Hell ist es im Fabriksaal von Werk 4 des Flugzeugteilherstellers FACC im Industriepark Reichersberg, Bezirk Ried im Innkreis. Es dominiert die Farbe Weiß. Das "Werk 4" produziert Turbinenverkleidungen und Schubumkehrgehäuse für Flugzeug-Triebwerke. Vielflieger erkennen die Turbinenverkleidungen von Boeing, die haben sogenannte Chevrons, sägezahnförmigen Muster an der Austrittskante der Triebwerke, die Fluglärm reduzieren sollen. Wieder andere Gehäuse landen auf Airbus-Maschinen. Im Clean-Room werden Karbonfaserschichten auf Formen aufgebracht. Diese mit Karbonfaser-Schichten beladenen Formen werden dann in Autoklaven geschoben, wo sie unter Unterdruck erhitzt werden. So, als würde man riesige Kekse im Ofen backen – wobei der Ofen über sechs Meter hoch und über 140 Tonnen schwer ist. Die Ofentür sieht aus wie beim Panzerschrank von Dagobert Ducks Geldspeicher. Wenn die Teile fertig gebacken sind, werden sie vorsichtig von den Formen gehoben, weiterbearbeitet und mit Ultraschall und Lasermessgeräten einer Qualitätskontrolle unterzogen.

Doch zuletzt ist es ruhiger geworden im Werk 4. Der Absatz stockt, seit die globale Luftfahrindustrie in der Pandemie eine Bruchlandung hinlegte. Zuerst erwischte es die Airlines. Dann die Flugzeughersteller Boeing, Airbus und Embraer. Danach deren Zulieferer wie FACC.


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Kaskadenartig breitete sich die Krise aus, am Freitag, den 18. September kam sie bei den Arbeiterinnen und Arbeitern von FACC an. Vor der Messehalle hatten sich lange Menschenschlangen gebildet, hunderte Autos wurden vom Ordnerdienst auf Parkplätze eingewiesen. "Keiner weiß bis jetzt etwas Näheres. Wir wissen überhaupt nicht, was uns erwartet", sagte der Arbeiter Alois B. damals den "Oberösterreichischen Nachrichten". Die Stimmung war gedrückt, als ab acht Uhr Früh im Stundentakt in einer Serie von fünf Betriebsversammlungen die Belegschaft darüber informiert wurde, dass von den 3.350 Mitarbeitern 650 ihren Arbeitsplatz verlieren.

FACC sucht in der Krise nach neuen Geschäftsfeldern.  - © FACC/Robert Gortana
FACC sucht in der Krise nach neuen Geschäftsfeldern.  - © FACC/Robert Gortana

Das Unternehmen hat gemeinsam mit der Gewerkschaft einen Sozialplan geschnürt, um die wirtschaftlichen Folgen für die Mitarbeiter, die ihre Jobs verloren, abzumildern. "Es ist uns gelungen, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen", sagt Wolfgang Gerstmayer von der GPA-djp, der den Sozialplan mitverhandelte. Airbus und Boeing rechnen damit, dass es Jahre brauchen wird, bis sich der Markt wieder erholt. Der Umsatz von FACC wird 2020 im Vergleich zum Vorjahr von 520 Millionen auf 230 Millionen Euro zurückgehen, erst 2024 wird nach Prognosen des Managements das Vorkrisenniveau wieder erreicht.

Die Krisen-Kaskade

"FACC ist nicht der einzige Sozialplan, den wir zuletzt verhandelt haben. Der Sozialplan sieht eine besondere Unterstützung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Kindern und älteren Arbeitnehmer vor, zudem gibt es einen Härtefallfonds. Vor allem ungelernte Arbeitskräfte müssten mit Schulungsmaßnahmen unterstützt werden, damit sie wieder rasch Arbeit finden. Aber die gute Mischung der regionalen Wirtschaft macht es aus, dass es Jobs gibt", sagt Gewerkschaftler Gerstmayer.

