Auch nach einem Jahr Pandemie sieht die Finanzmarktaufsicht (FMA) den heimischen Finanzsektor stabil aufgestellt. Die Kapitalausstattung habe sich verbessert, die Ausfallsquoten bei Krediten blieben bisher gering. Allerdings sei die Krise noch nicht vorbei und viele Herausforderungen stünden noch bevor, sagten die beiden FMA-Vorstände Helmut Ettl und Eduard Müller am Dienstag.

"Auch wenn die Zeichen auf stabil stehen, so ist das dennoch nur ein Zwischenresümee. Covid ist noch nicht vorbei, und schon gar nicht die Wechselwirkungen zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft", erklärte Müller bei der Präsentation des FMA-Jahresberichts. Es bestehe nach wie vor die Gefahr, dass es wegen der auslaufenden Staatshilfen zu Klippeneffekten bei den Kreditausfällen kommt. Die aktuelle Lage müsse daher genau beobachtet werden, und - falls nötig - müsse rechtzeitig gegengesteuert werden.

Bisher sei die heimische Finanzwirtschaft gut durch die Krise gekommen. Das harte Kernkapital der Banken verbesserte sich trotz der Corona-Krise von 15,6  auf 16,1 Prozent. Die Quote notleidender Kredite blieb mit 1,5 Prozent bis 2,4 Prozent aller Ausleihungen gering.

Auch bei den Versicherern sei die Solvabilität gut. Im Schnitt liege die Solvenzquote bei über 220 Prozent. Das heißt, die Unternehmen verfügen über mehr als das Doppelte an finanziellen Mitteln als selbst bei einem drastisch verschlechterten wirtschaftlichen Umfeld für die Erfüllung ihrer vertraglichen Verpflichtungen erforderlich wäre.

Deutlich weniger private Moratorien

Die Zahl der Moratorien sei überdies wieder rückläufig. So lag das Volumen privater Moratorien im Juni 2020 noch bei 22 Milliarden Euro, bis März 2021 ging es auf 7,8 Milliarden Euro zurück.

Unterstützt habe dabei auch die FMA, die ihre Maßnahmen im vergangenen Jahr darauf konzentriert hatte, eine Ansteckung der Finanzwirtschaft bei der Realwirtschaft zu verhindern. Ziel sei gewesen, so viel regulatorische Freiheit wie möglich zu geben, ohne gleichzeitig ein sorgfältiges Risikomanagement zu vernachlässigen, so Müller. Zu den von der FMA gesetzten Maßnahmen gehörten unter anderem das Short-Selling-Verbot an der Wiener Börse und vereinfachte Bonitätsprüfungen sowie auch die Dividendenempfehlungen für Banken und die Erhöhung der Schwelle für Kartenzahlungen ohne PIN auf 50 Euro.

Auf Spekulationen, wie es im weiteren Jahresverlauf weitergehen werde und ob es tatsächlich zu Verschlechterungen bei den Insolvenzen und Ausfallquoten kommen könnte, wollten sich die FMA-Vorstände nicht einlassen. "Wir wissen noch nicht wie sich die gesundheitliche Krise entwickeln wird", sagte Ettl. Das sei aber Voraussetzung, um weitere Überlegungen anzustellen. Bisher sei die Krise für den Finanzsektor jedenfalls recht glimpflich verlaufen, im Jahresverlauf seien Klippeneffekte jedoch nicht vollkommen auszuschließen. Der aktuelle Tiefstand bei der Quote notleidender Kredite (non-performing loans/NPL) werde voraussichtlich "nicht ganz zu halten sein", so Müller.

Debatte rund um Dividendenzahlungen im Sommer

Ob die Empfehlungen der Aufseher bezüglich Dividendenausschüttungen im Finanzsektor im Herbst aufgehoben oder doch noch weiter verlängert werden, sei noch nicht abzusehen. "Diese Diskussion wird im Sommer geführt werden", so Ettl. Die EU-Aufseher haben im Zuge der Coronakrise vor Ausschüttungen im Finanzsektor gewarnt und empfehlen noch bis Herbst 2021 von solchen abzusehen bzw. diese auf ein Minimum zu begrenzen. Damit soll sichergestellt werden, dass Kapitalpuffer im Unternehmen verbleiben und dafür verwendet werden können, die Realwirtschaft beim Weg aus der Krise zu unterstützen.

Auch heuer will die FMA den Fokus darauf richten, ein Überschwappen des Risikos der Realwirtschaft auf die Finanzwirtschaft zu verhindern und die Finanzmarktstabilität weiter zu gewährleisten. Weitere Themenschwerpunkte sind auch Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Heuer wird es zum ersten Mal Nachhaltigkeits-Stresstests für die Banken der Eurozone geben. Dabei werde heuer ein Test nach Top-down-Ansatz, also mit pauschalen Annahmen seitens der Aufseher, durchgeführt. 2022 sind dann Tests nach Bottom-up-Ansatz geplant, bei dem die einzelnen Banken selbst Szenarios durchrechnen müssen, sagte Ettl.

Immobilienmarkt derzeit besonders im Visier

Ein besonderes Auge hat die FMA derzeit auch auf den Immobilienmarkt. Man mache sich Sorgen, da einige Banken den Empfehlungen hinsichtlich der Zurückhaltung bei der Vergabe von Immobilienkrediten nicht vollinhaltlich nachgekommen seien, sagte Ettl. Die Aufseher beobachten Situation derzeit sehr genau. In den nächsten Monaten wolle die FMA auch Zahlen dazu veröffentlichen.

2020 hatte die heimische Aufsicht ein Gesamtbudget von 72,7 Millionen Euro zur Verfügung. 4,2 Millionen Euro kamen davon pauschal vom Bund, 5,7 Millionen Euro kamen von Gebühren und sonstigen Erträgen, der Rest kam verursachergerecht von den beaufsichtigten Unternehmen. Davon wiederum entfielen 57,7 Prozent auf die Banken, 22,7 Prozent auf die Wertpapieraufsicht, 17,6 Prozent auf Versicherungsunternehmen und 2,0 Prozent auf Pensionskassen. 2020 beaufsichtigte die FMA mit 385 Mitarbeitern 940 konzessionierte oder registrierte Unternehmen. (apa)