Der wegen der Corona-Pandemie seit Dienstag geltende zweite Lockdown wird Österreichs Wirtschaft heuer und nächstes Jahr stärker in Mitleidenschaft ziehen. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) geht für 2020 nun von 7,7 Prozent BIP-Einbruch aus, statt der noch im Oktober angenommenen 6,8 Prozent Minus. Und 2021 dürfte die Wirtschaftsleistung nur um 2,8 statt 4,4 Prozent wachsen.

0,6 Prozentpunkte des zusätzlichen Einbruchs von 0,9 Punkten im heurigen Jahr seien auf Beherbergung und Gastronomie zurückzuführen, der Rest vor allem auf (freiwilligen) Konsumverzicht in anderen Bereichen, erklärte das Wifo am Donnerstag in einem Update zu seinen jüngsten Prognosen.

Von den 0,6 Prozentpunkten sind den Experten zufolge allerdings nur 0,2 Punkte auf den Lockdown selbst zurückzuführen, die restlichen 0,4 Punkte seien Reisewarnungen geschulden, die nach Fertigstellung der Wifo-Herbstprognose in Kraft gesetzt wurden. Die Zahl der Nächtigungen dürfte heuer um 35,5 Prozent sinken, im Oktober hatte das Wifo noch 26,8 Prozent Rückgang angenommen.

Der Rest des zusätzlichen BIP-Einbruchs von 0,3 Punkten heuer sei vor allem auf Konsumrückgänge in anderen Bereichen zurückzuführen. Diese Rückgänge entstehen dem Institut zufolge durch Komplementäreffekte - weniger Nachfrage im Handel aufgrund der Schließung der Gastronomie - und Verhaltensänderungen, also eine freiwillige Selbstbeschränkung. Zudem entwickle sich die Industrie schwächer, wegen Lockdowns und Nachfragerückgängen bei wichtigen Handelspartnern.

Bei der Expansion 2021 dürfte der BIP-Beitrag aus Beherbergung und Gastronomie hingegen um 0,3 Punkte steigen. "Während also der Tourismus von den aktuellen Verschärfungen im nächsten Jahr profitieren sollte, ergeben sich gesamtwirtschaftlich noch negative Folgeeffekte", so die Experten.

Für das erste Quartal 2021 nimmt das Wifo an, dass die Lockdown-Maßnahmen weiter gelockert werden und dass das reale BIP um 1,7 Prozent gegenüber dem vorhergehenden Vierteljahr steigt. Das impliziere, dass 40 Prozent des bevorstehenden Einbruchs wettgemacht werden. Im Vergleich dazu seien im heurigen dritten Quartal 67 Prozent des Einbruchs im ersten Halbjahr 2020 kompensiert worden.

Keine vollkommene Erholung 2021

Zum zweiten Vierteljahr 2021 wird unterstellt, dass 90 Prozent des bevorstehenden Einbruchs kompensiert sind und im zweiten Halbjahr die Wirtschaftsleistung bereits wieder höher sein wird als im dritten Quartal 2020, also vor dem Konjunktureinbruch aufgrund des zweiten Lockdowns. Zu verdanken sei die unterstellte Überkompensation des bevorstehenden Einbruchs den angekündigten starken wirtschaftspolitischen Maßnahmen (unter anderem 80 Prozent Umsatzersatz), aber auch der Annahme, dass es nach der erfolgreichen Bekämpfung der zweiten Covid-19-Infektionswelle keinen neuerlichen Anstieg an Neuinfektionen gibt. In der Prognose von Oktober war angenommen worden, dass im Herbst die Neuinfektionszahl steigt und dass das die Konjunktur dämpft.

Bis Ende 2021 dürfte sich die heimische Wirtschaft - verglichen mit dem BIP Ende 2019 - nur zu drei Viertel erholt haben, schätzt das Wifo. Die Oktober-Prognose war noch von knapp 90 Prozent Kompensation ausgegangen.

Der im Vergleich zur letzten Prognose schwächere Aufschwung 2021 ergibt sich laut Wifo durch geringere Einkommenszuwächse (Dämpfung des privaten Konsums), einen Anstieg der Unsicherheit (in Bezug auf Investitionen und Exporte) und eine weitere Beschleunigung von Struktureffekten in der Industrie. Der Tourismus werde 2021 hingegen profitieren: Die Zahl der Nächtigungen soll laut Wifo-Einschätzung um 29,2 Prozent steigen, im Oktober ging man noch von lediglich 25,2 Prozent Anstieg aus. "Diese Prognose beruht auf der Annahme, dass der Lockdown die Zahl der Neuinfektionen signifikant und nachhaltig senkt und dass dadurch die Reisewarnungen für Österreich rascher aufgehoben werden können als ohne Lockdown", betont das Wifo dazu.

