Die Belegschaft des MAN-Werks in Steyr hat mehrheitlich gegen den Übertritt in die WSA Beteiligungs GmbH von Investor Siegfried Wolf gestimmt. Konkret waren es 63,9 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 94 Prozent.

Investor Wolf hatte sich "ungeteilte Zustimmung" gewünscht, aber zumindest zwei Drittel angepeilt. Er bedauerte in einer Stellungnahme gegenüber der APA das abschlägige Votum. Er sei überzeugt davon, "dass mit diesem Potenzial an Know-how in der Fahrzeugproduktion an diesem Standort unter der Marke Steyr etwas Neues, Großes entstehen hätte können." Leider sei es ihm nicht gelungen, genügend Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten, um Missinterpretationen und Fehlinformationen entkräften zu können.

Enttäuschung in der MAN-Zentrale in München

Die MAN Truck & Bus in München teilte mit, dass man nun die Schließungspläne weiterverfolgen werde. MAN-Personalvorstand und Arbeitsdirektor Martin Rabe erklärte: "Wir sind vom Ergebnis wirklich sehr enttäuscht, da wir die angebotene Alternative zur Schließung als einen für alle Beteiligten sehr guten Weg angesehen haben." Offenbar habe es innerhalb der Belegschaft in Steyr noch zu wenig Transparenz über "das wirklich gute Konzept der WSA Beteiligungs GmbH" geben, bedauerte Rabe.

Die Arbeitnehmervertreter wollen weiterkämpfen. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Helmut Emler sagte zur APA, das Konzept von Wolf sei zwar "schlüssig, die Einschnitte wären aber zu gravierend gewesen.

Von 2.356 Stimmberechtigten (Stammpersonal und Leasingarbeiter) haben 2.215 an dem Votum teilgenommen. 27 Stimmen war ungültig, 2.188 gültig. Von den gültigen entfielen 773 (34,9 Prozent) auf "Ja" und 1.415 (63,9 Prozent) auf "Nein". Bei den Leasingkräften war die Ablehnung mit 71,4 Prozent höher  als bei der Stammbelegschaft.

Widerstand gegen Personalabbau und Gehaltseinbußen

Wolf wollte in Steyr unter anderem leichte Kastenwagen mit Dieselmotoren und Elektroantrieb sowie Pritschenwagen, Kastenwagen und mittlere Lkw zwischen sechs und zwölf Tonnen sowie einen City-Bus mit Elektroantrieb und einen Bus für den Regionalverkehr produzieren lassen.  Potenzial sah er auch in der Aluminiumfertigung.

Von der aktuell knapp 1.900 Personen zählenden Stammbelegschaft wollte Wolf aber nur rund 1.250 Leute übernehmen. Ihnen drohte zudem eine bis zu 15-prozentige Kürzung des Nettoeinkommens. Im Gegenzug sollte es Bleibeprämien von 10.000 Euro und einen Sozialplan geben. "Stimmst du einem Übertritt in die WSA Beteiligungs GmbH unter den dir bekannten geänderten Rahmenbedingungen zu?", lautete daher die Frage auf dem Stimmzettel.

Für Gewerkschaft ist das letzte Wort noch nicht gesprochen

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Pro-GE, Rainer Wimmer, und GPA-Bundesgeschäftsführer Karl Dürtscher finden es wenig verwunderlich, dass die Mitarbeiter "das vorgegebene Konzept nicht einfach abnicken und den Verlust von Hunderten Arbeitsplätzen und massive Lohneinbußen ohne Widerstand hinnehmen". Sie erwarten sich, "dass die Konzernleitung die Gespräche wieder aufnimmt und auch andere Konzepte prüft und fair diskutiert." Auch für den oberösterreichischen Landeshauptmann Thomas Stelzer und Landesrat Markus Achleitner (beide ÖVP) ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) richtete an mögliche Interessenten den Appell: "Wenn es noch ernsthafte Angebote gibt, wäre es jetzt an der Zeit, diese vorzulegen. Seitens des "Green Mobility"-Konsortiums rund um den Industriellen Karl Egger (KeKelit), das von der MAN-Zentrale als zu wenig konkret abgetan und nicht ins Auge gefasst worden war, hieß es, man sei natürlich jederzeit weiterhin zu Gesprächen bereit.

Wolf hatte stets betont, eine Zukunft "mit den Mitarbeitern" anzupeilen. "Mein Team und ich haben uns in den letzten Monaten voll und ganz auf dieses Konzept konzentriert. Wir haben an neuen Produkten getüftelt und detaillierte wirtschaftliche Überlegungen entwickelt, unter welchen Bedingungen wir neue konkurrenzfähige Fahrzeuge auf den Weltmarkt bringen können. Wir müssen nun dieses Votum zur Kenntnis nehmen." Ob das nun einen endgültigen Rückzug bedeutet, blieb offen.