Das kann Klaus Jagereder, Leiter der Geschäftsstelle des Arbeitsmarktservice in Ried, nur unterstreichen – er sieht die Lage nicht allzu pessimistisch. Jagereder weiß aber auch von Personengruppen zu berichten, die es besonders schwer haben: Menschen ohne Ausbildung oder Menschen mit Einschränkungen. "Sie stehen oft vor der Tatsache, dass ihnen Unternehmen keine Chance geben, weil es ohnehin in den Medien heißt, dass es so viele Arbeitslose gibt." Fachkräfte hätten aber gute Chancen, so Jagereder.

Tatsächlich: Vor dem Ausbruch der Corona-Krise lag die Arbeitslosen-Quote in der Region bei 4,4 Prozent. Noch heute gibt es 1000 freie Stellen. KTM Motorrad sucht etwa "ganz dringend" 200 Mitarbeiter, sagte KTM Motorrad CEO Stefan Pierer unlängst in einem Interview mit den "Salzburger Nachrichten". Matthias Grick von KTM Bikes – das außer dem Markennamen und dem gemeinsamen Standort in Mattighofen nichts mit KTM Motorrad zu tun hat – berichtet ebenfalls von vollen Auftragsbüchern, für 2021 sind 98 Prozent der Ware bereits verkauft: "Wir suchen Arbeitskräfte", sagt Grick. Das Unternehmen ist auf Wachstumskurs: 2020 konnte man 380 Millionen Euro Umsatz verbuchen, für 2021 rechnet man mit einem Umsatz von 500 Millionen – das bedeutet, dass 1000 Stück Fahrräder pro Tag produziert werden.

Albert Ortig hat sein Büro im Rathaus mit Blick auf den Brunnen am schmucken Hauptplatz der Kleinstadt. Er hat den Aufstieg der Region als Bürgermeister miterlebt – seit 1994 ist er im Amt. Ortig glaubt an die Widerstandsfähigkeit der Unternehmen in der Region und verweist darauf, dass einige davon in der Covid-19-Phase sogar zusätzliche Geschäfte lukrieren konnten. "Die Balance zwischen Industrie, Gewerbe und Dienstleistungssektor wirkt gerade in Krisenzeiten stabilisierend. Das ist wie bei einem Schemel mit drei Füßen: Der wackelt nicht."

Der Umsatz für 2020 betrug bei KTM Bikes 380 Millionen Euro, für 2021 werden 500 Millionen erwartet.  - © HeikoMandl/KTM Bikes
Der Umsatz für 2020 betrug bei KTM Bikes 380 Millionen Euro, für 2021 werden 500 Millionen erwartet.  - © HeikoMandl/KTM Bikes

Nun sei auch die öffentliche Hand gefordert. Ortig verweist etwa auf das Projekt, FACC-Mitarbeiter für Pflegeberufe umzuschulen. In der Region gebe es Wartelisten auf Pflegeheim-Plätze: "Wir können 40 Betten nicht vergeben, weil wir das Pflegepersonal nicht haben. Da entstehen sichere Jobs." 20 ehemalige FACC-Mitarbeiter werden durch ein AMS-Umschulungsprogramm eine Pflegeausbildung erhalten.

Erfolgsgeheimnis Kooperation

Ein Erfolgsgeheimnis der Unternehmen der Region ist deren Kooperationsbereitschaft: KTM Fahrrad kooperiert mit dem Rieder Unternehmen Wintersteiger, das sich unter anderem auf Bike-Service-Anlagen spezialisiert hat und mit dem Sport-Textilhersteller Löffler. Wie kam das? Daniel Steininger von der Firma Wintersteiger erklärt das so: Sportgeschäfte und andere Kunden, die im Winter von Wintersteiger Skiservice-Geräte kauften, boten im Sommer vermehrt E-Bikes an. Also begann Wintersteiger, Fahrrad-Service-Anlagen zu konstruieren. Bei der Entwicklung der Fahrradreinigungsmaschinen habe dann immer wieder Kontakt mit KTM Bikes bestanden – so wollte man etwa von KTM Feedback bekommen, wie man die Geräte bauen muss, um die Akkus und Displays bei E-Bikes beim Waschvorgang nicht zu beschädigen.

