Österreich muss einen Spagat schaffen. Zum einen sollen saubere Elektroautos auf die Straße, zum anderen hängen zigtausende Jobs direkt oder indirekt an der Automobilbranche. Und diese ist nun einmal auf den Verbrennungsmotor ausgerichtet. Die Automobilindustrie gilt als zweitwichtigste Exportbranche Österreichs. Rund 900 Betriebe sind laut Wirtschaftskammer zur Gänze oder teilweise in der Automobil-Zulieferindustrie tätig. Wichtigster Handelspartner ist Deutschland. Gleichzeitig ist der Verkehr das Sorgenkind bei den heimischen Treibhausgas-Emissionen, ein Drittel des CO2-Ausstoßes geht auf sein Konto.

Der Umstieg vom Verbrennungsmotor auf den Elektroantrieb stellt Gesellschaft und Wirtschaft vor große Herausforderungen. Denn die Mobilitätswende bedeutet nicht nur mehr E-Autos auf den Straßen, sondern auch eine Umstellung der Produktion bei den heimischen Unternehmen. Der Wandel muss also gelingen, ohne dass zu viele Arbeitsplätze verloren gehen.

Heimische Zulieferer gut aufgestellt

Genau das Gegenteil soll offenbar eintreten: Die Elektromobilität soll tausende neue Arbeitsplätze schaffen, so der Kern einer am Donnerstag präsentierten Studie von Fraunhofer Austria, TU Wien und Smart Mobility Power. Demnach gibt es im Bereich der Elektromobilität ein zusätzliches Beschäftigungspotenzial von 21 Prozent. Derzeit sind rund 34.400 Personen in der Automobil-Herstellung beschäftigt. Bis 2030 sollen es 42.000 sein. Bei der Berechnung wurden die Rückgänge bei konventionellen Antrieben bereits berücksichtigt.

Die Fertigung von Elektrofahrzeugen ist deutlich weniger komplex als bei konventionellen Fahrzeugen. Es gibt ein Drittel weniger Teile, die Montage ist einfacher, und es braucht weniger Personal.

Dass durch die Umstellung dennoch keine heimischen Arbeitsplätze vernichtet werden, hat einen Grund: "Die österreichischen Zulieferer sind in Sektoren aktiv, die durch den Wandel der Mobilität weniger betroffen sind", sagt Wilfried Sihn, Geschäftsführer von Fraunhofer Austria und Mitautor der Studie. Er gibt aber zu bedenken: "Das wird kein Selbstläufer sein. Wir müssen die Industrie und die vielen KMU (kleine und mittlere Unternehmen, Anm.) unterstützen."

Sihn erzählt von Gesprächen mit Unternehmen, die nicht wüssten, wie sie jetzt reagieren sollen. Beim Fachkräftemangel bestehe massiver Handlungsbedarf, sagt Sihn.

Die Elektromobilität soll die Wirtschaft laut Studie kräftig ankurbeln. Das Wertschöpfungspotenzial bis 2030 soll um 19 Prozent oder 645 Millionen Euro steigen. Das würde vier Milliarden Euro jährlicher heimischer Wertschöpfung bedeuten. "E-Mobilität wird in Österreich stark an Bedeutung gewinnen", sagt Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) bei der Vorstellung der Studie. Sie verweist auf den Rekord bei den Neuzulassungen von Elektroautos. 2020 wurden rund 16.000 rein elektrisch betriebene Autos zugelassen. Damit lag der Anteil bei 6,4 Prozent. 60 Prozent der Neuzulassungen bei Elektroautos entfallen auf Betriebe.

Ladeinfrastruktur muss massiv ausgebaut werden

Die größten Potenziale für heimische Unternehmen sieht Gewessler bei der elektrischen Ausrüstung, EDV, elektronischen und optischen Erzeugnissen und der Ladeinfrastruktur.

Letzteres ist ein kritischer Faktor für die Mobilitätswende. In die Infrastruktur muss massiv investiert werden. Denn viele Menschen haben Bedenken bei der Verfügbarkeit von Ladestationen. Für konventionelle Autos hingegen gibt es ein gut ausgebautes Tankstellennetz. Auch die Reichweite von E-Autos schreckt noch viele Käufer ab. Laut Gewessler gibt es im Schnitt alle 100 Kilometer eine Ladestation. Sie streicht die Förderungen für Ladestationen heraus, die es unabhängig von der E-Auto-Förderung (5.000 Euro für Autos mit reinem Elektroantrieb) gibt.

Für Heimladestationen in Mehrparteienhäusern beträgt die Förderung 1.800 Euro. Doch oft gebe es noch rechtliche Probleme. Deswegen arbeitet Gewessler mit Justizministerin Alma Zadic (Grüne) an einem "Right to plug"-Entwurf, der bald präsentiert werden soll. Damit soll der Einbau von Ladestationen in Mehrparteienhäusern mit Eigentumswohnungen erleichtert werden.

Wächst die Infrastruktur für E-Mobilität, können laut Studie noch einmal etwa 1.000 zusätzliche Jobs entstehen. Als Wertschöpfungspotenzial würden sich ab 2030 weitere rund 120 Millionen Euro pro Jahr ergeben.

Strom für die Elektromobilität gebe es genug, versichert die Klimaschutzministerin. "Selbst wenn alle fünf Millionen Pkw in Österreich E-Autos wären, wäre der Stromverbrauch nur 15 Prozent höher."