Ein Mensch, der länger als ein Jahr auf Jobsuche war, gilt als langzeitarbeitslos. Im Mai 2009 waren 34.207 Menschen in Österreich davon betroffen. Seither stieg ihre Anzahl in großen Schritten: 50.000 im Dezember 2012, 100.000 zwei Jahre später. Nach einem kurzen Rückgang beförderte die Corona-Krise die Zahlen wieder nach oben. Heute sind 146.471 Menschen langzeitarbeitslos, viermal so viel als noch im Mai 2009.

Die Bundesregierung will nun diesem Trend entgegensteuern. Mit staatlichen Eingriffen wie Eingliederungshilfen, Lohnunterstützung, Beratungs- und Betreuungseinrichtungen, die einen optimalen "Match" zwischen Arbeitgebern und Arbeitssuchenden finden sollen. Doch ist dieser Trend der steigenden Langzeitarbeitslosigkeit noch zu stoppen?

Ein Merkmal blieb über all die Jahre gleich: Die Hälfte der Menschen, die lange Zeit keinen Job finden, haben nur einen Pflichtschulabschluss, zeigt eine Auswertung des AMS für die "Wiener Zeitung". Das war 2009 so, das ist auch heute noch so. Doch mittlerweile werden Angebote für Geringqualifizierte immer weniger - in einer Arbeitswelt, wo zunehmend mehrere Sprachen gesprochen werden, digitale Kompetenzen eine Voraussetzung sind und gute Allgemeinbildung nötig ist, wie AMS-Chef Johannes Kopf zuletzt erklärte.

42 Prozent der Betroffenen sind über 50 Jahre alt

Die AMS-Auswertung zeigt zudem, dass 30 Prozent der Langzeitarbeitslosen gesundheitlich eingeschränkt sind, knapp 42 Prozent sind über 50 Jahre alt. Am stärksten betroffen sind also ältere Personen mit geringer Ausbildung und gesundheitlichen Einschränkungen.

Doch damit nicht genug. Die aktuelle gemeinsame Studie von Wiener Wirtschaftsuniversität, University of Sussex und Universität Göttingen "Robots, Reshoring, and the Lot of Low-Skilled Workers" verweist auf die zunehmende Automatisierung in Unternehmen. Dabei werden niedrigqualifizierte Arbeitskräfte, die körperliche Arbeiten verrichteten, durch Roboter oder 3D-Drucker ersetzt. Das zeigt sich vor allem bei Unternehmen, die aus Billiglohnländern zurückkommen und ihre Produktionsstandorte wieder in Europa errichten.

Viele von ihnen verlegten vor Jahren ihre Standorte etwa nach China, Bangladesh oder Vietnam, denn die Arbeitskräfte in Asien waren bedeutend billiger als jene in Europa. Durch die Automatisierung können nun sogar die billigen Arbeitskräfte aus Asien eingespart werden. Die Unternehmen kommen zurück, jedoch ohne Arbeitsplätze - im niedrigqualifizierten Bereich - in Europa aufzubauen. Für gut qualifizierte Menschen entstehen dadurch sehr wohl Jobs, zum Beispiel auf der Managementebene.

Zurück nach Europa, aber ohne Jobs für Geringqualifizierte

Studienautor und Volkswirt Klaus Prettner nennt etwa die Adidas Speedfactory. Nachdem der deutsche Sportartikelriese seine Fertigung viele Jahre nach Asien verlagerte, kam er 2016 wieder zurück ins fränkische Ansbach in Deutschland. Doch statt Tausender Mitarbeiter arbeitete nur noch eine Handvoll Menschen in der Fabrikshalle. Die Stoffe schnitten Maschinen zu, Teile der Schuhe produzierte ein 3D-Drucker. Von Hand genäht wurde nichts mehr. Nur wenige Arbeitsschritte, wie das Einfädeln von Schuhbändern, erledigten noch Menschen.

Die Automatisierung beeinflusst auch die Einkommen. "Das Reallohnniveau der Geringqualifizierten stagniert, weil es weniger Stellen gibt", sagt Prettner. "In den USA ist es sogar rückläufig." Schlechter bezahlte Jobs führen zu einer geringeren Motivation sich eine Arbeitsstelle zu suchen, erklärt der Volkswirt.

Laut der Studie nimmt die Anzahl der Unternehmen, die nach Europa zurückkommen, vor allem bei folgender Voraussetzung zu: "Steigt der Anteil an Robotern in einer Volkswirtschaft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Firmen ihren Produktionsstandort dorthin verlagern", sagt Prettner. Denn ein Roboter ersetzt zwei bis sechs Arbeitskräfte.

Vergangenes Jahr hat Adidas seine Produktion wieder nach Asien verlagert. Die Automatisierung ist auch außerhalb Europas angekommen. Und die qualifizierten Arbeitskräfte sind dort auch billiger.