Rekordarbeitslosigkeit, Fachkräftemangel und eine Arbeitswelt, die vor einem grundlegenden Wandel steht. Ein Wandel, bei dem neue Jobs entstehen und alte wegfallen. Hinzu kommt ein kulturell verankertes Rollenbild, das Frauen aus dem Berufsleben drängt, sobald sie Kinder bekommen.

Über Regionen, die aktiv Arbeitskräfte anwerben sollten, flexibles Arbeiten und warum ein Job beim Oktoberfest das Richtige sein kann, spricht Johannes Kopf, AMS-Chef und Vorsitzender der europäischen Arbeitsmarktverwaltung:

"Wiener Zeitung": Herr Kopf, die Krise hat mich hart getroffen. Ich bin aus Tirol und habe im Tourismus gearbeitet, mal als Kellner, mal als Skilehrer, es gab immer genug zu tun. Seit einem Jahr bin ich arbeitslos, mit meinem Pflichtschulabschluss finde ich keinen Job. Freunde erzählen mir von Teams und Zoom. Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden. Was soll ich tun?

Johannes Kopf: Es gibt zwei Möglichkeiten. Setzen Sie weiterhin auf Tourismus, dann können Sie beim AMS die Zeit der Arbeitslosigkeit zur Weiterqualifizierung nützen. Machen Sie eine Weinsommelier-Ausbildung, werden Sie zum Käsekenner, lernen Sie die Allergenverordnung kennen. Wollen Sie jedoch weg aus dem Tourismus, dann können Sie umlernen. Wir haben dafür ein Extrabudget von 700 Millionen Euro zur Verfügung. Lernen Sie einen Pflegeberuf oder wechseln Sie in die IT-Branche. Wenn Sie handwerklich geschickt sind, gibt es auch viele Möglichkeiten in Metall- und Elektroberufen. Sie können gerne bei uns einen Fähigkeiten-Test machen.

Ende Februar waren in Tirol knapp 41.000 Personen arbeitslos gemeldet oder in AMS-Schulung, ein Plus von 134,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Ist das Geschäft mit den Fremden alternativlos?

Tirol wurde in dieser Krise am stärksten getroffen. Eine fast Verzweieinhalbfachung der Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr ist eine Katastrophe. In dem Bundesland gibt es auch die größte Menge an Kurzarbeit. Die unglaublich hohe Abhängigkeit Tirols von Tourismus war für eine Pandemie nicht gescheit. Aber gäbe es keine Pandemie, wäre Tirol gut aufgestellt. Das Bundesland hat auch eine starke Industrie mit vielen Nischenmarktführern.

Viele Jobs im Tourismus, wie Kellner oder Skilehrer, sind befristet, nur von kurzer Dauer und unsicher. Ein guter Zustand?

Der Tourismus lebt von einer starken Beschäftigungsschwankung, aufgrund von Haupt- und Nebensaison. Für Studenten zum Beispiel ist das super. Man hackelt zwei Monate durch und verdient richtig Kohle. Mein Sohn arbeitet immer ein Monat beim Oktoberfest. Das restliche Jahr braucht er dann neben dem Studium nicht mehr arbeiten. Als AMS-Chef sage ich, mir sind die zusätzlichen Beschäftigungsmöglichkeiten lieb, weil kurze Beschäftigung besser ist als gar keine Beschäftigung.

In der Corona-Krise kann in vielen Jobs nicht gearbeitet werden. Welche kommen nach der Pandemie nicht mehr zurück?

Ein Teil der Geschäftsreisen, Kongress-Tourismus und Luftfahrt wird nicht mehr zurückkommen. Auch der Büromarkt wird sich verändern. Wir haben uns alle an Zoom-Meetings, Homeoffice und flexibles Arbeiten gewöhnt. Das wird dazu führen, dass nicht mehr jeder einen fixen Arbeitsplatz hat, weil es kostenmäßig unsinnig ist. Das verringert auch die Büroflächen. Wir haben derzeit viele Menschen in Kurzarbeit. Doch Kurzarbeit konserviert auch Strukturen. Einige werden ihren Job verlieren, wenn die Kurzarbeit vorbei ist.

Die Arbeitswelt ändert sich rasant, von Digitalisierung über die Entstehung von neuen Jobs im Energie- und Mobilitätsbereich. Wie muss man in Zukunft qualifiziert sein, um einen Job zu bekommen?

