Die Jalousien in der Portierloge sind vergilbt und staubig. Die runde Uhr beim Eingang zur alles andere denn protzigen Werksleitung ist bei 10.05 Uhr steckengeblieben. Hallen und das Waschhaus ragen dahinter in den trüben Herbsthimmel und erinnern an bessere Zeiten. Hier in der Bahnstraße 25 war bis vor 15 Jahren die Zuckerfabrik Hohenau. Seinerzeit war im nordöstlichen niederösterreichischen Weinviertel hart an der slowakischen Grenze an der March eine der drei Zuckerfabriken in Österreich.

In Hohenau an der March haben sie das erlebt, was sich in Leopoldsdorf im Marchfeld in den vergangenen Monaten wiederholt hat. Am vergangenen Freitag stand dann fest, dass Bauern weiter zumindest 38.200 Hektar Ackerfläche mit Zuckerrüben bebauen werden. Daraufhin hat der Aufsichtsrat des Unternehmens Agrana beschlossen, die Zuckerfabrik in Leopoldsdorf nicht im kommenden Jahr zuzusperren. Neben der Produktionsstätte in Tulln bleiben damit in Leopoldsdorf rund 150 Arbeitsplätze erhalten. Agrana, dessen "Wiener Zucker" in allen Haushalten nicht nur in der Adventzeit ein Begriff ist, gewährt damit vorerst einmal ein Weiterleben.

In Hohenhau kennt man diese Gefühle nur zu gut. "Wir haben ja das selbst miterlebt, dieses Zittern von Jahr zu Jahr - wie geht’s in Hohenhau weiter", räsoniert Vizebürgermeister Dieter Koch im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Er ist auch SPÖ-Chef in der 2700 Einwohner zählenden Gemeinde. Die Zuckerfabrik, besser gesagt die Arbeiter, haben dafür gesorgt, dass der Ort ein roter Fleck im tiefschwarzen Weinviertel war und noch immer ist. Für Koch ist die Vergangenheit nicht nur als Kommunalpolitiker noch präsent. Er hat die Zeit, als die Bude noch im Betrieb war, selbst hautnah miterlebt. Sein Vater hat in der Zuckerfabrik gearbeitet. Mehr als das, er hat mit der Fabrik mitgelebt - wie auch die ganze Familie, wenn im Frühherbst die Erntesaison für die Zuckerrüben begonnen hat und über die Weihnachtsfeiertage hinaus gedauert hat.

Fabrik hat "vibriert"

"In der Zeit hat sich alles um die Kampagne gedreht", erinnert sich Koch zurück. Die Kampagne - das war jene Zeit, in der die Zuckerrüben im Akkordtempo verarbeitet wurden. Im Schichtbetrieb. "Da hat’s keinen Urlaub gegeben", betont der Vizebürgermeister, der für ein Versicherungsunternehmen tätig ist. Da wurden 25-Kilo-Zuckersäcke abgefüllt, Schlosser, Elektriker, Heizer wurden gebraucht. Da gab es Staubzulagen und Schwerarbeiterzulagen. Im Fernduell gab es damals auch einen Konkurrenzkampf der Zuckerfabriken, wer im 24-Stunden-Schnitt mehr produziert. "Da waren alle unter Strom", erzählt Koch, "die ganze Fabrik hat vier Monate vibriert."

135 Jahre lang wurde in Hohenau Zucker produziert. Vom 1. Oktober 1867 datiert die Gründung der HZ, der Hohenauer Zuckerfabrik, durch die sechs Brüder der Tuchmacherfamilie Starkosch aus dem nicht so fernen Brünn in Monarchiezeiten. Ein Museum Hohenau an der March an der Hauptstraße erzählt im ersten Stock die Geschichte der Zuckererzeugung. Die Schau ist in einem Gebäudekomplex, in dem auch an den in Nachkriegsjahren populären Schauspieler Oskar Sima, einen gebürtigen Hohenaur erinnert wird. Schon 1868 lief für 91 Tage die erste Kampagne zur Verarbeitung von Zuckerrüben. Die Einwohnerzahl Hohenaus schnellte von gut 1500 auf knapp 4000 im Jahr 1900 hinauf. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im November 1946 bereits wieder 22 Tage lang die Rüben-Kampagne durchgeführt. Der Tod schlich sich rund 50 Jahre später mit Österreichs EU-Beitritt heran. Österreichs Zuckerkontingent wurde, wie ein Folder aufklärt, beschränkt, von da an galt der Standort Hohenau als gefährdet. Bei der letzten Zuckerrübenkampagne wurden 2005 noch 13.600 Tonnen Rüben pro Tag verarbeitet. Knapp vor Weihnachten, am 22. Dezember 2005, wurden dann um 18.30 Uhr die Turbinen im Energiehaus für immer abgestellt. Das letzte Kapitel war damit nach 138 Jahren geschlossen. Wer es noch genauer wissen will, kann das in einer 480 Seiten fetten Chronik über "Die Österreichische Zuckerindustrie und ihre Geschichten(N)" nachlesen.

