Wie bei jeder Wirtschaftskrise gibt es in der Bevölkerung auch diesmal gewisse Sorgen, dass die Inflation "ausufern" könnte und alles viel, viel teurer wird. Damit gehen Befürchtungen einher, dass dann Finanzvermögen und Kaufkraft erheblich beschnitten würden. Die Ängste ausgelöst hat die enorme Liquiditätszufuhr im Zuge der Corona-Hilfen von Staaten und Zentralbanken. Doch sind diese Ängste begründet? Droht tatsächlich eine große Inflation?

Um die Antwort vorwegzunehmen: Nein, mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit wird es galoppierende Preissteigerungen europaweit nicht geben. Eine bedrohliche Inflationsgefahr oder gar eine Hyperinflation ist etwa für Peter Brezinschek, den Chefanalysten der Raiffeisen Bank International (RBI), jedenfalls nicht in Sicht: "Wohl aber sind die Zeiten, in denen die Notenbanken von akuter Deflationsgefahr gesprochen haben, endgültig vorbei."

Gelassen zeigt sich auch Doris Ritzberger-Grünwald. Die Chefökonomin der Nationalbank (OeNB) schätzt die "Wahrscheinlichkeit, dass wir in den nächsten Jahren Inflationsraten von deutlich mehr als zwei Prozent sehen werden", als "sehr gering" ein. Auch die Volkswirtin Heike Lehner von der Wiener Denkfabrik Agenda Austria hält relativ hohe Teuerungsraten von "vier, fünf oder sechs Prozent", wie sie sagt, für "sehr unwahrscheinlich".

Preise steigen bereits

Brezinschek gibt freilich zu bedenken, dass eine große Inflation schon seit vielen Jahren bestehe - und zwar auf den Finanzmärkten. Dort seien die Preise für Anleihen und Aktien sehr stark angestiegen. Aber auch bei Immobilien hätten die Preise in den letzten zehn Jahren - zum Leidwesen vieler Wohnungssuchender - signifikante Anstiege verzeichnet.

"Nur bei den Güterpreisen war der Anstieg in den vergangenen beiden Jahrzehnten bescheiden", betont der RBI-Experte. Als Grund führt er die Globalisierung an, die für ein großes Warenangebot gesorgt habe, was "durch den Wettbewerb die Preise in vielen Bereichen stagnieren und in manchen technisch-elektronischen Sektoren sogar nach unten purzeln ließ". Damit seien die steigenden Dienstleistungspreise kompensiert worden und die Preissteigerungen des gesamten Warenkorbes moderat geblieben - im Durchschnitt der Eurozone sogar zumeist klar unter dem Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB), wie Brezinschek erklärt.

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Dass die Verbraucherpreise in der Eurozone, die bereits von minus 0,3 Prozent im Dezember auf plus 0,9 Prozent zu Jahresbeginn gestiegen sind, im Frühjahr und insbesondere ab den Sommermonaten im Jahresvergleich "gut und gerne über die Zwei-Prozent-Marke" klettern dürften, ist aus Sicht von Brezinschek "nicht sehr bedrohlich". Eine höhere Teuerungsrate in diesem Jahr sei gleichzusetzen mit einem "Aufholen der Preissenkungen des Vorjahres". Dies gelte vor allem für Energie und einzelne Güter, die aufgrund der Lockdowns zu Ausverkaufspreisen angeboten worden seien. Da diese Basiseffekte heuer auslaufen, dürfte sich der Trend 2022 wieder normalisieren. Laut Brezinschek sollte sich die Inflationsrate "dann wieder zwischen einem und zwei Prozent einpendeln".

