Firmenchef Rainer Seele läutet bei der OMV eine neue Ära ein. War der teilstaatliche Wiener Konzern geschäftlich bisher auf Öl und Gas fokussiert, soll sein wirtschaftlicher Schwerpunkt nach der großen Borealis-Akquisition im Vorjahr nun auf den Chemiebereich, die Produktion wiederverwertbarer Kunststoffe, verlagert werden. Vorzugsweise dort will der größte heimische Industriebetrieb fortan wachsen. "Wir machen eine Neuausrichtung - mit der Transformation zu einem Chemiekonzern", sagte Seele am Donnerstag bei der Präsentation der Jahresbilanz 2020.

Mit 1. April soll deshalb Alfred Stern, bisher Chef der neuen Tochter Borealis, in den fünfköpfigen OMV-Vorstand geholt werden. Der 56-jährige Manager soll dort für das gesamte Chemiegeschäft zuständig sein. Noch offen ist indes, wer Stern als Borealis-CEO nachfolgen wird.

"Die Welt hat sich gedreht", erklärte Seele zum Strategiewechsel im OMV-Konzern. "Wir gehen davon aus, dass die Elektrifizierung der Mobilität und des Transports greifen wird." Außerdem erwartet Seele, "dass auch andere Antriebe diesen Markt in Zukunft bestimmen werden". Dementsprechend sei eine "Konsolidierung im Raffineriegeschäft" absehbar, "und das global".

Vor diesem Hintergrund sieht sich der österreichische Konzernriese gezwungen, auch seine Ziele für die Öl- und Gasförderung deutlich hinunterzuschrauben. Hatte er bisher 600.000 Barrel Öläquivalent pro Tag als langfristiges Ziel im Visier, liegt die Latte jetzt bei 480.000 bis 500.000 Fass. Im vergangenen Jahr kam die OMV auf ein Fördervolumen von 463.000 Barrel im Tagesschnitt. Dies entsprach einem Rückgang um fünf Prozent gegenüber dem Jahr davor. Zum Grund sagte Seele: "Wir hatten keine Produktion in Libyen." In dem nordafrikanischen Land herrscht seit Jahren Bürgerkrieg, dortige Ölfirmen sind immer wieder mit Produktionsstillständen konfrontiert.

Zukäufe stehen bei Seele unterdessen nicht am Plan, aber weitere Verkäufe. Hat die OMV 2020 ihr Tankstellennetz in Deutschland und ihre Gaspipeline-Tochter Gas Connect in Summe für gut eine Milliarde Euro veräußert, will sie nun bis Jahresende auch die Tankstellen in Slowenien und das Düngemittelgeschäft der Borealis losschlagen. Mit seinem zweiten Verkaufspaket will der Konzern sein Geschäftsportfolio optimieren und weiter Schulden abbauen.

Nord Stream 2 - bitte warten

Informationen dazu, wann es mit dem Bau des letzten Abschnitts der politisch umstrittenen Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 weitergehen wird, hat Seele nach eigenem Bekunden keine. Die OMV ist an dem von Moskau und Berlin angestoßenen Großprojekt finanziell beteiligt. Seele sagte, dass es derzeit zwei Entwicklungen gebe. Zum einen deute sich zwischen Berlin und Washington ein Gespräch an, das könnte den Sanktionsdruck in der Folge verringern. Zum anderen nehme nun aber auch Frankreich eine kritischere Haltung zu dem Projekt ein. Doch auch hier hofft Seele auf eine Annäherung zwischen Paris und Berlin, wie er sagte.
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Das Corona-Jahr 2020 hat die OMV relativ gut überstanden, Verluste schrieb sie jedenfalls keine. Der niedrige Ölpreis - in Verbindung mit einer stark rückläufigen Nachfrage - machte ihr freilich zu schaffen. So brach ihr Umsatz um 29 Prozent auf 16,55 Milliarden Euro ein. Auch beim Gewinn musste die OMV deutliche Abstriche machen: Unterm Strich verdiente sie 2020 mit 1,478 Milliarden Euro um 31 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Dividende soll dennoch erhöht werden - von 1,75 auf 1,85 Euro je Aktie.

Die erste Hälfte des laufenden Jahres sieht Seele mit Blick auf die anhaltende Pandemie und die noch zaghafte Verteilung der Impfdosen konjunkturell noch immer "sehr herausfordernd". Die zweite Hälfte schätzt der OMV-Chef jedoch "deutlich positiver" ein.