Zu sagen, Digitalisierung in der Landwirtschaft sei ein vielversprechender Markt, wäre wohl untertrieben. Die Landwirtschaft ist einer der Sektoren der Wirtschaft, in denen die Digitalisierung am Weitesten fortgeschritten ist. Kaum ein Landwirt kommt heute ohne irgendeine Form des elektronischen Farmmanagements aus, und sei es auch nur, um die Einhaltung von Vorgaben zu dokumentieren. Moderne Traktoren enthalten längst ähnlich viel Hightech wie ein Auto.

Auf 240 Milliarden US-Dollar hat die Investmentbank Goldman Sachs den Markt 2017 geschätzt. Der Agrar- und Lebensmittelsektor gehört auch zu den attraktivsten Investments für Risikokapital weltweit. 19,8 Milliarden US-Dollar wurden 2019 laut AgFunder, einem Risikokapitalgeber, der auf Landwirtschaft spezialisiert ist, in Agrar-Startups und neue Agrar-Technologien sowie Innovationen im Lebensmittelsektor investiert. 2012 war dieser Markt erst gut drei Milliarden Dollar schwer.

Die Geldflüsse sind ein Indiz dafür, wie die Zukunft der Landwirtschaft aussehen könnte: Es ist eine datenbasierte Landwirtschaft. Sie hat das Potenzial, gänzlich auf den Kopf zu stellen, was bäuerliches Arbeiten und Leben bedeutet.

Wer die Daten hat, hat die Macht

Heinrich Prankl hat vor einigen Jahren beschlossen, dass die österreichische Landwirtschaft sich von der Entwicklung nicht überrennen lassen darf, sondern sie vielmehr mitgestalten sollte. Zumindest ist das der Plan. Prankl ist der Leiter der Forschung und Entwicklung am Francisco-Josephinum Wieselburg, einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten, Ausbildungs- und Forschungsstätte für Agrartechnik in Österreich. Gemeinsam mit Partnern aus der Industrie, etwa den Herstellern von Traktoren, arbeitet Josephinum Research an Innovationen; die HBLA bildet die zukünftigen Landwirte aus. Wer in Österreich einen Bachelor in Agrartechnologie machen will, kann das nur hier.

Unter anderem Heinrich Prankl ist es zu verdanken, dass Österreich inzwischen eine Plattform "Digitalisierung in der Landwirtschaft" und drei so genannte "Innovation Farms" hat, auf denen anwendungsorientiert und praxisnah neue digitale Technologien für Feld, Wiese und Stall getestet und optimiert werden sollen. Die Standorte sind Wieselburg (Ackerbau und Grünland), Raumberg-Gumpenstein (Tierhaltung) und Mold (Ackerbau). Rund zwanzig Pilotbetriebe sind Teil des Programms, für das für den Zeitraum von drei Jahren knapp zwei Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Blick aus der Fahrerkabine eines großen Fahrzeugs. Man sieht die Außenspiegel fast nicht, weil vier Bildschirme die Sicht aus den Fenstern verdecken. - © Heidrun Henke
Bald werden Traktoren wie dieser vermutlich serienmäßig ohne Fahrerkabine und ohne Bildschirme auskommen und als autonome Maschinen die Felder bewirtschaften. - © Heidrun Henke

Das Geld kommt von der EU sowie aus Bundes- und Ländermitteln. "Ich will, dass in Österreich gute Produkt-Entwicklungen stattfinden", sagt Prankl. "Es ist ja nicht so, dass wir in Österreich keine Ideen haben, nur denken wir nie daran, dass daraus vielleicht ein Geschäftsmodell werden könnte."

Die Innovation Farm soll das ändern und dafür sorgen, dass die Produktionsmittel der Gegenwart, die Daten, beim Landwirt bleiben und nicht etwa nur zu den Herstellern der Landmaschinen wandern: "Die Hersteller wissen, wann der Mähdrescher wo auf der Fläche fährt, sie zeichnen die Erträge auf. Große Firmen haben Zugriff auf große Datenmengen und arbeiten damit. Wir haben vielleicht nicht so viele Daten, aber wir müssen die, die wir haben, nutzen", sagt Markus Gansberger, Projektleiter der Innovation Farm. "Wenn wir das nicht tun, werden wir getrieben von der Industrie."

