Der Brennerbasistunnel wird voraussichtlich erst 2032 in Betrieb gehen. Dies bestätigte die Brennerbasistunnelgesellschaft BBT SE am Freitag gegenüber der APA. Zuvor hatte das Südtiroler Nachrichtenportal "salto.bz" unter Berufung auf Protokolle des BBT-Aufsichtsrates von einer Verzögerung bis 2032 oder sogar 2034 berichtet. Tirols LH Platter (ÖVP) und sein Südtiroler Amtskollege Arno Kompatscher (SVP) zeigten indes kein Verständnis dafür.

Der BBT-Aufsichtsrat soll am 15. April das "Bauprogramm 2021" genehmigt haben. In dem Beschluss, der von "salto.bz" veröffentlicht wurde, ist zu lesen: "(...) das den Abschluss der Arbeiten des Brennerbasistunnels im März 2031, sowie die Inbetriebnahme im März 2032 bzw. im März 2034 unter der Berücksichtigung der in der Risikoanalyse 2021 ermittelten Risiken vorsieht."

Die ersten Ideen für dieses Projekt wurden bereits 1989 gewälzt, aber erst Jahre später konkretisiert. Der Baubeginn erfolgte dann im August 2007, im Jahr darauf wurden die Umweltverträglichkeitsprüfungen für den Tunnel fertiggestellt. Im Dezember 2009 folgten dann die ersten Baumaßnahmen in Österreich, im Juli 2020 erfolgte der Durchschlag im Erkundungsstollen. Die Länge des Tunnels wird am Ende 64 Kilometer betragen.

Seitens der BBT SE hieß es, dass in den vergangenen Monaten die Projektrisiken und Chancen sowie deren Eintrittswahrscheinlichkeit analysiert wurden. "Durch diese eingehende Prüfung konnten wir nun ein realistisches Bauprogramm für den Brennerbasistunnel erstellen", erklärten die BBT SE-Vorstände Martin Gradnitzer und Gilberto Cardola. Das neue Bauprogramm sehe die Fertigstellung für 2031 und die Inbetriebnahme der Eisenbahnanlage für Anfang 2032 vor. "Dieses Bauprogramm spiegelt ein realistisches Szenario wieder, insbesondere in Bezug auf die Planungs- und Bauleistungen", so die beiden Vorstände.

Baulose wurden neu aufgeteilt

Die Komplexität dieses bilateralen Infrastrukturprojekts berge viele Unwägbarkeiten, hieß es seitens der BBT SE. Der Brennerbasistunnel sei ein grenzüberschreitendes Projekt und das Projektmanagement sei mit zahlreichen länderspezifischen Normen und Gesetzen konfrontiert. Diese Rahmenbedingungen seien bei früheren Prognosen unterschätzt worden, weshalb unter anderem die vormaligen Bauzeiten zu optimistisch geplant worden seien. Neben der Vertragsauflösung des Bauloses Pfons-Brenner mit dem vom Porr-Konzern angeführten Konsortium seien auch die Coronakrise sowie unter anderem geologische und baugrundtechnische Ereignisse für die Verzögerung verantwortlich.

Das frühere Baulos Pfons-Brenner wurde in mehrere Baulose neu aufgeteilt. Ein Teil davon - Baulos Hochstegen H52 - wurde im April ausgeschrieben. Die Bauarbeiten sollen im Herbst 2021 wieder aufgenommen werden. Die verbleibenden Arbeiten zwischen Pfons und Brenner werden derzeit neu geplant und zum Jahresbeginn als Baulos "Pfons-Brenner H53" ausgeschrieben, hieß es.

Empörung bei der Politik

Platter und Kompatscher kritisierte indes die Verzögerungen scharf und forderten, dass diese eingegrenzt werden sollen. Man habe in den vergangenen Monaten mit der BBT SE nach Lösungen gesucht. "Das wichtigste europäische Infrastrukturprojekt darf nicht von vergaberechtlichen oder technischen Schwierigkeiten aufgrund von nationalen Interessen ausgebremst werden", meinte Kompatscher in einer Aussendung. Die Landeshauptleute drängen darauf, dass die "politischen und technischen Abstimmungen zwischen der EU, Italien und Österreich intensiviert werden, um die eisenbahntechnischen und vergaberechtlichen Fragen effizient zu lösen".

"Nachdem ein Teil der Verzögerungen laut BBT SE auf die Überarbeitung und Harmonisierung der bahntechnischen Ausrüstung zurückzuführen ist, erwarten wir uns umso mehr, dass die verschiedenen Abschnitte des Brennerkorridors gemeinsam betrieben werden und durch ein einheitliches System im Brenner Basistunnel zukünftig keinerlei technische oder nationale Hürden mehr den grenzüberschreitenden Zugverkehr beeinträchtigen", so Platter und Kompatscher unisono. "Nationalstaatliches Denken" sei hier "absolut fehl am Platz", sagten sie.

Die Tiroler Neos reagierten empört auf die Zeitverzögerung. "Gerüchte, Gemunkel, Getuschel und jetzt sogar unter Verschluss gehaltene Protokolle, die eine eindeutige Sprache sprechen", sagte der Landtagsabgeordnete und Verkehrssprecher Andreas Leitgeb. Mit Transparenz habe die Gesellschaft noch nie geglänzt, dieses Vorgehen schlage jedoch dem Fass den Boden aus. "Es geht hier um Milliarden an Steuergeldern, die Bevölkerung hat ein Recht auf die Fakten", empörte sich Leitgeb.

Bereits vor etwa einem Jahr hatte der Rechnungshof eine mögliche Verzögerung der Inbetriebnahme des BBT von Ende 2028 auf Anfang 2030 in den Raum gestellt und auch die Brennerbasistunnelgesellschaft BBT SE hatte eine solche angedeutet. Wenig später kritisierte der EU-Rechnungshof Verzögerungen und mangelnde Koordination beim BBT. Die Prüfer zweifelten bereits damals eine Inbetriebnahme bis 2030 an. Zuletzt hatte der italienische Verkehrsminister Enrico Giovannini bei einer Online-Veranstaltung davon gesprochen, dass der BBT nicht vor dem Jahr 2031 fertig sein werde. (apa)