Überall deutlicher Anstieg

Auch für Felix Düregger, leitender Asset-Manager in der Schoellerbank, spricht nach längerer deflationärer Phase derzeit vieles für eine Rückkehr zu normaler Inflation. "Während die Einbrüche in Österreich lockdownbedingt nicht so stark wahrnehmbar waren wie beispielsweise im gesamten Euroraum oder in den USA, kam es zuletzt überall zu einem deutlichen Anstieg der Inflation." Auch handelbare Inflationserwartungen (via Staatsanleihen oder Swaps) würden zeigen, dass der Markt mit signifikant höherer Inflation rechne. Düregger wertet dies aber als "positives Signal in Richtung Normalisierung nach der Krise".

Für steigende Preise sprechen nach seiner Einschätzung neben der lockeren Geldpolitik der Notenbanken und den Hilfspaketen der Staaten aber auch fundamentale Faktoren: "Globale Lieferketten sind in der Krise gerissen und werden künftig in vielen Bereichen regionaler aufgestellt sein." Zudem seien die Rohstoffpreise (Energie) stark angestiegen, hier würden in den kommenden Monaten Basiseffekte spürbar werden, wobei im Fall einer weiteren Konjunkturerholung mit weiteren Steigerungen zu rechnen sei.

Mittelfristig spricht laut Düregger aber noch die hohe Arbeitslosigkeit eher gegen ein Anhalten einer deutlich höheren Inflation: Das dafür notwendige Ingangsetzen der Lohn-Preis-Spirale ist für ihn aktuell nicht in Sicht. Düregger rechnet daher mit einer Normalisierung der Inflation im Bereich des EZB-Zieles (um die zwei Prozent) oder leicht darüber. "Wir gehen nicht von einem problematischen Anstieg oder gar einer Hyperinflation aus." In den USA seien auch etwas höhere Niveaus vorstellbar. Von den großen Notenbanken erwartet sich der Finanzexperte erste Zinsschritte "frühestens in zwei Jahren".

Hohe Sparquote

Anzeichen für einen mittelfristig steigenden Preisdruck sieht Konjunkturexpertin Ritzberger-Grünwald angebotsseitig in ersten Lieferengpässen und den deutlich höheren Frachtkosten und nachfrageseitig in der während der Corona-Pandemie stark gestiegenen Sparquote. In Österreich belief sich die Sparquote per Ende 2020 auf 18 Prozent, während sie in Normalzeiten nur rund 8 Prozent beträgt. Laut Ritzberger-Grünwald konzentriert sich dieser Anstieg vor allem auf einkommensstarke Haushalte. "Diese dürften den Anstieg vor allem als Vermögenszuwachs interpretieren und das Geld nicht bei der ersten Möglichkeit wieder ausgeben", meint die OeNB-Chefökonomin. "Darüber hinaus lassen die Rückkehr zur Normalität und damit auch die Konsum-Möglichkeiten noch auf sich warten."

Ihr Fazit: "Die Nachfrage nach bestimmten Produkten wird nicht explosionsartig anziehen, dementsprechend ist auch kein explosionsartiges Ansteigen der Preise zu erwarten." Vielmehr, so Ritzberger-Grünwald weiter, komme der Euroraum mit den von der EU-Kommission prognostizierten Inflationsraten von 1,4 Prozent für heuer und 1,3 Prozent für 2022 seinem Preisstabilitätsziel von nahe, aber unter 2 Prozent langsam näher.

Was aus Sicht der OeNB-Expertin ebenfalls gegen deutlich höhere Inflationsraten spricht, ist, dass in allen Industrieländern in den vergangenen Jahrzehnten Kräfte gewirkt hätten, die einen anhaltenden Abwärtsdruck auf die Inflation ausüben würden. Ritzberger-Grünwald verweist dabei vor allem auf den demografischen Wandel, den Rückgang des Produktivitätswachstums sowie die Auswirkungen der Globalisierung und Digitalisierung auf Preise, Gewinne und die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer. "Diese Kräfte werden auch nach der Überwindung der Corona-Pandemie am Werk sein und auch in Zukunft dämpfend auf die Inflation wirken", betont die Ökonomin.