"Größere Unternehmen arbeiten in vielen Teilen Oberösterreichs mit den vielen kleineren Betrieben sehr eng zusammen. Man hat den Eindruck, die sind aufeinander eingespielt, haben einen intensiven Informationsaustausch, Innovationskraft und hohe Resilienz", sagt Matthias Fink, stellvertretender Institutsvorstand des Instituts für Innovation an der Johannes Kepler Universität Linz. Unternehmen, politische Entscheidungsträger, Sozialpartner und Interessensvertreter würden an einem Strang ziehen, durch ein funktionierendes Hausbankensystem bestehe viel Vertrauen im Wirtschaftsgeschehen.

Die Industrielandschaft in der Region vergleicht Fink mit einem Mischwald statt Fichten-Monokultur. "Je diverser die Struktur ist, desto besser – was die Größe der Unternehmen, aber auch, was die Branchen betrifft. Denn radikal neue Ideen kommen aus kleineren und mittleren Unternehmen, wenn Kleine mit den Großen zusammenarbeiten, dann kombiniert man die Schlagkraft Großer mit der Wendigkeit der Kleinen. Wenn ein Containerschiff in den Hafen muss, dann schleppen Schleppschiffe den Riesenkahn zum Pier. Der Schlepper ist wendig, hat aber nur eine geringe Reichweite. Das Containerschiff kann über den Globus schippern, ist aber nicht wendig genug, um in den Hafen zu kommen. Die Großen brauchen die Kleinen – und umgekehrt."

Die Auftragslage bei KTM Bikes ist gut, das Unternehmen sucht Arbeitskräfte.   - © Heiko Mandl/KTM Bikes
Die Auftragslage bei KTM Bikes ist gut, das Unternehmen sucht Arbeitskräfte.   - © Heiko Mandl/KTM Bikes

Der Ökonom Peter Mayerhofer, Experte für Strukturwandel und Regionalentwicklung beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), stammt aus Ried im Innkreis und kennt die Gegend: "Das Innviertel ist eine Erfolgsgeschichte. Die Region hat sich von einem agrarischen, eher strukturschwachen Gebiet zu einem Industriemotor entwickelt."

Erfolgsfaktor: Bayern als Nachbar

Ein Erfolgsfaktor: der Nachbar. Das Innviertel profitierte vom Aufstieg Bayerns zu Europas führender Industrieregion. Der EU-Beitritt und verbesserte Verkehrsbedingungen halfen ebenso. Nicht zuletzt: Unternehmen finden gut qualifizierte Facharbeiter zu Lohnniveaus, die unter jenen im bayrischen Zentralraum liegen. "Der Strukturwandel zur mittelständischen modernen Industrie ist gut gelungen", summiert Mayerhofer. Diese Industrien haben sich zumeist aus Weiterentwicklungen von industriell-gewerblichen Strukturen, die nah an der Ressourcenbasis sitzen, entwickelt.

Eine Ressource war Holz. Mayerhofer erklärt die Innviertler industrielle Evolution am Beispiel Fischer Ski: Fischer habe Holz aus den nahen Wäldern genutzt, um Skier zu produzieren. Später wurden diese Skier durch den Einsatz neuer Materialien immer besser, und so sei man dann irgendwann bei Karbonfasern gelandet, die dann für Skier, Tennisrackets und später Flugzeugteile eingesetzt wurden.

Die Flugzeugteile, hofft man in Ried, soll das Werk 4 nach Überwindung der Krise wieder unter Volllast produzieren. Die Region wird sich dann wieder ein Stück weit neu erfunden haben.

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