Der Verzicht auf Vertragsverlängerung ist der neue Rücktritt. OMV-Chef Rainer Seele wird im Juni 2022 den Posten des Vorstandsvorsitzenden zurücklegen und damit auf eine Vertragsverlängerung verzichten. Das teilte der Konzern am Montag mit. Die Funktionsperiode Seeles wäre ohnehin Ende Juni kommenden Jahres ausgelaufen. Er hätte jedoch die Möglichkeit auf eine einjährige Vertragsverlängerung. Darauf wird der deutsche Manager verzichten. Auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" heißt es seitens des Unternehmens, Seele habe "diese Entscheidung aus persönlichen Gründen" getroffen. Seele ist seit Juli 2015 Vorstandsvorsitzender.

Wer Seele an der Spitze nachfolgen soll oder wohin der Top-Manager wechselt, ist noch nicht bekannt. Der Öl-, Gas- und Chemiekonzern gehört zu 31,5 Prozent der Republik Österreich, deren Anteile von der Österreichischen Beteiligungs AG (Öbag) verwaltet werden. Dort hieß es auf Nachfrage zum angekündigten Rückzug Seeles knapp: "Diese Angelegenheit ist ein Thema des OMV-Aufsichtsrates." Anfragen seien an den Aufsichtsratsvorsitzenden der OMV zu richten. 24,9 Prozent an der OMV hält die Mubadala Holding aus Abu Dhabi, 43 Prozent sind in Streubesitz und 0,5 Prozent sind eigene und Mitarbeiteraktien.

Seele unter Druck

Ganz überraschend kommt Seeles Verzicht auf eine Vertragsverlängerung nicht. Der OMV-Chef war in den vergangenen Monaten mehrfach unter Druck geraten. Die Umweltschutzorganisationen Greenpeace und Fridays for Future hatten dem Konzern vorgeworfen, Aktivisten ausspioniert und überwacht zu haben, wie die Rechercheplattform "Dossier" berichtete. Die OMV betont in Zusammenhang damit, dass alle Tätigkeiten rechtlich gedeckt seien und man lediglich auf öffentliche einsehbare Informationen zugegriffen habe, um eigene Anlagen zu schützen. Die Vorgänge hatten auch Umweltministerin Leonore Gewessler und Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) auf den Plan gerufen.


Zu Reibereien war es auch zwischen dem Betriebsrat und der Konzernführung gekommen. Weil immer öfter unternehmensinterne Informationen an die Öffentlichkeit gelangt waren, hatte die OMV-Führung im Frühjahr Handys und Mails von Mitarbeitern durchsucht – zwar mit deren Einwilligung, aber ohne Einbindung des Betriebsrates, wie der "Kurier" berichtete. Das wiederum hat die Datenschutzbehörde auf den Plan gerufen, die nun in der Causa ermittelt.

Querele um Borealis-Deal

Und dann ist da noch der Borealis-Deal. Die OMV hat "Dossier" wegen der Berichterstattung rund um den Borealis-Kauf auf "Unterlassung, Widerruf , Zahlung und Feststellung" geklagt. Zur Erinnerung: Im Vorjahr hat die OMV ihre Anteile am Chemie-Unternehmen Borealis von 38 auf 75 Prozent aufgestockt. Der Netto-Kaufpreis belief sich auf 3,8 Milliarden Euro, Verkäuferin war die Mubadala Holding, die auch Anteile an der OMV hält.

Im Zuge der Übernahme wurde mehrfach kritisiert, dass der Übernahmepreis zu hoch gewesen sei. Argumentiert wird das damit, dass der Umsatz der Borealis im Corona-Jahr deutlich eingebrochen ist. "Dossier" hatte aus E-Mails der Borealis an das Controlling der OMV berichtet, die über einen Ergebnisrückgang informierten, kurz bevor der Deal besiegelt wurde.

Die OMV verteidigt den Kaufpreis und argumentiert damit, dass man nicht allein anhand eines Geschäftsjahres auf den Firmenwert schließen dürfe. Seitens der OMV heißt es, dass die "Kaufpreisermittlung von internationalen Beratern begleitet wurde. Eine sogenannte Fairness Opinion einer anglosächsischen Investmentbank ergab, dass der vereinbarte Kaufpreis angemessen war und sogar ein höherer Kaufpreis argumentierbar gewesen wäre".

Der grüne Klimasprecher Lukas Hammer und Greenpeace-Geschäftsführer Alexander Egit begrüßten den Rückzug Seeles.