Weiters gibt sie noch folgenden Aspekt zu bedenken: "Heute stehen reale kurz- und langfristige Zinssätze, die viel niedriger sind als noch vor einem Jahrzehnt, im Einklang mit niedrigen und stabilen Inflationsraten. Das heißt, wir gehen davon aus, dass der Strukturwandel, der sich in den letzten Jahrzehnten in der Wirtschaft vollzogen hat, zu einem deutlich niedrigeren Zinsniveau geführt hat."

Dem entsprechend müsse die Geldpolitik aktuell für ein niedrigeres Zinsniveau sorgen, um die Wirtschaft und damit die Inflation anzukurbeln, als noch vor einigen Jahrzehnten, erklärt Ritzberger-Grünwald. "Mit anderen Worten: Obwohl die gegenwärtige Geldpolitik für ein historisch niedriges Zinsniveau sorgt, ist sie nicht so expansiv, wie es auf den ersten Blick scheint, weil sich auch die Richtschnur, an der sie sich orientiert, nämlich der langfristig gleichgewichtige Realzins, nach unten bewegt hat."

Inflationsfaktor Pensionisten

Indes erwartet Raiffeisen-Experte Brezinschek, dass sich das längerfristige Bild bei der Inflationsentwicklung dennoch graduell ändern könnte. Als wichtigen Faktor führt er dabei vor allem den demografischen Wandel mit einem markanten Anstieg bei den Pensionisten an - unter Hinweis auf eine Publikation des britischen Ökonomen Charles Goodhart, in der dieser den Einfluss der globalen Alterung auf Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt sowie das Preisniveau beschrieben hat.

"Menschen im Arbeitsprozess sparen für die Zukunft an, Pensionisten geben ihre Ersparnisse aber aus, weil sie ihr Konsumniveau annähernd halten wollen", erklärt Brezinschek. "Da die Ersatzrate zwischen letztem Einkommen und Pensionsleistung auch in Hinkunft immer größer wird, nimmt der Entsparungsprozess immer mehr zu. Und da eine durchschnittlich ältere Bevölkerung auch mehr Dienstleistungs- als Güterkäufe tätigt, ändert sich der Warenkorb." Was hier nach Brezinscheks Ausführungen noch dazukommt: "Die Dienstleistungspreise steigen seit Jahren signifikant stärker als die Güterpreise." Lohnsteigerungen im Dienstleistungssektor können durch mangelnde Produktivitätsfortschritte nicht aufgefangen werden, wie etwa bei Autos, Handys oder Computern. "Da auch die Kosten für Gesundheit, Pflege, Wohnen, Bildung und persönliche Dienstleistungen zunehmen dürften, sind diese Komponenten des Verbraucherpreisindex nicht unwesentlich für die Gesamtrate der Inflation", folgert Brezinschek.

CO2-Verbrauch wird bepreist

Auch die zunehmende Indexierung von Leistungsverträgen (etwa Telekommunikation, Serviceleistungen, Mieten, administrierte Preise der öffentlichen Hand) wirken laut dem RBI-Chefanalysten "preiserhöhend". Außerdem sollten künftig die Bepreisungen von CO2-Verbrauch - wie seit Jahresbeginn in Deutschland - nicht vergessen werden. "Wenn Klimaschutzmaßnahmen einen lenkenden Effekt haben sollen, muss die Preissteigerung der betreffenden Waren signifikant sein", sagt Brezinschek. "Der preissenkende Globalisierungseffekt bei dauerhaften Gütern könnte damit insgesamt weniger Gewicht erhalten - auch weil das Arbeitskräftepotenzial in den großen Volkswirtschaften langsam abnimmt." Wenn somit die Löhne in den kommenden zehn Jahren tendenziell wieder etwas mehr ansteigen als in den vergangenen 20 Jahren, und dies nicht zu parallelen Produktivitätssteigerungen führt, so Brezinschek, "dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Teuerungsraten für den Warenkorb in den kommenden zehn Jahren spürbar höher ausfallen sollten".