Keine Krise trifft alle Menschen gleichermaßen, auch die Corona-Krise. Bereits existierende Ungleichheiten werden verstärkt. Das trifft auch und vor allem Frauen. Die UN hat die Corona-Krise zu einer Krise der Frauen deklariert. In den Maßnahmen der Regierung spiegelt sich das aber so gut wie gar nicht wider. Arbeitsmarktexpertin Veronika Bohrn Mena zeigt in ihrem neuen Buch auf, wie fragil die vermeintliche Gleichstellung von Mann und Frau in Österreich ist und spricht mit der "Wiener Zeitung" über neue alte Probleme von Frauen am Arbeitsmarkt.

Veronika Bohrn Mena ist Autorin und beschäftigt sich bei der GPA-djp mit diversen Veränderungen in der Arbeitswelt. Ihr Buch "Leistungsklasse. Wie Frauen uns unbedankt und unerkannt durch alle Krisen tragen" ist diesen November im ÖGB Verlag erschienen. - © Michael Mazohl
Veronika Bohrn Mena ist Autorin und beschäftigt sich bei der GPA-djp mit diversen Veränderungen in der Arbeitswelt. Ihr Buch "Leistungsklasse. Wie Frauen uns unbedankt und unerkannt durch alle Krisen tragen" ist diesen November im ÖGB Verlag erschienen.
- © Michael Mazohl

"Wiener Zeitung": Vor allem Frauen sind von Arbeitslosigkeit in dieser Krise betroffen, warum?
Veronika Bohrn Mena: Die Arbeitslosenzahlen von März bis Mai 2020 zeigen, dass viel mehr Frauen ihren Job verloren haben als Männer. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit hat zu 85 Prozent mehr Frauen betroffen. In Branchen und Berufen mit einem hohen Frauenanteil wie Handel, Beherbergung und Gastronomie, Kunst, Unterhaltung, Erholung, Erziehung und Unterricht sowie Gesundheit und Soziales wurden die meisten Stellen abgebaut. Zudem haben wesentlich mehr Akademikerinnen ihren Job verloren, während bei den Männern hauptsächlich Geringqualifizierte betroffen sind.

Es gibt moderne Paare, beide arbeiten, haben ein Kind und sind im Homeoffice – und doch ist es wieder die Frau, die mehr mit Haushalt und Betreuung beschäftigt ist. Woran liegt das?
Für dieses Ungleichgewicht gibt es mehrere Ursachen. Eine ist eine Henne-Ei-Frage: Arbeiten Frauen Teilzeit, weil sie weniger verdienen oder verdienen Frauen weniger, weil sie Teilzeit arbeiten? Tatsache ist aber, auch wenn sehr progressive Pärchen in einem gewissen Alter Kinder bekommen, rechnen sie sich durch, wie viel Geld sie verlieren, wenn wer wie lange in Karenz geht. Und dann ist es meist so – und insgesamt ökonomisch gesehen ja auch sinnvoll – dass sich herausstellt, der Mann verdient mehr als die Frau und deswegen geht er mehr arbeiten, damit die Familie insgesamt ein besseres Einkommen hat. Wer mehr zuhause ist, übernimmt die Arbeit zuhause. Und dann kommt man ganz schnell in die alte Rollenverteilung, dass der Mann sagt, ich bin für das Geld-Nachhause-bringen zuständig. Du arbeitest eh nur Teilzeit und bist mehr zuhause, also mach du das. Die dritte Folge ist, dass ganz viel durch Erziehung bedingt ist. Mädchen werden anders erzogen als Buben, nach wie vor. Frauen sind deswegen eher dazu geneigt, unangenehme Hausarbeiten zu übernehmen, als Männer. Weil meistens die Mädchen zuhause schon mehr mitarbeiten müssen. Da gibt es Studien dazu, die zeigen, dass während Corona, als die Kinder nicht in der Schule waren, es eher die Mädchen waren, die zuhause mehr im Haushalt helfen mussten oder sich um Geschwister kümmern mussten.