Die jüngsten Lockdown-Maßnahmen der Regierung führen heuer voraussichtlich zu zwei Prozent Rückgang bei der Beschäftigung unselbstständig aktiv Beschäftigter. 2021 könnte, bei einem BIP-Plus von 2,8 Prozent, die Zahl um 0,7 Prozent steigen. Die Beschäftigungsdynamik sei damit deutlich geringer als bei der Wertschöpfung, da der Großteil der Arbeitskräfte, die 2020 kurzarbeiten, wieder ausgelastet sein werde. Heuer dürfte die Kurzarbeit etwas stärker als zuletzt gedacht genutzt werden, nämlich im Ausmaß von circa 165.000 Jahresäquivalenten statt 159.000, wie noch in der Hauptprognose von Oktober angenommen. Bei geringfügig Beschäftigten wird ein Rückgang um 2,4 Prozent angenommen, weil die eher in besonders von Covid-19 betroffenen Branchen tätig sind; 2021 werde sich dieses Segment aber deutlich erholen, sodass die Zahl unselbstständig Beschäftigter um ein Prozent steigen könne.

Lage am Arbeitsmarkt weiter angespannt

Für 2020 geht das Wifo nun von 9,9 Prozent Arbeitslosenrate (laut AMS-Kriterien) aus, in der Oktober-Prognose wurden 9,8 Prozent erwartet. 2021 soll es nur einen Rückgang auf 9,7 Prozent geben und nicht bis auf 8,8 Prozent.

Auf die öffentlichen Finanzen wirkt sich der zweite Lockdown in mehrfacher Hinsicht negativ aus. In den unmittelbar betroffenen Branchen - vor allem Gastronomie, Tourismus, Kunst- und Kulturbetriebe - würden den Unternehmen während der angeordneten Schließung bis zu 80 Prozent ihres vorjährigen Umsatzes ersetzt. Die Budgetbelastung daraus nimmt das Wifo aufgrund historischer Umsatzdaten mit bis zu 2 Mrd. Euro an, wenn keine Gegenrechnung anderer Staatshilfen erfolgt. Auch der Anstieg bei Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit belastet den Staatshaushalt sowie die zu erwartenden Ausfälle bei Mehrwert- und Einkommensteuer sowie SV-Beiträgen. "Insgesamt könnte sich der Finanzierungssaldo im laufenden Jahr daher von -9,4% auf -10,4 Prozent des BIP verschlechtern", heißt es. Und 2021 werde das Budgetdefizit mit -6,2 Prozent des BIP "deutlich größer ausfallen als noch vor dem neuerlichen Lockdown-Beschluss erwartet". Die Oktober-Prognose hatte hier auf -9,4 bzw. -4,7 Prozent gelautet. Entsprechend werde auch die Staatsverschuldung weiter zunehmen - auf 85,6 Prozent des BIP heuer und 87,5 Prozent 2021.

EU-Prognose Düster

Auch die EU-Kommission hat in ihrer am Donnerstag veröffentlichten Herbstprognose die Erwartung für Österreich wegen der Folgen der Corona-Pandemie für heuer zwar nicht weiter nach unten revidiert, wohl aber für das kommende Jahr. Für 2020 rechnet die Brüsseler Behörde weiterhin mit 7,1 Prozent Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP), für 2021 hat sie die Wachstumserwartung aber gegenüber der Sommerprognose von Juli von 5,6 auf 4,1 Prozent reduziert.

Für 2022 geht die EU-Kommission von nur 2,5 Prozent Wachstum für Österreich aus. Die Eurozone dürfte der Brüsseler Prognose zufolge heuer um 7,8 Prozent schrumpfen, 2021/22 um 4,2 bzw. 3,0 Prozent wachsen. In der gesamten EU dürfte das BIP demnach heuer um 7,4 Prozent sinken und dann um 4,1 bzw. 3,0 Prozent zulegen.

Die Wirtschafts- und Stimmungsindikatoren würden - obwohl sie noch immer gedämpft seien - auf einen soliden wirtschaftlichen Aufschwung in Österreich hindeuten, der im dritten Quartal begonnen habe, so die EU-Kommission. Die Reiseerleichterungen im Juni hätten zu einer teilweisen Erholung des wirtschaftlich wichtigen Tourismussektors geführt.

Infektionszahlen und Lockdowns erschweren Erholung

Steigende Infektionsraten und die jüngste Verschärfung der Corona-Eindämmungsmaßnahmen würden die Wachstumsaussichten für den Rest des Jahres 2020 und Anfang 2021 aber dämpfen. Ein Vorkrisenniveau sei erst gegen Ende 2022 zu erwarten.

Die Arbeitslosenrate in Österreich sieht die EU-Kommission heuer bei 5,5 Prozent (nach 4,5 Prozent im Vorjahr) und 5,1 Prozent im kommenden und 4,9 Prozent - laut Eurostat - im übernächsten Jahr. Für die Eurozone rechnet Brüssel mit 8,3 sowie 9,4 und 8,9 Prozent Arbeitslosenquote, für die EU mit 7,7 und 8,6 und 8,0 Prozent.

Für das gesamtstaatliche Defizit Österreichs geht die EU-Kommission für heuer von 9,6 Prozent des BIP aus (nach 0,7 Prozent Überschuss 2019), für 2021 von 6,4 Prozent Minus und für 2022 von 3,7 Prozent Abgang. Die Staatsschulden dürften demzufolge in Österreich heuer 84,2 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen (nach 70,5 Prozent voriges Jahr), im nächsten Jahr 85,2 Prozent und übernächstes Jahr 85,1 Prozent. (apa)