Rund um die Vorgänge beim österreichischen Schutzmaskenhersteller Hygiene Austria, der FFP2-Masken auch in China fertigen hat lassen, sind noch viele Fragen offen, unter anderem, ob die Politik zur Verantwortung gezogen werden soll. Konkurrenzunternehmen sehen eine Wettbewerbsverzerrung im lukrativen Millionenbusiness mit Masken.

Mitbewerber Aventrium: "Mit ehrlichen Preisen kalkuliert"

"Wir produzieren in Graz, haben mit ehrlichen Preisen kalkuliert und keinen einzigen Bundesauftrag bekommen. Wenn ich jetzt höre, dass hier mit China-Masken agiert wurde, bekomme ich einen Grant", wird Dominik Holzner vom Maskenhersteller Aventrium im "Kurier" zitiert.

Holzner, der in Graz seit August Schutzmasken produziert, sieht für sich in Österreich keine Geschäftschancen mehr, wie er im "Standard" sagt. Nicht mehr als 59 Cent durften die Masken kosten, so die Vorgaben an die Supermärkte. Um den sogenannten Selbstkostenpreis nicht zu sprengen, zahlten manche Handelskette aus eigener Tasche mit, schreibt die Zeitung. "Es ist schlicht unmöglich, zu diesen Preisen in Österreich zu produzieren", so Holzner.

Sein Betrieb Aventrium reduzierte daraufhin die Kapazitäten, baute einen Teil der Mitarbeiter ab und verlegte sich auf Exporte. Die Masken aus Graz finden nun in Südamerika, Afrika, Russland und Deutschland Absatz. Er erziele damit auch in Ländern wie Bosnien höhere Preise als in Österreich, so Holzner im "Standard". Bei Händlern wie Rewe und Spar, die im ersten Schwung bei ihm einkauften, sei Aventrium zwar noch gelistet, bestellt werde aber kaum noch.

Rewe zufolge sind die Masken aus Graz nur noch bei Bipa im Sortiment. Holzner, der 70 bis 80 Mitarbeiter zählt, schätzt seinen Marktanteil in Österreich derzeit auf gerade einmal ein Prozent ein. Er baue nun eine Maskenfertigung in Frankfurt auf - "Deutschland ist für uns interessanter. Ohne Exporte hätten wir in Österreich längst zusperren müssen."

Auch Großhändler schauten durch die Finger

Neben Holzner haben laut "Kurier" etwa 150 Großhandelsbetriebe durch die Finger geschaut, weil von einem Tag auf den anderen niemand mehr FFP2-Masken für über 59 Cent bestellen habe wollen. Einer ist auch Andreas Kerschbaumer vom Shop dieschutzmaske.at . "Kunden, die 50.000 Masken oder mehr bei uns bestellt hatten, wollten vom Vertrag zurücktreten. Man ist, was den Preis anbelangt, plötzlich als unglaubwürdig dagestanden". Der Lagerbestand musste dann unter dem Preis verkauft werden.

Prüfungen durch zwei Stellen

Laut Angaben des neuen Sprechers für die Hygiene Austria sind zwei Institute in die Prüfungen der FFP2-Masken involviert. Das CE-Kennzeichen, das auf die Masken aufgedruckt ist, sei für den Bauplan des Produkts erstellt worden und komme von einem ungarischen Institut. Das hatte auch das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen so festgestellt. Die Masken von Hygiene Austria tragen die Kennzeichnung CE 2233. Diese Zahlenkombination gehört der ungarischen Prüfstelle GÉPTESZT Termelőeszközöket Felülvizsgáló és Karbantartó Kft. mit Sitz in Budapest.

Weiters gebe es die Kontrolle durch das Schweizer Unternehmen SGS. Diese sei eine Qualitätskontrolle für die chinesische Produktion, sagte Vetter. Damit seien die Masken der Lieferung aus China geprüft worden, auf diese sei auch das ungarische CE-Zeichen gedruckt. Die Schweizer SGS-Gruppe habe in Österreich eine Zweigstelle. Hygiene Austria hatte schon am Mittwoch erklärt, Gutachten für die Masken lägen vor und würden der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt.

Qualitätsmäßig sei zwischen den chinesischen und österreichischen Masken kein Unterschied, so der Sprecher. "Das Problem ist das falsche Versprechen für diese Tranche" - nämlich das Versprechen "Made in Austria". Darauf angesprochen, dass die Hygiene Austria auf ihrer Homepage noch immer mit "Made in Austria" wirbt, sagte er dass nur mehr Masken österreichischer Produktion verkauft würden. Im Moment gingen aber keine Bestellungen ein. Der Faserhersteller Lenzing produziere keine Fasern für die Masken der Hygiene Austria, stellte Vetter klar.

Schwarzarbeit und Leiharbeiter

Bei der Maskenproduktion der Hygiene Austria sollen sehr schlechte Arbeitsbedingungen geherrscht haben. Die Masken aus China und aus der österreichischen Eigenproduktion sollen nach einem fixen Schlüssel gemischt worden sein, schreibt der "Standard" unter Berufung auf einen "Informanten" und auf Ermittler. Auch die Zeitarbeitsfirmen, von denen Leiharbeiter kamen, seien dubios gewesen. Hygiene Austria reagierte zunächst nicht auf die Anfrage der Zeitung wie auch der APA.

Laut "Informanten" des "Standard" habe es Schwarzarbeiter gegeben und Aufpasser, um Alarm zu schlagen, falls jemand kommt. Die Leiharbeiter seien von vier kleinen, frisch gegründeten Firmen mit schlechter Bonität und mit zugekauften gewerberechtlichen Geschäftsführern gekommen. Eine sei eine Scheinfirma, eine in Konkurs. Keine der Firmen habe sich einer Qualitätsprüfung unterzogen, keine erfülle die Voraussetzungen, um Mitglied im Verband der Personaldienstleister zu werden, sagte Verbandspräsident Martin Zieger laut "Standard".

Auf Fotos sei zu sehen, dass es in der Halle nicht hygienisch zugegangen sei. Handschuhe und Haarnetze seien nur bei PR-Terminen mit Politikern getragen worden. Laut Ermittlern seien auf 17 Masken aus China drei aus Österreich gekommen - das wären lediglich 15 Prozent "Made in Austria".

Kurz sieht keine politischen Verfehlungen

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sieht keine politischen Verfehlungen rund um Hygiene Austria. Kurz, der selbst einen Betriebsbesuch bei dem Joint-Venture von Lenzing und Palmers absolviert hatte, sagte am Freitag auf Journalistenfragen, ob auch er hinters Licht geführt worden sei: "Wenn es hier Betrug gibt, dann sind wir alle betrogen worden."

Hygiene Austria habe große private Kunden wie die Supermärkte in Österreich beliefert. Auch die Bundesbeschaffungsagentur habe bei der Firma eingekauft, das Bundeskanzleramt selbst aber nicht. Kurz sagte, er sehe daher keine Verantwortlichkeit der Politik, verlangte aber "volle Aufklärung".

Für die FPÖ ist die Causa ein Grund für einen politischen Wechsel. Parteichef Norbert Hofer bezeichnete am Freitag in einer Aussendung eine Neuwahl des Nationalrats "überfällig". (apa)