration 6G wieder wettbewerbsfähig zu sein?

Die Regierungen müssten jetzt in Forschung, Universitäten und Lehrstühle investieren. Weiters sollten die europäischen Anbieter gestärkt werden. Das ist eine Sache, die wir auch im Konzern verfolgen. Wir ermutigen die Anbieter durch intensiven Austausch, damit sie bei 6G wieder federführend mit dabei sind. Bei 5G ist der Zug für die Europäer schon abgefahren.

Das alte IP-Netz sei zu schwach für die 5G-Technologie, sagt China. Die Volksrepublik möchte nun das Netz von Grund auf neu aufbauen. Was halten Sie davon?

Ich bin jetzt kein Bewunderer der chinesischen Wirtschaftspolitik, aber eines hat China geschafft: Durch die Abschottung der westlichen Anbieter im chinesischen Internet hat man einen Freiraum geschaffen in einer der bevölkerungsreichsten Regionen der Welt. Mit Kopien der westlichen Apps, hinreichend skaliert, wurde dieser Raum genutzt. Das Ergebnis: China ist es als einzigem Land gelungen, Firmen wie Alibaba, Tencent und Co auszubauen, die ähnlich stark sind wie die westlichen Unternehmen. China muss sich nicht mehr dem Druck der USA beugen, sondern findet eigene Lösungen. Der Vorschlag eines neuen IP-Netzes ist so eine Lösung. Ich finde nicht, dass das alte IP-Netz zu schwach für 5G ist. China möchte der digitalen Welt aber seinen Stempel aufdrücken.

Wenn wir zehn Jahre nach vorne blicken. Wie wird die 5G-Welt von morgen aussehen?

Die Corona-Krise wirkt wie ein Beschleuniger. Es gibt einen eindeutigen Verlierer: Das ist der ganze Mobilitätsbereich, Tourismus, Veranstalter. Da wird es zu enormen Umbrüchen kommen, weil auf der anderen Seite die Digitalisierung der große Gewinner von Corona ist. Wir sind noch digitalisierter geworden, vor allem beim Thema Arbeit. Es ist fast schon eine absurde Vorstellung, dass man die Reiseintensität der vergangenen Jahre fortsetzen wird. Wir können, so wie bei diesem Interview, digital arbeiten. Sie müssen nicht vorbeikommen und haben Zeit gespart. Beim nächsten Mal führen wir es persönlich, man wird nie ganz darauf verzichten. Aber digitales Arbeiten ist so eine sinnvolle Ergänzung geworden, dass es in großen Teilen auch erhalten bleibt. Egal, ob in einer Großstadt oder in Gramatneusiedl, wo Videokonferenzen mit 5G kein Problem mehr darstellen werden. 5G wird die weitere Digitalisierung fördern. Die Entwicklung wird weitergehen, bis dann alle auf 6G warten werden.