Am 22. Oktober ist heuer Equal-Pay-Day. Kein Grund zum Feiern für Österreichs Frauen: Denn der Tag zeigt auf, dass Arbeitnehmerinnen - selbst in Vollzeit und ganzjährig beschäftigt - ein um 19,3 Prozent geringeres Einkommen als Männer erhalten. Anders gesagt: Männer haben bis heute bereits so viel verdient, wofür Frauen noch weitere 71 Tage bis zum Ende des Jahres arbeiten müssen.

Der genauere Blick der Arbeiterkammer Oberösterreich auf die Daten der Statistik Austria zeigt darüber hinaus: Während der Einkommensunterschied im Burgenland, Kärnten und Niederösterreich annähernd dem Österreich-Durchschnitt entspricht, gibt es in anderen Bundesländern grobe Ausreißer: Leben Frauen in Oberösterreich, fallen ihre Löhne und Gehälter um 22,2 Prozent geringer aus als jede der Männer. In Vorarlberg sind die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern mit 27 Prozent am höchsten, in Wien mit 13,7 Prozent am niedrigsten.

Die Ursachen für diese Unterschiede beim geschlechtsspezifischen Einkommensunterschied sind vor allem in der Struktur des Arbeitsmarktes der Bundesländer zu finden.

Gut bezahlte Arbeit in der Produktion

Wie sich die Region auf den Gender-Pay-Gap beim Bruttostundenlohn auswirkt, spielte schon in der Analyse von Tamara Geisberger, Expertin für Einkommensunterschiede bei der Statistik Austria, im Jahr 2014 eine Rolle. Insgesamt lag der Einkommensunterschied damals bei 22,2 Prozent. Das Bundesland alleine hatte aber überhaupt keine Bedeutung. Die größte Rolle spielte die Branche, die 3,2 Prozent des Einkommensunterschieds damals erklären konnte. Frauen arbeiten überwiegend im Handel, Männer dagegen in Unternehmen, die Waren produzieren.

"In Wien gibt es vergleichsweise wenig Sachgüterproduktion, in Vorarlberg und Oberösterreich aber sehr viel", stellt Wifo-Ökonomin Ulrike Huemer fest. Die Einkommen sind vergleichsweise hoch: Die durchschnittlichen Jahresbruttogehälter in der Herstellung von Waren lagen 2019 bei 48.454 Euro; im Handel, wo mehr Frauen arbeiten, waren es aber 33.310 Euro und im Gesundheits- und Sozialwesen 34.168 Euro. Weil der Frauenanteil in der Produktion österreichweit nur bei 25 Prozent liegt - in Wien etwas höher bei 29 Prozent, in der Steiermark etwas geringer mit 23 - "profitieren Männer mehr von dieser Struktur als Frauen", sagt Huemer.

Warum der Einkommensunterschied in Vorarlberg noch höher als in Oberösterreich ist, haben Huemer und auch ihre Kollegin Julia Bock-Schappelwein beim Wifo zwar nicht untersucht. Daten der Statistik Austria zur Verteilung der Beschäftigten auf die unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche zeigen aber, dass im Österreichdurchschnitt 15,5 Prozent aller Werktätigen mit der Herstellung von Waren beschäftigt sind. In Oberösterreich sind es mit 24,4 Prozent viel mehr und in Vorarlberg mit 25,5 Prozent am meisten. Von Arbeit in der Sachgüterproduktion profitieren also die Männer des westlichsten Bundeslandes am meisten. "Ein weiterer Grund dafür könnte sein, dass der zu Liechtenstein, der Schweiz und Deutschland hin offene Arbeitsmarkt es Männern im Bundesland ermöglicht, mehr Einkommen zu generieren als jenen in Oberösterreich", vermutet Bock-Schappelwein.

Teilzeit vermindert auch den Stundenlohn

Zwar zeigen die Einkommensunterschiede in ganzjähriger Vollzeitbeschäftigung es nicht, aber Teilzeit wirkt sich nicht nur beim Monatslohn negativ aus. Laut Geiselbergers Analyse sind es drei Prozent, die für die Teilzeitstunde im Vergleich zu jener in Vollzeit weniger bezahlt werden. Das weiß auch Erika Rippatha, die Leiterin des AK OÖ-Frauenbüros - und: "In Oberösterreich ist Teilzeit besonders stark ausgeprägt." Mit 54,1 Prozent der Frauen liegt das Bundesland laut diese Woche erschienenem Frauenmonitor an der Spitze; in Wien sind es 41,7 Prozent der Frauen; im Österreich-Durchschnitt arbeiten 48,5 Prozent Teilzeit.

"Den typischen 8:00 bis 16:00 Uhr-Job gibt es in Oberösterreich bei Frauen selten", erklärt Rippatha. Der Grund dafür: "Die Kinderbetreuung ist bei uns sehr ausbaufähig - vor allem, was vollzeittaugliche Kinderbetreuung anbelangt". Bei den unter Dreijährigen nimmt Oberösterreich im Bundesländervergleich den letzten, bei den Drei- bis Sechsjährigen den vorletzten Platz vor Niederösterreich ein, was Kindergartenplätze betrifft, die ausreichend viele Stunden pro Woche geöffnet haben.

"Es hängt oft auch vom Kinderbetreuungsangebot ab, ob Frauen Führungspositionen übernehmen können", ergänzt Bettina Stadler, Arbeitsmarkt- und Gender-Expertin von Forba. Mit mehr Berufsunterbrechungen sammeln Frauen zudem weniger Erfahrung. Mit leitenden Aufgaben wäre dagegen mehr Einkommen verbunden. "Dazu wirken sich auch traditionelle Vorstellungen, wer wie viel Zeit in der Familie für unbezahlte Kinderbetreuung aufwendet, aus." - "Hinter all dem steht auch die ungleiche Bewertung von Arbeit", sagt Stadler. Systemerhaltende Tätigkeiten wie Pflege, Reinigung und Handel sind schlechter bezahlt.

Wien ist anders bei Hoch-
und Niedrigqualifizierten

Für das AMS analysiert Wifo-Expertin Julia Bock-Schappelwein gerade zum dritten Mal 30 Dimensionen, die die Gleichstellung und Mängel bei derselben am Arbeitsmarkt aufzeigen. "Was Wien besonders macht, ist, dass beide Geschlechter bei den niedrigen Einkommen sehr nahe beisammen liegen." Das liege vor allem daran, dass Männer mit niedrigen Löhnen in Wien weniger in der Industrie, sondern wie Frauen im Dienstleistungssektor arbeiten, wo es für niedrig Qualifizierte zwar Jobs, aber geringere Einkommen gibt.

Ein zweiter Grund sind die deutlich höheren Einkommen von Frauen in Wien als in anderen Bundesländern. Das wiederum ist laut Bock-Schappelwein der höheren Anzahl an Arbeit für gut Qualifizierte im öffentlichen Bereich als auch in Firmenzentralen, die in der Hauptstadt ansässig sind, geschuldet. Denn eines ist gewiss: Bildung reduziert Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen - ohne die bessere Ausbildung von Frauen wäre der Gender-Pay-Gap noch ein Prozent größer.