Die "Industrie", das sind in dem Fall vor allem die großen Agrochemie- und Landmaschinen-Konzerne, die in den letzten beiden Jahrzehnten durch Fusionen entstanden sind. Die Fusionen haben einen sehr konzentrierten Markt geschaffen, wobei die marktbeherrschenden Player wie etwa Bayer-Monsanto (Saatgut und Pestizide), oder John Deere (Landmaschinen) nun auch als IT-Konzerne zu einander in Konkurrenz stehen. Auch Google, Amazon oder der chinesische Technologie-Konzern Tencent gehören zu den neuen Machtfaktoren im Agrarsektor. Wird also "Big Tech" bald von der Aussaat bis zur Ernte die Landwirtschaft beherrschen?

Evolutionäre Verdrängung?

Für den Agrarökonomen Franz Sinabell, der in Österreich am Wifo forscht, entspräche dies vielleicht der erwartbaren Evolution gesellschaftlicher Arbeitsteilung: "In den 1960er Jahren kam das von Spezialisten erzeugte Saatgut, und jetzt ist es so, dass die IT, die irgendwo in Deutschland oder in St. Pölten oder in Silicon Valley programmiert wird, die Landwirte in ihrer Entscheidung unterstützt bzw. die Produktionsprozesse steuert. Das wird wahrscheinlich so weitergehen."

Sinabell rechnet damit, dass die Technologien über kurz oder lang auch für die kleinstrukturierte Landwirtschaft leistbar werden. Ein neuralgischer Punkt des sogenannten Precision-Farmings ist nämlich die im globalen Vergleich geringe Größe österreichischer Betriebe. Für gezielte Düngung und Pflanzenschutz werden besonders detaillierte Daten benötigt, die nur mit relativ teurer Sensortechnologie, Drohnen, Satelliten und weiterer Hard- und Software erhoben werden können - für den durchschnittlichen österreichischen Bauernhof mit 19,8 Hektar lohnen sich die Investitionen nicht.

 

Ein aufklappter schwarzer Laptop zeigt eine Karte mit landwirtschaftlich genutzten Flächen und eine Ortschaft. - © Heidrun Henke
Satelliten- und Sensordaten geben detalliert Aufschluss über Mengen eingesetzter Düngemittel, Herbizide, Pestizide, Erträge usw. Zum ersten Mal ist es möglich, solche Daten kontinuierlich über lange Zeiträume lückenlos bis auf den letzten Quadratmillimeter zu erfassen. Der Löwenanteil der Auswertung und Nutzung der Daten passiert nicht beim Landwirt selbst. - © Heidrun Henke

"Wir müssen Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen", sagt Heinrich Prankl. Er sieht Chancen, wenn sich etwa Betriebe nach dem Vorbild des genossenschaftlichen Maschinenrings gemeinsam die High-Tech-Maschinen leisten.

Auch da bleibt allerdings die Frage offen, wer die dabei zwangsläufig erhobenen Daten eigentlich nutzen darf. Diese Datenfrage ist EU-weit noch ein Desiderat. Von der mangelnden Regulation profitieren derzeit vor allem die Unternehmen, die das Precision Farming vorantreiben: Agrochemie-Produzenten und Maschinenhersteller.

Die Idee des Precision Farming ist eigentlich, Dünger und Pestizide nur dort, und nur dort, zu verteilen, wo sie auch gebraucht werden. Diese sogenannte Teilflächenbewirtschaftung ist als Antwort auf die immer größeren Herausforderungen des Klimawandels gedacht und wohl auch eine Reaktion auf ausgelaugte Böden und die zunehmende Unwirksamkeit von Pestiziden und Herbiziden aufgrund von Resistenzen. "Uns macht das stutzig", sagt Franziskus Forster, Sprecher der österreichischen Vereinigung der Klein- und Bergbauern (ÖBV), Teil von La Via Campesina, einem weltweiten Zusammenschluss von Kleinbauern. "Diese Ansätze kommen eigentlich immer aus Bereichen, die den Betrieben vor- oder nachgelagert sind."

Die Verschiebung der Wertschöpfung weg von der Urproduktion ist nicht sein einziger Kritikpunkt: "Gerade im Hinblick auf Kunstdünger oder Pestizide ist eine bloße Optimierung des Falschen genau der falsche Weg", sagt er. Die Digitalisierung der Landwirtschaft müsste sich aus seiner Sicht eigentlich an dem messen lassen, was sie für eine agrarökologische Wende leiste. Und diesen Beweis ist sie aus seiner Sicht bislang schuldig geblieben.