Welche neuen Jobs entstehen werden, ist zwar spannend. Es ist aber weniger relevant, als die Frage, wie sich die Anforderungen an die bereits bestehenden Jobs verändern. Der Maurer, der Wärmebrücken verhindern muss, der Installateur, der bisher mit Gasheizungen zu hatte, und sich nun mit Wärmepumpen auskennen muss. IT, Pflege, Metall und Elektro, Umwelt und Nachhaltigkeit. Das sind jene Bereiche mit den Jobs der Zukunft.

47 Prozent der derzeitigen Arbeitslosen haben nur einen Pflichtschulabschluss, das sind knapp 200.000 Menschen. Sollen Unternehmen auch Menschen aufnehmen, die sie erst weiterbilden müssen?

Da haben wir sehr attraktive Angebote. Zum Beispiel sogenannte Implacement-Stiftungen. Ein Betrieb baut etwa eine neue Werkshalle, weil die Produktion aufgestockt wird. Bis die Fertigungslinie steht, dauert es ein bis zwei Jahre. In dieser Zeit kann der Betrieb mit uns Personal auswählen, er zahlt die Qualifizierungskosten und ein Stipendium, wir zahlen weiter Arbeitslosengeld. Wenn der Betrieb aufsperrt, hat er gut qualifizierte Arbeitskräfte.

Österreich verschenkt sehr viel Fachkräfte, weil Mütter meistens nur Teilzeit arbeiten. - © Getty Images
Österreich verschenkt sehr viel Fachkräfte, weil Mütter meistens nur Teilzeit arbeiten. - © Getty Images

Was gibt es noch für Möglichkeiten?

Wir bieten auch arbeitsplatznahe Qualifizierung an. Ein Unternehmen findet keine gute Buchhalterin. Es besteht daher die Möglichkeit, eine Person nach derselben Methode - wie gerade beschrieben - auszubilden. Sobald diese Person gut genug qualifiziert ist, stellt sie das Unternehmen an. Auch Ausbildung neben der Kurzarbeit ist empfehlenswert. Es war nie billiger Beschäftigte auszubilden, als jetzt.

Trotz derzeitiger Rekordarbeitslosigkeit gibt es einen Fachkräftemangel. Woran liegt das?

Das liegt einerseits an fehlender Qualifikation. Firmen suchen Fachkräfte, die Hälfte der Arbeitssuchenden hat aber nur einen Pflichtschulabschluss. Der Baubereich ist davon stark betroffen. Es mangelt an Dachdeckern, Elektroinstallateuren und Bauschlosser. Im Betreuungs- und Pflegebereich fehlen Arbeitskräfte. Andererseits spielen regionale Gründe eine Rolle. Es gibt zum Beispiel viele arbeitslose Köche in Wien, in Westösterreich werden sie - wenn Corona vorbei ist - händeringend gesucht.

In der Schweiz stehen die Kantone in einem Steuerwettbewerb, denn jeder Kanton kann sein Steuersystem selbständig gestalten. Das führt dazu, dass die Kantone aktiv um Menschen werben, damit diese in den Kanton ziehen und zu Steuerzahlern werden. Sollten Regionen in Österreich aktiver auf Menschen zugehen und sie in ihrer Gegend willkommen heißen, um den Mangel an Arbeitskräften zu verringern?

Ja, das wäre völlig richtig. So wie es in verschiedenen Regionen eine Tourismus-Info gibt, braucht es so etwas, wie eine Zugewanderte-Arbeitskräfte-Info. In Deutschland ist der Fachkräftemangel evidenter als in Österreich. Das hat dazu geführt, dass etlichen Regionen nachdenken, wie Regionen für Arbeitskräfte attraktiv werden können. Man muss sich um die Familienmitglieder kümmern, um den Job des Partners bis zur Kinderbetreuung bis zum Freizeitangebot. So etwas brauchen wir auch. Es gibt einzelne Betriebe, die sich an Wohnungsprojekten für Arbeitskräfte beteiligen. Derzeit funktioniert überregionale Vermittlung nur in zwei Bereichen: Im Tourismus und bei extrem gut bezahlten Jobs von Führungskräften - und da machen es nicht wir, das läuft von alleine.

Viele Frauen finden kaum Anschluss an die Arbeitswelt, nachdem sie Kinder bekommen haben. 74 Prozent der Mütter mit Kindern bis 15 arbeiten in Teilzeit, bei den Vätern sind es 5 Prozent. Diese Werte sind seit Jahren gleich. Woran liegt das?

