Die Coronakrise hat die Belastungen für Menschen mit prekärer Arbeit noch zusätzlich verschärft. Sie werden häufiger arbeitslos und meistens nicht von den sozialen Sicherungsnetzen aufgefangen, so Bettina Haidinger von der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) und Johanna Neuhauser, Soziologin an der Universität Wien, am Donnerstag bei einer Online-Veranstaltung von "Diskurs. Das Wissenschaftsnetz". Besonders betroffen sind oft Migrantinnen und Migranten.

Die Definition, was prekäre Arbeit ist, wird anhand mehrerer Kriterien getroffen. Dazu gehören unterdurchschnittliche Entlohnung, mangelnde soziale Absicherung, hohe Flexibilität, wenig bis kein Arbeitnehmerschutz und allgemein schwierige Arbeitsbedingungen. Klassische Beispiele sind etwa "Scheinselbstständige", die oft für Subunternehmen oder andere Scheinselbstständige arbeiten, die wiederum von großen Unternehmen abhängig sind, etwa Zusteller und Lieferdienste. So gebe es etwa bei Amazon in Österreich gar keine beim Konzern angestellten Fahrer, sondern es werde mit Frächtern, Subfrächtern und selbstständigen Fahrern gearbeitet. "Hier gelten weder Mindestlohn noch Höchstarbeitszeit", so Haidinger. Die Arbeitenden würden per Paket bezahlt, das sei für die Unternehmen kostensparend und Auftragsschwankungen müssten von den Fahrern aufgefangen werden.

Eine andere Form von prekärer Arbeit laufe oft über digitale Plattformen. So seien bei der Essenszustellung von Mjam 90 Prozent der dort tätigen freien Dienstnehmern. Diese erhielten im Krankheitsfall zum Beispiel kein Krankengeld. Auf die Corona-Kurzarbeit, die mit mittlerweile mit über 8 Milliarden Euro gefördert wurde, haben prekär Beschäftigte meistens gar keinen Anspruch.

Kritik an Arbeitsbedingungen im Handel

Aber auch im Handel seien die Beschäftigten in der Corona-Pandemie besonders exponiert. Mit im Schnitt 18.700 Euro Jahresverdienst und einem kollektivvertraglichen Mindestlohn von unter 10 Euro pro Stunde gehörten viele zu den gering bezahlten Beschäftigten in Österreich. Trotz viel verbalen Lobs und einzelnen Corona-Prämien sei es etwa bisher nicht gelungen, eine Maskenpause für die Beschäftigten durchzusetzen, so Haidinger.

Prekär Beschäftigte waren schon vor der Covid-19-Krise stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als andere. Sie wurden im Schnitt um 25 Prozent schlechter entlohnt und weniger von etablierten und neuen sozialen Sicherungsnetzen aufgefangen. Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind eher in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu finden als andere. Migrantinnen etwa sind in der Reinigungsbranche überrepräsentiert, wo wiederum der Anteil von geringfügig Beschäftigten oder Leiharbeitern besonders hoch ist. Leiharbeiter verlieren in Krisensituationen oftmals als erste ihren Job. Das bestätigte sich auch in der Covid-19-Krise. Nur in manchen Branchen, z.B. den Postverteilungszentren, gab es eine erhöhte Nachfrage.

Gesellschaftliche Bedeutung und mangelnde Anerkennung

Die gesellschaftliche Bedeutung der Arbeit von Migrantinnen und Migranten stehe im Widerspruch zur mangelnden Anerkennung ihrer Arbeit, kritisierte Neuhauser. Die Beschäftigung von Menschen mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft habe in den letzten Jahren in Österreich zugenommen. 2019 betrug ihr Anteil an den unselbstständig Beschäftigten 21 Prozent. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Coronakrise habe die Migranten stärker getroffen als die Österreicher, da viele in den Branchen Beherbergung und Gastronomie beschäftigt waren. Auch die Grenzschließungen bzw. die Reisebestimmungen hätten die Lage für die Migranten am Arbeitsmarkt erschwert.

"Migrantinnen haben häufig instabile Beschäftigungsbedingungen, sie sind überdurchschnittlich von der Krise betroffen", konstatierte Neuhauser. Auch das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, sei für Migranten deutlich höher, schon weil sie weniger häufig Homeoffice machen könnten. "Es gibt einen Zusammenhang zwischen prekärer Arbeit und Gesundheitsrisiken. Die Krise hat dies lediglich verschärft." Mit dem teilweisen Ausbleiben ausländischer Beschäftigter würden aber auch Österreicher diese Arbeiten nicht übernehmen, etwa als Erntehelfer, da diese Arbeit sehr gering bezahlt und oft mit extremen Arbeitsbedingungen verbunden sei. Wenn sich Migrantinnen selber organisieren, etwa die 24-Stunden-Pflegerinnen aus Rumänien, bedeute dies oft für sie noch eine Zusatzbelastung, da sie dies ehrenamtlich tun müssten.(apa)