Wie es bei MAN in Steyr weitergeht, ist derzeit alles andere als klar. Nachdem die Belegschaft den Verkauf ihres Werks an den ehemaligen Magna-Chef Siegfried Wolf abgelehnt hat, weil damit kräftige Entgelteinbußen und der Abbau von einem Drittel der Jobs vorgesehen gewesen wären, will der deutsche Lkw-Bauer MAN seinen oberösterreichischen Standort nun, wie ursprünglich geplant, bis 2023 schließen. Und das, obwohl es noch andere Interessenten für das Werk gäbe. Indes will sich der Betriebsrat nicht geschlagen geben. Er pocht weiter auf eine bis 2030 laufende Standort- und Beschäftigungsgarantie und will die Verhandlungen mit der Konzernzentrale in München fortsetzen.

Für die Bezirksstadt Steyr und ihr Umland wäre es jedenfalls ein nicht unerhebliches wirtschaftliches und soziales Problem, wenn mit MAN einer der beiden großen Industriestandorte wegfiele. Wie das Wifo für eine von der Arbeiterkammer (AK) in Auftrag gegebene Studie erhoben hat, beschäftigt die Kfz-Industrie - neben MAN betreibt BMW ein Motorenwerk - derzeit insgesamt rund 6.000 Menschen in Steyr. Das entspricht einem Viertel der dortigen Arbeitnehmer.

Von den Kfz-Beschäftigten in Steyr kommen laut dem Studienautor, Gerhard Streicher, drei Viertel von außerhalb - vor allem aus Steyr-Land, Linz Stadt und Land sowie dem Bezirk Amstetten. Das sei deutlich mehr als im Durchschnitt aller Branchen (60 Prozent). Der Studie zufolge arbeiten 17 Prozent aller heimischen Kfz-Beschäftigten in Steyr, jeder sechste Mitarbeiter der Fahrzeugindustrie ist somit in Oberösterreichs drittgrößter Stadt tätig.

Regionaler Arbeitsmarkt würde
Schließung nicht verkraften

Wie das Wifo errechnet hat, sind mit jeder Umsatz-Milliarde, die in Steyr von der Kfz-Industrie erwirtschaftet wird, rund 5.500 Arbeitsplätze verbunden. Davon sind laut Streicher 1.700 direkt aus der Branche, weitere 1.600 aus Zulieferbetrieben, und zusätzlich stehen noch 2.200 Jobs im Zusammenhang mit Konsum- und Investitionsausgaben. Bundesweit seien mit der Fahrzeugindustrie in Steyr rund 20.000 Arbeitsplätze verknüpft - mehrheitlich in anderen Branchen wie im Handel oder am Bau.

Auf MAN Steyr bezogen geht das Wifo mit Blick auf Zahlen der Jahre 2016 bis 2018 - im Durchschnitt 2.100 Mitarbeiter und 1,1 Milliarden Euro Umsatz - davon aus, dass Lohnkosten in Höhe von 170 Millionen Euro eine Wertschöpfung von 280 Millionen Euro gegenübersteht. Durch indirekte Effekte hängen laut Studie weitere 1.800 Beschäftigte bei Zulieferern in ganz Österreich dran, auf die eine Wertschöpfung von 350 Millionen Euro entfällt.

Unter Einrechnung von Konsum- und Investitionseffekten kommt das Wifo auf bundesweit 5.900 Beschäftigte, die mit dem MAN-Werk in Steyr verbunden sind und im Fall einer Schließung gefährdet wären, davon 55 bis 60 Prozent aus den Bezirken rund um Steyr. Zum Vergleich: In einem kürzlich veröffentlichten Papier der "Initiative Wirtschaftsstandort Oberösterreich" war von insgesamt rund 8.400 bedrohten Arbeitsplätzen die Rede (die "Wiener Zeitung" berichtete).

Die Frage, ob der regionale Arbeitsmarkt eine Schließung des Werks verkraften könnte, verneint Streicher. Zwar gebe es in der MAN-Belegschaft eine Vielzahl gut ausgebildeter Leute, aber eindeutig zu wenige freie Stellen. Erschwerend komme hinzu, dass viele potenzielle Arbeitgeber als Zulieferer von der Produktion der Fahrzeugindustrie abhängig seien.

IV-Präsident: Wolfs Konzept
"wäre ein Segen für die Region"

Johann Kalliauer, Chef der AK Oberösterreich, hat die MAN-Mitarbeiter am Montag nach deren ablehnenden Votum zur Übernahme des Werks durch den Investor Wolf in Schutz genommen. Diese hätten sich auf den "angebotenen" Jobabbau mit Lohnverzicht mehrheitlich eben nicht einlassen wollen. "Das Abstimmungsergebnis ist umso verständlicher, als das vorgelegte Konzept aus Sicht der Belegschaft zu wenig zukunftsfähig und nicht schlüssig war", so Kalliauer bei der Präsentation der Wifo-Studie im Rahmen einer virtuellen Pressekonferenz.

Indes hofft Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung (IV), dass Wolf doch noch ins Steyr-Boot geholt werden kann. Dessen Pläne für das Werk lobte er am Sonntag im ORF-Fernsehen als "Zukunftslösung". Wolf habe "ein wirklich gutes Konzept", so Knill. "Es wäre ein Segen für die Region." Er hoffe nun, "dass die offenen Themen am Verhandlungstisch geklärt werden können und damit auch eine Lösung gefunden wird".

"Industriebeteiligungsfonds"
für Arbeiterkammer vorstellbar

Einer Staatsbeteiligung kann Knill jedoch nichts abgewinnen. Anders die Arbeiterkammer: Für Kalliauer ist auch eine Beteiligung der öffentlichen Hand eine Option, "wenn dadurch Arbeitsplätze gesichert und Impulse für einen zukunftsfähigen, sozial-ökologischen Umbau der Kfz-Branche gesetzt werden können". Auf alle Fälle müsse aber eine Strategie da sein. "Der Staat muss wissen, was er will", so der oberösterreichische AK-Präsident. "Es wäre falsch zu sagen, dass sich der Staat nicht beteiligen darf", meint auch Markus Marterbauer, Chefökonom der AK Wien. Er hält in diesem Zusammenhang einen "Industriebeteiligungsfonds" für überlegenswert.

Geht es nach Kalliauer, sollten jetzt einmal die Gespräche mit MAN weitergeführt werden. "Es braucht ein tragfähiges Zukunftskonzept. Keinesfalls darf zugelassen werden, dass das Werk geschlossen wird, ohne dass den dort Beschäftigten ein Ar-beitsplatz garantiert werden kann", betont der AK-OÖ-Boss.