Weil wir Väter unsere Verantwortung nicht wahrnehmen. Der hohe Teilzeitanteil hat kulturelle Gründe. Es ist oftmals undenkbar, wenn Kinder ganztägig fremdbetreut werden. In französisch-sprachigen Ländern ist das komplett anders. Da ist es normal das zu tun. Die Kinderbetreuung hierzulande ist verbesserungswürdig. Je weiter man nach Westen kommt, desto weniger Betreuungsmöglichkeiten gibt es für Kinder zwischen 0 und 3. Es gibt Kindergärten, die zu Mittag zu sperren. Es gibt keine Nachfrage, lautet das Argument. Was dabei vergessen wird: Die Nachfrage kommt durch das Angebot. Hier verschenkt Österreich sehr viel Fachkräfte, weil Frauen dann Teilzeit arbeiten.

Das eine ist die Teilzeitarbeit, das andere der Wiedereinstieg in das frühere Berufsleben. Warum klappt das nur selten?

Es gibt Frauen, die eine Dequalifizierung in Kauf nehmen. Sie leben etwa im Speckgürtel von Wien, haben einen guten Job, mit einer Wegzeit von einer Stunde. Dann werden sie Mutter und bleiben sogar noch in diesem Job, allerdings in Teilzeit. Für täglich vier Stunden Arbeit zahlt es sich nicht mehr aus eine Stunde hin und wieder zurückzufahren, denken sie. Diese Frauen wechseln die Branche, um Teilzeit in ihrer Region zu arbeiten. Sie arbeiten dann lieber im Supermarkt oder bei der örtlichen Post am Vormittag, weil sie die 2 Stunden Fahrzeit einsparen. Damit ist es aber vorbei mit dem Anschluss an die frühere Karriere. Sie arbeiten dann überqualifiziert in schlechteren Branchen.

Mehrere Studien weisen auf die Zunahme psychischer Leiden hin, die bereits vor der Pandemie zunahmen und nun durch Corona massiv steigen.

Ja, das sehen wir auch bei unseren Kunden. Es hat mehrere Ursachen. Es gibt die bessere Diagnostik. Früher gingen Menschen, denen es nicht gut ging, nicht zum Arzt. Heute ist man zum Glück nicht mehr verrückt, sondern krank. Der zweite Grund ist aber sehr ernst zu nehmen. Die Welt dreht sich immer schneller, der Druck ist heute höher. Die ununterbrochene Erreichbarkeit ist eine unglaubliche Belastung. Viele Menschen kommen nicht mehr mit, fühlen sich überfordert. Dazu kommt die psychische Belastung der Arbeitslosigkeit. Die Definition über den Beruf ist so immanent, die Antwort "ich bin arbeitslos" ist nicht sehr sexy. Das ist eher peinlich.

Was meinen Sie?

Ich habe das selbst einmal erlebt. Ich war mit meiner damaligen Freundin im Burgtheater. Während ich bei der Garderobe meinen Mantel abgebe, fällt mir meine Visitenkarte mit dem AMS-Logo heraus. Hinter mir steht ein junger Mann, der sagt so laut, dass es richtig viele hören: "Na, samma arbeitslos?" Das ist lustig, wenn man der Vorstand ist. Ich habe gelacht. Wenn ich aber arbeitslos gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich sehr mies gefühlt. Arbeitslosigkeit ist heute aber üblich im Leben, die Dienstverhältnisse dauern immer kürzer. Das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Durchschnittlich dauern Dienstverhältnisse in Österreich weniger als zwei Jahre.

Die Zeiten, in denen man sein ganzes Leben im selben Job verbracht hat, sind also vorbei. Auf was sollte man achten, wenn man in der künftigen Arbeitswelt bestehen und einen Beruf haben will, der einem Spaß macht?

Die künftige Arbeitswelt wird digitaler, flexibler, internationaler. Sprachen und Erfahrungen im Ausland sind wichtig. Früher waren die geradlinigen Lebensläufe interessant. Gute Schule, dann Wirtschaft studiert, dann Steuerberatungskanzlei, dann noch höher. Doch vielen Arbeitgebern sind diese Lebensläufe zu fad. Ein Sommerjob auf der Wiesn, oder Zivildienst im Ausland, das sind die viel interessanteren Lebensläufe, weil es Flexibilität auch im späteren Arbeiten ermöglicht. Dazu ist Lernfähigkeit und kreative Neugier wichtig. Eine gute Allgemeinbildung ist zudem Basis für Lernbereitschaft. Selbst wenn du Altgriechisch studiert hast, sind deine Jobchancen deutlich besser, als wenn du nicht studiert hast. Denn das trainierte Hirn ist es gewohnt neues zu lernen.