Das illegale Geschäft boomt. Seit Beginn der Pandemie lässt sich ein starker Anstieg von Betrugsversuchen mit geschmuggelten und gefälschten Arzneimitteln feststellen, berichtet die Österreichische Apothekerkammer. Ihr Vizepräsident, Raimund Podroschko, im Gespräch über dubiose Angebote, rezeptpflichtige Malariamittel und labile Impfstoffe:

"Wiener Zeitung": Herr Podroschko, die Apothekerkammer hat zuletzt vor dem Erwerb von vermeintlichen Corona-Impfstoffen im Internet gewarnt. Gibt es einen Anlass?

Raimund Podroschko: Wir bekommen immer wieder Meldungen herein, dass man Corona-Impfstoffe im Internet beziehen kann. Das ist aber auch nichts Neues. Die Nervosität der Menschen wird ausgenutzt.

Nichts Neues? Was meinen Sie?

Raimund Podroschko ist seit 2012 Vizepräsident in der Österreichischen Apothekerkammer und Obmann der Abteilung Angestellter Apotheker (ÖAK). Weiters ist er Hauptzuständiger für die Arzneimittelfälschungsrichtlinie und für Sicherheitscheck und Medikationsanalyse.  - © VAAÖ
Raimund Podroschko ist seit 2012 Vizepräsident in der Österreichischen Apothekerkammer und Obmann der Abteilung Angestellter Apotheker (ÖAK). Weiters ist er Hauptzuständiger für die Arzneimittelfälschungsrichtlinie und für Sicherheitscheck und Medikationsanalyse.  - © VAAÖ

Am 13. März 2020 wurde der Lockdown verkündet, Masken und Tests waren schnell ausverkauft. Gleichzeitig kamen die Angebote. War aber alles unseriös.

Wer nahm mit Ihnen Kontakt auf?

Es ging an alle Apotheken. Wir wurden per Email kontaktiert. In allen Variationen, die man sich vorstellen kann. Zumeist von Algorithmus gesteuerten Computern. Abgesehen davon werden im Darknet alle möglichen Impfstoffe angeboten, auch jenseits von Corona.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Etwa im Bereich Bodybuilding. Die Palette reicht von Insulin bis Somatotropin. Es wird angeboten, einfach, weil es die Leute haben wollen.

Zurück zu Corona: Die meisten Impfstoffe, die im Internet angeboten werden, sind Fälschungen. Warum suchen viele Menschen trotzdem danach im Internet?

Die Menschen haben keine Vorstellung, wie gefährlich das ist. Doch sie werden angespornt, etwa von Menschen, die behaupten, dass legale Corona-Impfstoffe ohnehin nicht funktionieren und alles ein Schmäh ist. In Wahrheit würden andere Medikamente helfen, behaupten sie.

Welche Medikamente sollen angeblich gegen Corona helfen?

Am Anfang war Chloroquin. Der damalige US-Präsident Donald Trump twitterte, dass dieses Mittel super wirkt. Darauf kamen eine Menge Menschen zu uns in die Apotheke und wollten Chloroquin kaufen. Ich habe Ihnen gesagt: Tut mir leid, das ist rezeptpflichtig und außerdem ein Malariamittel. Das wird nicht alle überzeugt haben, manche werden es sich dann im Darknet besorgt haben. Die Wirkung ist allerdings null.

Was kam nach Chloroquin?

Der letzte Schrei ist Ivermectin, ein Mittel, das gegen die Krätze verwendet wird. Das wirkt, dann brauch ich mich nicht impfen lassen, heißt es. Aber das ist der nächste Blödsinn. Ivermectin wurde nur im Labor getestet, mehr weiß man noch nicht.

Es ist erstaunlich, dass so viele Menschen darauf hereinfallen.

Ja, natürlich. Wir haben immer geschaut, was Trump für Tweets abgibt, oder ein anderer von diesen Lustigen, und dementsprechend konnten wir uns vorbereiten, was sich die Kunden als Nächstes in der Apotheke wünschen. Trump twitterte und die Leute kamen in die Apotheke.

Der derzeit zugelassene Impfstoff Biontech-Pfizer muss bei Minus 70 Grad gelagert werden. Wie wahrscheinlich ist ein Verkauf, abseits von staatlichen Stellen?

Der Biontech-Impfstoff ist sehr labil, die Dosen können bei minus 70 Grad für maximal sechs Monate gelagert werden. Nach der Lagerung kommen die Dosen in einen Versandbehälter, da ist es auch noch sehr kalt. Dann noch in einen Kühlschrank, da beginnt der Countdown aber schon zu laufen. Der Impfstoff hält dann nur noch fünf Tage, befindet sich aber noch in Rohform. Denn am Schluss muss der Arzt mit einer Kochsalzlösung den Impfstoff herstellen. Das Ganze muss komplett steril ablaufen. Der Impfstoff darf auch nicht geschüttelt werden, sonst ist er kaputt. Also eine Bestellung im Internet mit Lieferung durch DHL oder der Post ist eher keine gute Idee.

Der größte Impfhersteller der Welt, das indische Serum Institute, hat angekündigt, dass sie auch für den privaten Markt Impfstoffe produzieren werden. Könnte damit das Darknet überflutet werden?

An Impfstoffen wie Biontech-Pfizer, das gerade in Österreich verimpft wird, wurde seit Februar 2020 gearbeitet. Seit Juni gab es Tests an rund 60.000 Menschen. Ich verstehe nicht, wie man da noch skeptisch sein kann, was die Wirkung betrifft. Vor allem im Vergleich zu einem Tweet oder irgendwelchen Internetangeboten. In Österreich sind die Kontrollen für den Impfstoff so stark, da können Sie sicher sein, dass es passt. Da brauchen wir keine indischen Impfstoffe oder dergleichen.

Bis man geimpft wird, kann es aber noch dauern. Manche Menschen wollen nicht warten, bis sie an der Reihe sind. Hätte man die Verteilung der Impfstoffe schneller organisieren können?

Es sind einfach zu wenig Impfstoffe da. Aber auf die Verantwortlichen hinzuzeigen, ist leicht. Die sind ja auch zum ersten Mal in so einer Situation. Die Regierung wird das schon zusammenbringen, dass alle geimpft werden. Es ist jetzt wichtig, dass wir uns diese nächsten zwei elenden Monate zusammenreißen. Klar, es ist fürchterlich, man will seine Freunde sehen usw, aber wir müssen durchhalten und dann passt es. Das Ganze ist im Sommer vorbei und alles ist gut.