"Die 4. industrielle Revolution ist in vollem Gange", sagt Matthias Rumpf. "Die Abonnements für Hochgeschwindigkeitsinternet steigen, die Zahl der Industrieroboter wächst, die Zahl der KI-Patente und -Produkte wächst", erklärt der stellvertretende Leiter des OECD Berlin Centre.

Im Online-Vortrag "Digitalisierung nach Corona - Zwischen Zukunftsangst und Technologieoptimismus" präsentierte der studierte Politikwissenschafter und Ökonom aktuelle Forschungsergebnisse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Automatisierung stößt an Grenzen

Die OECD bestätigt bekannte Studien in dem Punkt, welche Jobs automatisiert werden und welche (noch) nicht. So stößt die Automatisierung in Bereichen, wo soziale und kreative Intelligenz erforderlich ist, wie etwa in der Beratung, Erziehung, Pflege und Kunst, und im Bereich Wahrnehmung und Feinmotorik, also Handwerk, an Grenzen. Die Automatisierung von Bürotätigkeiten sei bald Realität, sagt Rumpf. Bisher war diese zu komplex für Computer, doch Recherchen im Rechtsbereich (Texterkennung), die heute noch Menschen mit einem Studium erfordern, könnten bald von Maschinen abgelöst werden.

Auf der anderen Seite steige die Vernetzung der Produktion und Produktionsabläufe. Firmen arbeiten vernetzt, große Datenmengen werden gesammelt und ausgetauscht - so könne die Produktion präziser an die Marktbedürfnisse gesteuert werden, so Rumpf. Medizintherapien können künftig auch stärker personalisierbar werden, maßgeschneiderte Versicherungsprodukte und Kredite geschaffen sowie die Rekrutierung von Mitarbeitern optimiert werden. Das sei angesichts der Datensicherheit ein zweischneidiges Schwert, gibt Rumpf zu bedenken. Zum anderen entstehen durch Big Data komplett neue Geschäftsmodelle. Facebook, Google und Co sind hier nur die größten und prominentesten Beispiele am Markt.

"Der Automatisierungsdruck ist aber nicht in allen Ländern gleich", sagt Rumpf. So bestehe laut OECD-Daten in Österreich für 15 Prozent der Arbeitsplätze ein sehr hohes Risiko der Automatisierung. Etwas mehr als 40 Prozent der Jobs stehe eine starke Veränderung bevor. Österreich liegt damit im Mittelfeld.

Das bedeutet für den Arbeitsmarkt eine Polarisierung, die sich in den vergangenen Jahren bereits abgezeichnet hat. Der Anteil der hochqualifizierten und gering qualifizierten Arbeitnehmer hat seit 1995 auch in Österreich stetig zugenommen, die Zahl der mittel qualifizierten hingegen stark abgenommen. Doch die technische Automatisierung sei nur ein Faktor hinter den Arbeitsmarkteffekten von Digitalisierung. Laut Rumpf spielen technische Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit, neue Geschäftsmodelle, die internationale Arbeitsteilung und die globale Nachfrage ebenso hinein.

Digitalisierung und Corona verstärken Ungleichheit

Doch was hat sich mit der Corona-Krise verändert? "Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas auf bestehende Defizite", sagt Rumpf. Schulen waren schlecht auf digitales Lernen vorbereitet, bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung gebe es große Defizite. Andererseits schaffe die Krise auch neue Dynamiken. So gebe es eine größere Bereitschaft zu Homeoffice und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Geschäftsreisen werden wohl dauerhaft reduziert, der Onlinehandel gewinnt gegenüber dem stationärem Handel, digitale Bildungs- und Weiterbildungsangebote setzen sich stärker durch, und es gebe einen Digitalisierungsschub in der öffentlichen Verwaltung.

Dies könne aber auch zu neuen Ungleichheiten führen, beziehungsweise bestehende verstärken, gibt Rumpf zu bedenken. Homeoffice funktioniere besser für Höherqualifizierte und könne zu einer Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen führen. Fernunterricht hänge außerdem von der digitalen Ausstattung und dem Bildungsstand der Eltern ab. Auch regional gebe es Ungleichheit: Das Potenzial für Homeoffice sei in allen Ländern regional ungleich verteilt, die großen Städte schneiden weit besser ab als ländliche Regionen. In Österreich gebe es in Wien etwa ein großes Potenzial für das Arbeiten von Zuhause, am wenigsten sei dies im Burgenland möglich.

Lebenslanges Lernen sei deshalb wichtig, um auf die Veränderungen am Arbeitsmarkt zu reagieren. Österreich ist bei der Teilnahme an Weiterbildungen etwas unterdurchschnittlich. Hier gebe es große Unterschiede zwischen den sozialen Zielgruppen. So bilden sich in Deutschland Hochqualifizierte häufiger weiter als gering Qualifizierte. Ebenso wird Weiterbildung unter Beschäftigten häufiger genutzt als bei Langzeitarbeitslosen sowie eher von jüngeren als älteren Menschen. "Weiterbildung muss inklusiver werden und das Bewusstsein für den Bedarf an Weiterbildung gestärkt werden", so Rumpf. Berufsberatung betreffe demnach nicht nur Schüler und Studierende oder Erwerbslose, sondern sollte in jeder Berufsphase angeboten und in Anspruch genommen werden, empfiehlt der Experte. Hier gebe es in der Stadt mehr Angebot als am Land, ebenso nehmen Hochqualifizierte dies mehr in Anspruch als gering Qualifizierte.

Die Anforderungen an die Regionalentwicklung ändere sich auch mit dem Homeoffice. Metropolen spielen als Wohnort immer weniger eine Rolle. Dies sei eine Möglichkeit der Regionen, um ihr Potenzial zu nutzen, um für diese Menschen Wohnraum anzubieten. Die bedeute letztlich auch, dass die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe in den Hintergrund rückt. Die Stärkung der Lebensqualität vor Ort rücke in den Fokus, so Rumpf. Dies könne nur fruchtbar sein, wenn die Vernetzung dieser Menschen, etwa mit Co-Working-Spaces am Land, gestärkt werde. Hier könne Digitalisierung eine Chance sein.