Das Wetter ist nicht auf der Seite der Vorarlberger Gastronomen. Als am 15. März nach vier Monaten Lockdown die Lokale im westlichsten Bundesland wieder öffnen dürfen, schneit es bis ins Tal. Die Gastgärten bleiben großteils zu. In den Lokalen ist der Andrang dafür umso größer. Die wenigen Tische, die unter Einhaltung der Abstandsregeln aufgestellt werden dürfen, sind oft ausreserviert.

Ein wirkliches Geschäft ist die Öffnung trotzdem nicht, bestätigt Markus Nagele. Er betreibt die Braugaststätte Rösslepark am Rand der Feldkircher Altstadt. An guten Abenden hatte er vor der Corona-Pandemie 150 bis 200 Gäste, jetzt sind es maximal 80. Hinzu kommt die Sperrstunde um 20:00 Uhr. Derzeit macht man etwa 20 bis 30 Prozent des normalen Umsatzes. Trotzdem überwiegt die Freude. Das Bedürfnis, endlich wieder zu arbeiten, ist groß. Nagele hat schon zu Jahresbeginn neues Personal angeworben, das ihm dann aber durch den immer weiter verlängerten Lockdown teilweise wieder abgesprungen ist. Aus der aktuellen Situation versucht er das Beste zu machen. Man nutzt die Zeit, um ein modernes Kassensystem einzuführen und die neuen Mitarbeiter einzuschulen.

"Zeigen, dass es funktioniert"

Die Gäste im "Rössle" sind diszipliniert, tragen abseits der Sitzplätze Masken und halten Abstand. "Wir haben zwei, drei Wochen lang Zeit, um zu zeigen, dass das funktioniert", erklärt Nagele und hofft darauf, dass die Zahlen nicht steigen. Der Vorbildwirkung für Innerösterreich ist man sich bewusst. Kollegen aus dem Osten rufen an und erkundigen sich, wie die Öffnung funktioniert. Ein Problem sieht Nagele in den frühen Sperrstunden. Die hätten sich schon im vergangenen Jahr negativ ausgewirkt. In Vorarlberg schlossen die Lokale im Herbst früher als im Rest Österreichs. Die Zahlen stiegen im zweitkleinsten Bundesland trotzdem unverhältnismäßig stark an. Nach dem Gasthausbesuch habe es da eben geheißen: "Gehen wir noch zu mir?" In den Lokalen sind Kontakte aber kontrollierbarer, als wenn zuhause zehn Leute um den Küchentisch sitzen, ist Nagele überzeugt.

Nicht alle Regeln stoßen bei den Gastronomen auf Verständnis. Warum Geimpfte sich weiterhin testen lassen müssen, sieht man in einem Feldkircher Innenstadtcafé nicht ein. Auch, dass im Gastgarten dieselben Abstandsregeln gelten wie im Lokal, wird kritisiert. In den beengten Verhältnissen der mittelalterlichen Altstadt ist die Einhaltung der Abstände zwischen den Tischen oft schwer. Einige Lokale haben gar nicht erst geöffnet. In Österreichs westlichster Gemeinde sind Gastronomie und Einzelhandel, wie im ganzen Vorarlberger Rheintal, auf Kundschaft aus dem nahen Ausland angewiesen. Aber die Grenzen zur Schweiz, Liechtenstein und Deutschland sind derzeit nur unter Auflagen passierbar. Das hat zur im Bundesvergleich niedrigen Inzidenz beigetragen, macht sich nun aber auch beim Umsatz bemerkbar. Ohne die zusätzlichen staatlichen Hilfen würde sich eine Öffnung für die meisten Lokalbetreiber nicht rentieren.

