Öl und Gas haben keine große Zukunft mehr - Stichwort: Klimaschutz. Deshalb setzt die OMV mit der Petrochemie seit dem Vorjahr auf ein neues Geschäftsfeld, das sie in Zukunft verstärkt ausbauen will und das die anderen beiden Geschäftsaktivitäten gleichzeitig Schritt für Schritt zurückdrängen soll. Der strategische Schwenk hin zur Produktion hochwertiger und wiederverwertbarer Kunststoffe für vielerlei Anwendungen soll helfen, die Emissionen des teilstaatlichen Wiener Konzernriesen deutlich zu senken. Die am Dienstagabend erfolgte Kür von Alfred Stern zum neuen Chef bedeutet jedenfalls, dass die vom scheidenden CEO Rainer Seele eingeleitete Ausrichtung beibehalten wird und geschäftliche Experimente - etwa mit einem radikalen Umstieg auf Erneuerbare Energien - nicht angedacht sind.

Denn Stern, ein studierter Kunststofftechniker der Montanuniversität Leoben, kommt von Borealis, der neuen Chemie-Tochter und Cashcow der OMV. Er war dort langjährig tätig, hatte von 2018 bis Ende März 2021 den Chefposten inne und ist seit April im OMV-Vorstand für die neu geschaffene Sparte Chemicals & Materials zuständig. Mit dem Geschäft der Borealis, wo der größte Industriekonzern des Landes im vergangenen Jahr für 4,1 Milliarden Euro von 36 Prozent auf eine Mehrheit von 75 Prozent aufgestockt hat, gilt Stern als "bestens vertraut".

So gesehen ist die Bestellung des 56-jährigen Steirers, der sein neues Chefamt Anfang September antreten soll, nicht überraschend. Zumal die beiden OMV-Kernaktionäre - die österreichische Staatsholding Öbag und der arabische Staatsfonds Mubadala aus Abu Dhabi, die das Unternehmen über ihre syndizierten Anteile von zusammen 56,4 Prozent kontrollieren - ja im Vorjahr ihr Okay für den Borealis-Deal gaben, und damit für eine Verlagerung des Konzernschwerpunkts zum Chemie-Geschäft.

Jetzt wieder zurückzurudern, eine ganz andere Strategie zu fahren und einen CEO einzusetzen, der das mitträgt, wäre unlogisch gewesen. Die Börse hätte das niemals verziehen, war bei Beobachtern zu hören. Kräftige Verluste des OMV-Aktienkurses wären wohl die Folge gewesen. Aktuell hat der Konzern, an dem die Republik mit 31,5 Prozent beteiligt ist, eine Marktkapitalisierung von gut 16 Milliarden Euro. Die OMV, die weltweit rund 25.000 Beschäftigte hat, ist damit das wertvollste Unternehmen an der Wiener Börse.

Aufsichtsratschef Garrett streut Stern Rosen

Aufsichtsratspräsident Mark Garrett, der einst wie Stern die jetzige OMV-Tochter Borealis geleitet hatte, sieht seinen Managerkollegen mit dessen "Fachkompetenz und internationalen Managementerfahrung sowie Erfahrung als CEO in der chemischen Industrie" als "ideale Besetzung" für den OMV-Chefposten. Schließlich stehe der Konzern "am Beginn einer großen Transformation in Richtung Chemie und Kreislaufwirtschaft".

Ähnlich äußerte sich auch der politisch schwer angeschlagene Chef der Öbag, Thomas Schmid, von dem man in der OMV zuvor dem Vernehmen nach monatelang nichts gehört haben soll. Stern sei durch seine langjährige Tätigkeit in der Borealis "nicht nur bestmöglich positioniert, die Borealis erfolgreich in die OMV zu integrieren, sondern auch die Stärken beider Unternehmen so zu optimieren, dass die OMV/Borealis-Gruppe ihren Weg in Richtung Kreislaufwirtschaft konsequent weitergehen kann", betonte Schmid. Stern selbst kündigte nach seiner Bestellung an: "Wir werden die Dekarbonisierung unseres Geschäfts weiter vorantreiben und diese Veränderungen über das gesamte Produktportfolio hinweg einschließlich der Kreislaufwirtschaft aktiv nutzen, um weiterhin profitabel und nachhaltig erfolgreich zu wachsen."

Grüne und Umweltaktivisten sehen Sterns Bestellung kritisch

Den Grünen sowie den beiden Umweltorganisationen Greenpeace und Global 2000 ist das jedoch zu wenig. "In Zukunft wird sich kein Geld mehr mit den fossilen Energieträgern verdienen lassen", gab Umweltministerin Leonore Gewessler zu bedenken. "Die OMV darf sich da nicht von altem Denken bremsen lassen, sie muss mutig neue Weichen in Richtung mehr Klimaschutz stellen." Greenpeace, für die OMV seit Jahren ein rotes Tuch, forderte unterdessen erneut die vollständige Loslösung des Konzerns vom Öl- und Gasgeschäft. Ähnliche Töne kamen auch von Global 2000: "Ernsthafte Änderungen erfordern ein sofortiges Ende der Neuerschließung von Öl- und Gasfeldern sowie ein Umlenken dieser Investitionen in klimafreundliche Energietechnologien."

Sterns Vertrag als CEO läuft drei Jahre und beinhaltet eine Verlängerungsoption für weitere zwei Jahre. Die Ära Seele ist indes Ende August Geschichte, Seele war dann gut sechs Jahre OMV-Chef. Der Vater der jetzigen Konzernausrichtung, den interne Machtkämpfe in dieser Frage mürbe gemacht haben sollen, geht damit zehn Monate früher als bis vor Kurzem angekündigt. Sein Vertrag wäre noch bis Mitte 2022 gelaufen.