Dass MAN das Werk nun schließen will, ist für die Belegschaftsvertretung noch nicht gegessen: "Als Betriebsrat werden wir morgen beginnen, mit MAN das Gespräch zu suchen", so Emler. Die Schließung sei erst für 2023 vorgesehen, die Kunststofflackiererei, wo rund 400 Mitarbeiter beschäftigt sind, hätte sogar bis 2027 weiter für MAN arbeiten sollen. Ziel sei eine Lösung wie in Deutschland, wo die ursprünglichen Sparpläne entschärft worden sind. Man sei auch anderen Investoren gegenüber offen, sagte er auf das Konsortium rund um den Industriellen Karl Egger (KeKelit) angesprochen, das Interesse gezeigt hatte, aber von MAN nicht ernsthaft erwogen worden war.

Rechtliche Schritte nach der Kündigung des Standortsicherungsvertrags durch die MAN-Zentrale seien vorerst "nicht das Thema", denn "wir haben Vollauslastung, es gibt derzeit keine betriebsbedingten Kündigungen". Eine Schließung "werden wir aber nicht akzeptieren".

 

"Ausdruck der Enttäuschung"

Das Votum sei "Ausdruck der Enttäuschung über den Umgang des MAN-Konzerns" mit den Beschäftigten, die sich "eine derartige Behandlung aufgrund der bisher erbrachten Leistungen keinesfalls verdient" hätten, so Landeshauptmann Thomas Stelzer und Landesrat Markus Achleitner (ÖVP) am Nachmittag. Für sie ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: Man wolle nun "den MAN-Konzern in die Pflicht nehmen, auch andere Optionen ernsthaft ins Auge zu fassen und mit weiteren Interessenten zu verhandeln".

Es sei nicht nur zur Absicherung der Arbeitsplätze im Werk, sondern auch für den Standort Oberösterreich wichtig, dass die Produktion in Steyr erhalten bleibe, so Stelzer und Achleitner. Es könne "weder im Sinne des Konzerns noch der Beschäftigten sein, wenn nun aufgrund einer Schließung ein Rechtsstreit mit jeder und jedem einzelnen der mehr als 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Steyr geführt werden müsse. Das führt nur zu hohen Kosten und jahrelanger Verunsicherung, an deren Ende es wohl nur Verlierer auf beiden Seiten geben würde", befürchten sie.

PRO-GE-Bundesvorsitzender Rainer Wimmer und der GPA-Bundesgeschäftsführer Karl Dürtscher finden es wenig verwunderlich, dass die Mitarbeiter "das vorgegebene Konzept nicht einfach abnicken und den Verlust von Hunderten Arbeitsplätzen und massive Lohneinbußen ohne Widerstand hinnehmen". Sie erwarten sich, "dass die Konzernleitung die Gespräche wieder aufnimmt und auch andere Konzepte prüft und fair diskutiert. Hier geht es um die Arbeitsplätze tausender Menschen in der Region. Sich nun einfach nach Polen zurückzuziehen, nur weil dort die Menschen um nicht einmal vier Euro Mindestlohn arbeiten müssen, zeigt die mangelnde soziale Verantwortung von MAN". Man stehe für Gespräche jederzeit zur Verfügung. Sie kündigten auch an, dass man - sollte es zu Kündigungen kommen - den Standortsicherungsvertrag bis 2030 einklagen werde.

Für Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) ist die Entscheidung der Belegschaft "bedauerlich, aber zu respektieren." Sie betonte, sie werde sich "auch weiterhin für den Erhalt heimischer Arbeitsplätze und die Absicherung des Wirtschaftsstandorts" einsetzen und appellierte an mögliche Interessenten: "Wenn es noch ernsthafte Angebote gibt, wäre es jetzt an der Zeit, diese vorzulegen." FPÖ-Bundesparteiobmann Norbert Hofer forderte eine sofortige Krisensitzung unter Einbindung Schramböcks, um "gemeinsam mit den Verantwortlichen von MAN und der Politik in Oberösterreich eine Lösung zu finden" und die Arbeitsplätze zu retten.

ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian und Wirtschaftskammer-Österreich-Chef Harald Mahrer appellierten Donnerstagabend in einer gemeinsamen Aussendung, rasch wieder konstruktive Verhandlungen aufzunehmen. "Das Belegschaftsvotum von MAN ist zu akzeptieren, kann aber nicht das Aus für Steyr bedeuten, das ein wichtiger Baustein am Automotive-Standort Österreich ist." Alle konkreten Überlegungen und Vorhaben müssten auf den Tisch, um sie zu bewerten und das Gespräch auch mit den Eigentümern suchen zu können. Neben Tausenden Arbeitsplätze gehe es auch um rund eine Milliarde des BIP, die hier Jahr für Jahr erwirtschaftet werde. "Wir Sozialpartner unterstützen weitere Gespräche." Auch der MAN-Konzern habe eine große Verantwortung für die Region, für die Mitarbeiter und deren Familien. (apa)