Der Wald liegt vor der Haustür. Von der Küche blickt man auf grüne Wiesen. Ruhe, Abgeschiedenheit, ausreichend Platz: Viele träumen vom eigenen Haus im Grünen. Durch die Corona-Krise dürfte der Wunsch nach Grünflächen noch mehr zunehmen. Diesem Wunsch fallen aber paradoxerweise viele Grünflächen zum Opfer. Es entstehen zersiedelte Landschaften, der Bodenverbrauch nimmt zu. Österreich steht an Europas Spitze beim Flächenverbrauch. Jeden Tag werden im Schnitt 13 Hektar Fläche verbraucht – so viel wie 16 Fußballfelder.

Neben den hohen Infrastrukturkosten der Zersiedelung hat sie vor allem enorme Auswirkungen auf den Verkehr. Denn die Zersiedelung führt dazu, dass weitere Wege zurückgelegt werden müssen, um Arbeitsplatz, Supermarkt oder Schule zu erreichen. Je weiter man in der Peripherie wohnt, desto länger sitzt man im Auto. Denn der öffentliche Verkehr ist in vielen ländlichen Regionen schlecht ausgebaut. Man ist auf das eigene Auto angewiesen. "Acht von zehn Wegen beginnen zu Hause oder enden dort. Wie weit entfernt man wohnt, entscheidet darüber, wie viel Verkehrsaufwand entsteht", sagt Michael Schwendiger vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) bei der Präsentation einer neuen Publikation am Donnerstag.

Schnellstraßen, Autobahnen und Zubringer fressen sich in die Landschaft. Das Straßennetz in Österreich zählt zu den dichtesten in Europa. Immer mehr Flächen werden für den Verkehr geopfert. Während im Jahr 1990 eine Fläche von 1440 Quadratkilometer von Straßen und Parkplätzen beansprucht wurde, waren es 2019 bereits fast 2000 Quadratkilometer. Gleichzeitig sank der Anteil der Flächen von Schienenverkehrsanlagen an allen Verkehrsflächen von elf auf vier Prozent. Das Schienennetz ist laut VCÖ in dieser Zeit um fast 700 Kilometer geschrumpft.

Je weniger besiedelt eine Region ist, desto höher ist der Motorisierungsgrad

Im selben Zeitraum ist die Einwohnerzahl Österreichs um 14 Prozent gestiegen. "Die für Wohnen verbaute Fläche hat doppelt so stark zugenommen und die Anzahl der Pkw sogar viermal so stark", sagt Schwendinger.


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Zwischen Siedlungsstruktur und Mobilitätsverhalten gibt es aber noch einen interessanten Zusammenhang. Je weniger besiedelt eine Region ist, desto höher ist der Motorisierungsgrad. In dünn besiedelten Regionen mit weniger als 100 Einwohner pro Quadratkilometer gibt es 691 Pkw pro 1000 Einwohner. In dicht besiedelten Regionen hingegen sind es 483 Pkw pro 1000 Einwohner. Es gibt auch Regionen, in denen trotz abnehmender Bevölkerung die Pkw-Anzahl steigt. Im Bezirk Waidhofen/Thaya ist die Einwohnerzahl von 27.655 im Jahr 2005 auf 25.685 im Jahr 2019 gesunken. Die Zahl der Pkw erhöhte sich aber im selben Zeitraum von 16.741 auf 19.166. Der Pkw-Motorisierungsgrad – also Pkw je 1000 Einwohner – ist mit 746 der höchste in ganz Österreich.

Zusätzlich stieg die Zahl der Zweit- und Drittautos der österreichischen Haushalte von rund 706.000 im Jahr 2000 auf rund 1,6 Millionen im Jahr 2018. Treiber ist auch hier die zunehmende Zersiedelung.

Der VCÖ kritisiert deshalb die derzeitige Siedlungspolitik. "Die Ortskerne müssen gestärkt werden. Es dürfen keine Supermärkte mehr auf der grünen Wiese entstehen", sagt VCÖ-Experte Schwendinger. Statt neu zu bauen, sei es sinnvoller, Leerstände wiederzubeleben. Neue Siedlungen sollten laut VCÖ nur noch dort entstehen, wo es bereits eine öffentliche Infrastruktur gibt. Wenn die Wege vom Haus zu Bus und Bahn kurz sind, steigen die Menschen auch auf den öffentlichen Verkehr um und lassen das Auto stehen, so der VCÖ. Die andere Möglichkeit ist, bei neuen Siedlungen gleichzeitig den öffentlichen Verkehr mit anzubieten.

Österreich will bis 2040 klimaneutral sein. Dieses Ziel ist laut VCÖ nur erreichbar, wenn bei der Siedlungsentwicklung auf eine nachhaltige und klimaverträgliche Mobilität gesetzt wird. Eine Reform der Wohnbauförderung sei deshalb notwendig. "Das Instrument der Stellplatzverpflichtung ist veraltet", meint Schwendiger. Denn bisher ist es so, dass beim Bau neuer Wohnungen eine gewisse Anzahl von Pkw-Stellplätzen errichtet werden muss. Diese Infrastruktur bleibt für Jahrzehnte. Das sei aber nicht mehr zeitgemäß und widerspreche den Klimaschutzzielen. Vielmehr, so fordert der VCÖ, sollten Mobilitätsgarantien verankert werden. Wohnbau soll dort stattfinden, wo öffentlicher Verkehr, Carsharing-Angebote oder etwa Radwege in der Nähe sind.