Wer in Kurzarbeit geht, arbeitet weniger und hat mehr Zeit für andere Dinge. Die arbeitsfreie Zeit könnte doch mit Weiterbildung genutzt werden, dachte sich die Regierung. Sie machte den Kurzarbeitern ein Bildungs-Angebot. Für insgesamt 700 Millionen Euro könnten sie sich weiterbilden. Das Ziel: Qualifizierungsmaßnahmen für 100.000 Personen. "Das wird die größte Qualifizierungsinitiative der Zweiten Republik", kündigte die damalige Arbeitsministerin Christine Aschbacher im September an.

Seit damals ließen sich zwar rund 77.000 Personen weiterbilden. Doch nur 9 Prozent davon waren Kurzarbeiter. Die anderen 91 Prozent entfielen auf Arbeitslose, die Schulungen ohnehin verpflichtend besuchen müssen.

"Nach der Krise braucht der Wirtschafts- und Beschäftigungsstandort top qualifizierte Fachkräfte, die Österreich wiederaufbauen", sagte Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck im vergangenen Sommer. Der damalige IHS-Chef und heutige Arbeitsminister, Martin Kocher, sagte zur selben Zeit: "Kurzarbeit sollte mit Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Umschulungselementen verknüpft werden."

Doch das Bildungs-Angebot wurde von den Kurzarbeitern kaum angenommen. Zum Höhepunkt der Krise waren mehr als 1,3 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit, heute sind es immerhin noch 330.000 Menschen. In Schulungen waren hingegen nur 7.140 Personen, wie das AMS bestätigt. Woran liegt das?

Ein gewisser Optimismus verlängert die Lebenserwartung, sagen Studien. Doch Optimismus kann auch schnell zu Naivität werden. "Ein Licht am Ende des Tunnels", "die Corona-Pandemie würde kürzer dauern als Fachleute zunächst angenommen haben", "einen normalen Sommer 2021", prophezeite Bundeskanzler Sebastian Kurz, wie etwa in seiner Grundsatzerklärung im vergangenen August. Die Ankündigungspolitik des Kanzlers verunsicherte die Unternehmen. Könnte die Pandemie vielleicht doch schon bald vorbei sein? Zahlt sich eine Weiterbildung dann überhaupt noch aus?

Die Konsequenzen der Ankündigungspolitik

"Es war für die Betriebe schwierig langfristige Weiterbildung für ihre Arbeitnehmer zu planen", sagt Arbeitsmarktforscher Helmut Mahringer vom Wifo. "Betriebe müssen ja sofort reagieren, wenn die Produktion wieder losgeht. Da wird dann jeder Mitarbeiter im Betrieb gebraucht."

Die Unternehmen zeigten zu wenig Interesse, heißt es auch aus dem Büro von Arbeitsminister Kocher. "Sie warteten auf das Aufsperren." Und die Möglichkeiten müssen sie schon selbst nutzen: "Wir können es nur anbieten, es besteht ja keine Verpflichtung."

Auch, wenn es bei der Kurzarbeit darum geht, die Mitarbeiter zu behalten, so gibt es auch unerwünschte Nebenwirkungen. Die Stunden im Betrieb sind geringer, dadurch steigt die Angst vor drohender Arbeitslosigkeit. Das wirkte sich bei vielen Betroffenen auf ihre Psyche aus, die Muße für Weiterbildung sinkt. Mehrere Studien weisen auf die Zunahme psychischer Leiden bereits vor der Pandemie hin. Durch Corona hat sich das Problem verschärft, wie auch AMS-Chef Johannes Kopf im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" bestätigt. "Die Definition über den Beruf ist so immanent, die Antwort ’ich bin arbeitslos’ ist nicht sehr sexy. Das ist eher peinlich", sagt er.

Die frei gewordene Zeit durch Kurzarbeit wurde zudem für viele Eltern schnell ausgefüllt. Geschlossene Schulen, Homeschooling, Kinderbetreuung. Sie waren kaum in der Lage, dabei auch noch an Weiterbildung zu denken.

Und Weiterbildung in einer Pandemie ist ein einsames Unterfangen. Der Lehrende aus dem Laptop ist ein Vorteil, wenn es um die Ortsunabhängigkeit geht. Lernen hat aber auch eine soziale Komponente, ist auch Austausch und spontanes Kommunizieren mit Anderen, ist das Zusammensitzen danach.

Mangelhafte Personalplanung

Die Arbeiterkammer (AK) nimmt hingegen die Unternehmen in die Pflicht. "Die Unternehmen greifen nicht zu. Das ist unverständlich", sagt Arbeitsmarkt-Referentin Silvia Hofbauer. Sie ortet eine generell mangelhafte Personalplanung bei den heimischen Betrieben. "Die Unternehmen wissen oft nicht, wie sie ihre Mitarbeiter schulen sollen", sagt Hofbauer.

Dabei seien Mitarbeiter in Kurzarbeit verpflichtet, Bildungsangebote des Unternehmens anzunehmen. "Sie können sich nicht weigern, weil Weiterbildung als Arbeitszeit zählt." In Oberösterreich nahmen Schulungseinrichtungen sogar aktiv Kontakt mit Unternehmen auf, schließlich gebe es in diesem Bundesland einen eklatanten Fachkräftemangel. Die meisten Betriebe sagten aber ab. "Schade, eine Chance vertan", sagt sie. Natürlich könne in wenigen Monaten kein Hilfsarbeiter zur Fachkraft ausgebildet werden, einzelne Qualifikation seien aber möglich. "Da geht schon einiges", sagt die AK-Referentin. "Die Arbeitnehmer hätten von dieser Zeit profitieren können."

Bei der Wirtschaftskammer hält man sich bedeckt über die Gründe der kaum genutzten Weiterbildung. Derzeit würde über die Verlängerung der Kurzarbeit verhandelt, man möchte daher keine Stellungnahme abgeben.

Es gibt viele Gründe, warum die Angebote zur Weiterbildung nicht genutzt wurden. Sie helfen aber nichts, denn das Rad der Zeit ist auch in der Pandemie nicht stehen geblieben. Technische Möglichkeiten, Digitalisierung, Fokus auf Nachhaltigkeit: Das Rad der Zeit hat sich sogar schneller gedreht. Die heimischen Unternehmen müssen nun damit Schritt halten.