Ein Teil der Arbeiter ging in Pension. Inzwischen wird scherzhaft von der "Sektion" geredet, wenn sich ehemalige Hackler aus der Zuckerfabrik in einem Gasthaus treffen. Eine Biodieselfirma hat sich angesiedelt. Die Teiche einige hundert Meter von der Fabrik entfernt, in denen früher das Wasser gekühlt worden ist, werden mittlerweile anderweitig genützt. Dort werden Karpfen gezüchtet. Das Werksgelände direkt neben dem Bahnhof mit dem dahinrostenden Werkstor bleibt sichtbares Zeichen der sich wandelnden Wirtschaft.

Hoffen auf Rad-Tourismus

Hohenau setzt inzwischen in wahrsten Sinn des Wortes auf alternative Wege. Dazu gehört das Erleben der Vögel in den March-Auen. Auch wenn corona-bedingt im nordöstlichen Zipfel des Weinviertels ebenfalls alles eingeschränkt ist, so freuen sich die Gemeindeverantwortlichen doch über die deutlichen Signale für einen aufstrebenden sanften Touristen mit Radfahrern und Wien-Ausflüglern, die im Sommer von den March-Thaya-Auen angelockt wurden. Das Arbeiterheim unweit des Hohenauer Rathauses war in den 1970er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gesteckt voll, als der damalige SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky gekommen ist. Inzwischen wird das zum "Atrium" umgebaute Veranstaltungszentrum von einer Pächterin der Kommune als Wirtshaus und Gästehaus geführt.

Manche Arbeiter aus der Zuckerfabrik in Hohenhau haben in Leopoldsdorf eine Beschäftigung gefunden, andere bei der OMV im nahen Zistersdorf, erfährt man in Hohenau. Von den Rübenbauern in der Umgebung haben viele die Produktion umgestellt, heißt es. Ein Mitgrund dafür war, dass die anhaltenden Trockenphasen aufgrund der Klimaveränderung und vor allem der Rüsselkäfer als Schädling in den vergangenen Jahren den Anbau unrentabler haben werden lassen. Der Rüsselkäfer ist auch eine der Gefahren und Unwägbarkeiten für den längerfristigen Erhalt der Zuckerfabrik in Leopoldsdorf. Wenn der Käfer von den vereinbarten 38.000 Hektar an Anbauflächen "20.000 Hektar frisst, dann stehen wir wieder vor demselben Problem", hat Agrana-Vorstandschef Johann Marihart schon gewarnt. Heuer hat die feuchte Witterung geholfen.

Mittel für Leopoldsdorf

Aber selbst das allein wäre zu wenig gewesen. Denn im Agrarland Niederösterreich und mit der ÖVP in der türkis-grünen Bundesregierung, die sich auf dem flachen Land noch immer auf die Organisationskraft des Bauernbundes stützt, mussten auch Politiker im Bund und Land kräftig für den Erhalt der Zuckerfabrik Leopoldsdorf neben jener in Tulln mithelfen. Es gab "Rübengipfel" und schließlich eine Wiederanbauprämie von 250 Euro pro Hektar, sollte der Rüsselkäfer wieder wüten. Die Mittel kommen aus dem Bundesbudget. Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger und Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (beide ÖVP) konnten dann mit der Agrana-Führung die Lösung zum Fortbestand der Zuckerfabrik in Leopoldsdorf verkünden.

In Hohenau ist es wegen des Corona-Lockdowns im Advent heuer besonders ruhig geworden. Rübenkampagne im Akkord bis hinein in den Dezember, das war einmal.