Nichts scheint heuer normal zu sein - so auch bei den Unternehmensinsolvenzen. Obwohl die Corona-Pandemie die größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat, wird 2020 als jenes Jahr in die heimischen Annalen eingehen, das bei der Zahl der Pleitefälle mit einem Minus von 40 Prozent den deutlichsten Rückgang seit langem brachte. Aufgrund der staatlichen Hilfen kam es hochgerechnet zu gerade einmal etwas mehr als 3.000 Insolvenzen. Wie der Kreditschutzverband von 1870 (KSV) am Mittwoch weiter mitteilte, ist dies der niedrigste Wert seit drei Jahrzehnten.

Das mag jetzt auf den ersten Blick eine gute Nachricht sein, ist es aber nicht. KSV-Chef Ricardo-José Vybiral spricht von einer "dramatischen Insolvenzverschleppung". Das Problem: "Marode, mit Staatshilfen künstlich am Leben gehaltene Unternehmen bieten nun ihre Leistungen zu Dumpingpreisen an und reißen damit an sich gesunde Unternehmen mit in den Abgrund, da diese nun ebenfalls vergünstigt anbieten müssen", erklärt Vybiral. "Am Ende werden wir vermehrt Insolvenzen erleben, bei denen wegen fehlender werthaltiger Aktiva Sanierungen unmöglich werden."

"Wir müssen das retten, was rettenswert ist"

Vorerst reichen die staatlichen Corona-Hilfen noch bis in die erste Jahreshälfte 2021 hinein, was die Zahlungsunfähigkeit bei vielen Unternehmen hinauszögern dürfte. Doch die Stundungen von Fiskus und Gesundheitskassen etwa laufen mit Ende März aus (danach sind nur noch Ratenzahlungen unter bestimmten Voraussetzungen und für maximal drei Jahre möglich).

Sobald die Hilfen wegfallen, ist in weiterer Folge eine Pleitewelle absehbar, die nach Einschätzung Vybirals ab Mitte 2021 beginnen dürfte zu rollen. "Da wird sich dann der Stau, der sich vorher über Monate aufgebaut hat, auflösen." Unter dem Strich geht Vybiral für 2021 von circa 5000 Firmenpleiten aus. Gegenüber dem Normaljahr 2019 wäre dies ein Anstieg um 20 bis 25 Prozent.

Aus Sicht Vybirals waren die staatlichen Hilfen zunächst zwar "wichtig, um die heimische Wirtschaft nicht in den Abgrund stürzen zu lassen". Doch jetzt müsse man dem Gießkannenprinzip den Rücken kehren, indem man Hilfen viel gezielter einsetze und nur jenen Unternehmen gewähre, die nicht schon vor der Krise nicht mehr lebensfähig waren. "Der Staat ist hier gefordert, differenzierter vorzugehen", betont Vybiral im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Wir müssen das retten, was rettenswert ist."

Klein- und Kleinstfirmen wird es wohl "stärker treffen"

Gleichzeitig empfiehlt der KSV-Chef "allen Unternehmen, die in Schieflage geraten sind und ihre Liquidität nicht mehr sichern können, selbst rechtzeitig Insolvenz anzumelden und so in ein Sanierungsverfahren zu gehen". Im Fall einer positiven Fortbestandsprognose sei es einem Unternehmen nach den Bestimmungen des Insolvenzrechts möglich, sich binnen zwei Jahren um bis zu 80 Prozent zu entschulden, wie Vybiral zu bedenken gibt. Immerhin komme es bei nahezu einem Drittel der Insolvenzfälle in Österreich zu einer erfolgreichen Sanierung.

Vybiral glaubt vor allem, dass die bevorstehende Pleitewelle Klein- und Kleinstfirmen "stärker treffen" wird. Diese hätten Eigenkapitalquoten, die sich lediglich im einstelligen Prozentbereich bewegten und damit sehr gering seien. Für mittelständische und große Betriebe ist Vybiral wesentlich zuversichtlicher. Diese hätten ihre Eigenkapitalquoten allein in den vergangenen drei Jahren im Schnitt um jeweils knapp zwei Prozenpunkte auf 52 Prozent verbessert - auf einen Wert, der unter Wirtschaftsexperten als komfortabler Polster gilt, um die Krise aussitzen zu können.

Dass der Mittelstand und die Großen relativ gut dastehen, ist auch der Grund, warum Vybiral nicht annimmt, dass die vermehrten Firmenpleiten eine Bankenkrise im Land auslösen könnten. Zudem seien die Banken selbst "kapitalmäßig gut aufgestellt".

Weniger Privatpersonen von Insolvenz betroffen

Trotz Corona war heuer auch die Zahl der Privatkonkurse rückläufig, laut KSV schrumpfte sie um 23 Prozent auf 7.411 Fälle. Wie Vybiral erklärt, hat das jedoch andere Gründe: "In Zeiten, in denen es der Wirtschaft nicht so gut geht, steigen vor allem deshalb die Privatpleiten nicht, weil Konsumenten im Umgang mit ihrem Geld vorsichtiger sind. Mehr private Verschuldung kommt eher in Zeiten vor, in denen es uns besser geht."