Das ist alles altbekannt. Klingt eher auch hausgemacht ...
Ich glaube, das sind Sachen, die in zweiter Folge kommen. Die wesentlichen Unterschiede sind immer noch die materiellen. Und weil die materiellen Unterschiede so groß sind und die Lebensrealitäten so unterschiedlich, ist  die Erziehung auch eine andere. Ich glaube ja, dass wenn Frauen tatsächlich so viel verdienen würden, wie Männer und Frauen tatsächlich so viel bzw. so wenig Zeit hätten fürs Familienleben, dann würde sich das in der Erziehung auch relativ schnell ändern. Denn Erziehung ist bis zu einem gewissen Grad nicht nur das, was man aktiv macht, sondern vielmehr das, was man schlicht vorlebt. Die Kinder imitieren die Eltern und wenn sie mitbekommen, dass der Vater mehr lohnarbeitet und mehr Stress hat und er für das Finanzielle zuständig ist und die Mutter eher die unbezahlten undankbareren Arbeiten macht, dann sickert das  ein.

 Die Krise hat viele Frauen zurückgeworfen. Sie fühlen sich in die 50er Jahre versetzt. Kinder, Kochen, weniger Erwerbsarbeit. Kann das, was in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurde, auch schnell wieder verlorengehen?
Die größte Gefahr ist, dass sich Frauen vermehrt aus dem Erwerbsleben zurückziehen. Und das sehen wir schon bei der Arbeitszeit und in der Beschäftigung. In Deutschland gibt es schon Zahlen dazu, dass der Anteil der erwerbstätigen Frauen im Land zurückgegangen ist. Wir sehen beim Punkt Arbeitszeit abseits der Kurzarbeit auch in Österreich, dass Frauen eher ihre Arbeitszeit reduziert haben als Männer. Weil die Arbeitszeit auch einfach reduziert werden musste. Es gibt ganz viele Menschen, die nicht im Homeoffice arbeiten können. Das sind 60 Prozent am Arbeitsmarkt. Die arbeiten in der Regel am und mit Menschen, sprich Gesundheit und Soziales oder im systemrelevanten Bereich wie im Einzelhandel, aber auch im gesamten Bereich der kritischen Infrastruktur. Frauen sind nicht nur in dem Sinne mehrfach von der Krise betroffen, als dass sie die ganze unbezahlte Arbeit miterledigen mussten, die auf einmal angefallen ist, weil vorher institutionalisierte Angebote weggebrochen sind, etwa Schulen, Kindergärten und Pflegeeinrichtungen, sondern sie sind gleichzeitig auch eher systemrelevant beschäftigt gewesen. Dementsprechend haben viele Frauen, die etwa im Einzelhandel gearbeitet haben und auch eine Urlaubssperre hatten, dann teilweise ihre Jobs aufgegeben oder aus 30 Stunden Teilzeit dann 20 Stunden Teilzeit pro Woche gemacht.

Also nicht nur eine Phase, die wir mal eben durchtauchen?
Es wird nicht so einfach sein, das wieder aufzustocken. Für diejenigen, die ihren Job aufgegeben haben, schaut es in den nächsten Monaten, ja sogar Jahren relativ düster aus. Und das bedeutet, dass sie nicht nur jetzt in der Krise einen finanziellen Nachteil haben, sondern auch in den kommenden Jahren und vor allem später in der Pension. Ein einziges Jahr Teilzeit bedeutet im Schnitt 1,8 bis 2,5 Prozent weniger Pension. Jedes einzelne Jahr, in dem ich kürzer arbeite, tut mir am Ende weh. Und Frauen sind jetzt schon von Altersarmut stärker betroffen. Frauen bekamen vor Corona schon 43 Prozent weniger Pension. Und das bedeutet, dass Frauen abhängiger von ihren Partnern werden.

Es sind vornehmlich Frauen, die im systemrelevanten Bereich arbeiten. Es schien, als wäre diese Leistung sichtbarer geworden mit Corona, wertgeschätzter. Da ist aber nicht viel passiert ...
Nein, weil die gesamte Krisenpolitik der Regierung gar keinen Fokus auf Frauen legt. Egal ob Kinderbetreuung, das Missmanagement der Schulen, oder Kindergärten – die waren sowieso nie Thema. Und wenn man schaut, wo diese ganzen Milliarden an Steuergeldern hinwandern, die von der Regierung verteilt werden, kommen diese sehr wenig den Branchen zugute, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Eine der wenigen Maßnahmen, die als frauenspezifische Maßnahme deklariert wurde, war der Familienhärtefonds mit 50 Millionen Euro. Das hat mich geärgert, denn ein Familienhärtefonds ist nicht unbedingt eine Maßnahme für Frauen. Ein Inseratebudget ist dagegen 120 Millionen Euro hoch. Das Budget für Umsatzersätze geht in den Milliardenbereich. Man muss sich nur die Relationen anschauen, wofür wie viel Geld ausgegeben wird. Da verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass die Regierung die Frauen komplett ignoriert. Auch beim Rechtsanspruch auf die Sonderbetreuungszeit – den gibt es im zweiten Lockdown wieder nicht. Viele der 24-Stunden-Pflegerinnen sind weggebrochen, mobile Pflegedienste, Essen auf Rädern, Haushaltshilfen. Das übernehmen zu 85 Prozent dann die Frauen im Umfeld, unbezahlt: Töchter und Ehefrauen.

