Noch immer verläuft das Impfen schleppend, Liefermengen werden nicht eingehalten. Die Unmut über die EU und die Pharmakonzerne wächst. Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) will sich deshalb in Zukunft nicht mehr auf die EU verlassen und lieber mit Israel und Dänemark bei der Impfstoffproduktion zusammenarbeiten. Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) forciert eine heimische Impfstoffproduktion und die SPÖ fordert, Österreich müsse unabhängiger von der Impfstoffproduktion aus dem Ausland werden.

Die Politik sucht nach einfachen Antworten, doch wie so oft sieht die Realität anders aus. Denn die Produktion von Covid-19-Impfstoffen ist komplex. Sie werden nicht an einem Ort produziert, sondern durchlaufen verschiedene Stationen - meist in verschiedenen Staaten. Der Wirkstoff für den Pfizer-BioNTech- Impfstoff etwa wird in Deutschland produziert. Anschließend kommt er zu Polymun Scientific nach Klosterneuburg, wo er in Lipidnanopartikel "verpackt" wird. Danach wird er nach Belgien transportiert, wo er im Pfizer-Werk abgefüllt wird.

"Ich muss immer schmunzeln, wenn von ‚deutschen‘ oder ‚britischen‘ Impfstoffen die Rede ist", sagt Dietmar Katinger, Geschäftsführer von Polymun Scientific. "In Wirklichkeit wird sehr viel über Grenzen hinweg kooperiert", sagt er. Die Entwicklung der Lipide für die Lipidnanopartikel, die in Klosterneuburg hergestellt werden, kommt etwa aus Kanada. Medial werden Impfstoffe oft auf ein Land reduziert, sagt Katinger, die Pandemie sei aber ein globales Problem, die Lösungen dafür entstünden aber ebenfalls global.

Technologie-Transfer

Polymun Scientific mit seinen 95 Mitarbeitern beliefert derzeit drei Hersteller mit den Lipidnanopartikeln: Pfizer-BioNTech, CureVac und Arcturus Therapeutics (USA). "Die Technologie wurde ursprünglich nur bei uns durchgeführt", sagt Katinger. Im Zuge der Kooperation mit Pfizer-BioNTech wurde das entsprechende Know-how auch zu anderen Produktionsstätten transferiert, etwa zu Dermapharm oder zu Pfizer. "Damit konnte der Maßstab bei der Herstellung entscheidend vergrößert werden", sagt er.

Eine lokale Produktion von Impfstoffen, wie sie manche Politiker verlangen, lässt sich nicht von heute auf morgen verwirklichen. Der Aufbau einer neuen Produktionsstätte dauert fünf bis zehn Jahre. Bestehende Werke können hingegen in wenigen Monaten umgerüstet werden. Doch wie viel Kapazitäten für die Impfstoffherstellung gibt es in Österreich überhaupt? Für die Produktion von Covid-19-Impfstoffen kommen nur zwei heimische Standorte in Frage: Das Werk von Pfizer in Orth an der Donau (Niederösterreich) und jenes der Novartis-Generikatochter Sandoz in Kundl (Tirol).

Letzteres war bereits vor einigen Wochen im Gespräch. Sandoz beabsichtigt, die für einige Covid-19-Impfstoffe wichtige mRNA in Kundl herzustellen. Mit welchem Unternehmen kooperiert werden soll, steht noch nicht fest. Man sei global mit mehreren Unternehmen noch immer in Gesprächen, teilt eine Novartis-Sprecherin mit. Eine Kooperation mit Pfizer-BioNTech wäre zumindest naheliegend, schließlich produziert Novartis am Schweizer Standort Stein für die beiden Pharmaunternehmen.

Bei Pfizer in Orth an der Donau werden zwei Impfstoffe für den weltweiten Markt produziert: einer gegen FMSE und einer gegen Meningokokken. Das Werk einfach auf Covid-19-Impfstoffe umzurüsten, sei nicht möglich, sagt Renée Gallo-Daniel, Unternehmenssprecherin von Pfizer Österreich. "Die bestehende Technologie im Werk passt weder zu Vektor- noch zu mRNA-Impfstoffen." Außerdem werden die produzierten Dosen gebraucht. "Wir haben weltweit sehr viele FMSE- und Meningokokken-Fälle."