Deren Stimmung ist angesichts der letzten Saison ohnehin getrübt. Von den vergangenen zwölf Monaten musste man etwa die Hälfte geschlossen halten. Nur im Sommer 2020 zog das Geschäft kurzfristig an. Der Umsatz lag da sogar über jenem des Vorjahres. Viele Einheimische hatten auf Urlaube im Ausland verzichtet. Doch zwei überdurchschnittlichen Sommermonate konnten die Bilanz der Gastronomie auch in Vorarlberg nicht retten. Seit dem letzten Lockdown ist man auf staatliche Entschädigungen und Kurzarbeit angewiesen. "Wir sind immer noch in Kurzarbeit", erklärt eine Kellnerin. Durch die frühe Sperrstunde kommt man nicht auf das volle Arbeitspensum. Trotzdem ist man froh, wieder "schaffen" zu können, wie man im Ländle sagt.

Zutrittstest unterschiedlich

Die Teststationen des Landes sind gut gebucht, aber nicht überlaufen. Auch nachdem die Landesregierung die Einigung über die Lokalöffnungen verkündet hatte, waren noch ausreichend Termine zu haben. Mittlerweile wurde das Angebot weiter ausgebaut. Die Bevölkerung kann sich nun auch unter Aufsicht selbst testen. Die Bestätigungen gelten als Eintrittstickets für die Gastronomie. Kontrolliert werden sie allerdings nicht überall, wie ein Lokalaugenschein in mehreren Betrieben zeigt. Einmal wird keine Bestätigung verlangt, ein anderes mal heißt es: "Ich glaub dir das schon." Im Rösslepark werden die Gäste hingegen einzeln empfangen und zeigen ihre Testbestätigungen vor. An jedem Tisch kann sich der Gast per QR-Code zusätzlich registrieren.

Trotz der allgemein vorherrschenden alemannischen Disziplin, gibt es auch unter den Lokalbummlern immer wieder negative Ausnahmen. Kurz vor der Sperrstunde am ersten Öffnungstag torkelt ein Betrunkener durch die Straßen und erkundigt sich, wo er jetzt noch ein Bier bekommen könne. Einen Tag später müssen sich Polizei und Rettung um einen Alkoholisierten kümmern, der sich auch mit Hilfe seiner Freunde nicht mehr auf den Beinen halten kann. Es sind die Folgen mangelnden Verantwortungsbewusstseins in einer Pandemie aber auch einer langen sozialen Isolation. Die Menschen sehnen sich nach Gesellschaft. Das ändert zusammen mit der vorgezogenen Sperrstunde auch ihre Besuchsgewohnheiten. Die Gäste kommen früher und bleiben länger im Lokal. Für viele ist es die erste Möglichkeit seit Monaten, Freunde abseits von Spaziergängen in der Kälte zu treffen. "So eine Dankbarkeit haben wir noch nie gespürt", freut sich Nagele.

Niemand will mehr Lockdowns

Die positiven Auswirkungen der Lokalöffnungen sind schon nach wenigen Tagen sichtbar. Es sind, mit sicherem Abstand, wieder mehr Menschen in den Straßen und Gassen unterwegs. Vor den Restaurants, Gasthäusern und Cafés stehen die Lastwägen der Lieferanten. Bierbrauer, Zwischenhändler und Floristen haben unter der Zwangspause für die Gastronomiebetriebe mitgelitten. In einem Café gibt es nur noch eine einzige Tageszeitung. Die anderen sind Abokündigungen zum Opfer gefallen. Die bedrückende Stimmung des harten Lockdowns ist noch immer spürbar. Rasch nimmt sie überhand, wenn man nach möglichen weiteren Schließungen fragt. An die will derzeit niemand denken.

Zwei Männer stecken die Köpfe durch die Tür eines ansonsten gut besuchten Cafés in der Feldkircher Markgasse. Der Innenraum ist fast leer, im Gastgarten sitzt trotz bereitgelegter Decken niemand. Es regnet. "Müssen wir den Test dir zeigen?", fragen der eine die Kellnerin. "Das passt eh, wenn da ,positiv‘ steht, oder?", scherzt der andere. Sie antwortet lachend: "Negativ sein, aber positiv bleiben!"