Sie schreiben, die Maßnahmen gegen die Krise sind in Österreich von Männern für Männer gemacht. Machen das von Frauen regierte Länder besser? Deutschland, Neuseeland, Dänemark etwa ...
Das kann man pauschal leider nicht sagen. Nur weil eine Frau Politik macht, macht sie nicht automatisch feministische Politik. Aber die skandinavischen Länder sind ein gutes Beispiel, weil da viel einfach gar nicht passieren konnte, was bei uns passiert ist. Zum einen, weil dort die Pflege viel stärker professionalisiert ist, als bei uns. Was bei uns hauptsächlich privat und unbezahlt abläuft, sind in Skandinavien Arbeitsplätze, die von Männern wie Frauen ausgeführt werden. Auch so Sachen wie Teilzeit, Karenzen, das ist dort viel egalitärer als bei uns. Es ist dort viel üblicher, das die Karenz 50:50 geteilt wird, weil hier auch anders vergütet wird.

Viele in Österreich würden sagen, hierzulande herrscht Gleichstellung. Aber die Krise zeigt ja doch, selbst da, wo sie erreicht scheint, ist sie offensichtlich sehr fragil. Fußt die Gleichstellung der Frau nicht eher darauf, dass andere Frauen ihnen die Arbeit abnehmen und eben nicht der Mann. Die Putzfrau, das Kindermädchen, die Erzieherin… haben wir überhaupt nur eine Scheingleichstellung?
Bei vielen Paaren und vielen Familien ist das sicher der Fall. Man hat in dem Glauben gelebt, wir sind gleichberechtigt, beide gehen arbeiten und wir sind progressiv. Und dann kommt die Reinigungskraft plötzlich ein paar Wochen nicht und dann wartet man darauf, wer als erster den Staubsauger in die Hand nimmt oder die Wäsche wäscht. Das Ergebnis ist leider ein alt bekanntes. Natürlich ist hier einfach ganz viel substituiert worden. Denn sonst würde man nicht sehen, dass wenn die Kindergärten zu haben, und beide Eltern im Homeoffice sind, dass es eben doch wieder vermehrt die Mütter sind, die sich um die Kinder kümmern und die Väter ziehen sich eher zurück.

Ist Corona trotz allem was hier schief läuft, nicht auch eine Chance für einen "Turning Point" in vielen Debatten?
Das sollte es. Das wird uns jahrelang nachhängen. Und das betrifft sehr viele Menschen, die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen. Wenn die Maßnahmen so getroffen werden, dass die Hälfte der Betroffenen nicht nur nicht berücksichtigt wird, sondern aktiv benachteiligt wird, dann rennt etwas falsch. Wir müssen über Arbeitszeitverkürzung reden, Arbeitslosengelderhöhung, Rückkehr von Frauen in den Arbeitsmarkt, Arbeitsmarktpakete für Frauen, ein AMS-Budget für Frauen, Professionalisierung der Pflege, mehr Ganztagsschulen und verschränkten Unterricht. Ein dritter Lockdown scheint ja nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Hier gilt es nun besser vorzubereiten und zu organisieren. Ich vermisse Maßnahmen, die denen helfen, die wirklich leiden. Frauen mit Betreuungspflichten und Pensionistinnen arbeiten oft geringfügig. Hier gibt es kein Arbeitslosengeld, keinen Ersatz. Was ist mit einer Kompensation für die Reduzierung von Arbeitszeit wegen Betreuungspflichten oder einer Garantie für jemanden, der seine Arbeitszeit reduziert, damit er später wieder aufstocken kann? Es gibt genug Ideen, aber man hat hier nichts getan.