Wer früher sein Geld vermehren wollte, legte es auf das Sparbuch. Doch heute frisst die Inflation das ohnehin schon mickrige Zinsenplus auf. Der Trend geht daher in eine andere Richtung. Investiert wird in Immobilien und an der Börse. 35 Prozent des privaten Vermögens in Österreich liegt in Aktien und Investmentfonds. Tendenz steigend. Was bei der Geldanlage beachtet werden muss, erklärt Peter Brezinschek, Chefanalyst von Raiffeisen Research.

"Wiener Zeitung": Herr Brezinschek, wer früher gut mit Geld umgehen konnte, machte keine Schulden, sondern sparte. Noch immer legen 40 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher ihr Privatvermögen auf das Sparbuch. Können sie gut mit Geld umgehen?

Peter Brezinschek: Das kommt darauf an, wann sie das Geld wieder brauchen. Benötigen sie das Geld in den nächsten 24 Monaten, dann ist das Sparbuch weiterhin eine gute Wahl. Es gibt zwar eine negative Realverzinsung. Doch im Vergleich mit anderen Anlagemöglichkeiten ist der Wertverlust gering, weil es keine Wechselkosten gibt. Beim Verkauf von Wertpapieren zahlt man Transaktionskosten, beim Verkauf von Immobilien entstehen Abschläge. Wenn sich das Geld hingegen längerfristig vermehren soll, dann ist das Sparbuch die falsche Wahl.

Spareinlagen bringen kaum noch Zinsen. Wo sollen die Menschen ihr Geld anlegen?

Die Europäische Zentralbank (EZB) betreibt gerade eine expansive Geldpolitik, mit der die Inflation angekurbelt werden soll. Damit verändert sie aber das Anlageuniversum, weg von Nominalanlagen, hin zu Sachanlagen, wie etwa Immobilien. Die Luft für Renditen bei Anleihen ist hingegen sehr dünn.

Das heißt, besser in Immobilien investieren, als sein Geld auf das Sparbuch legen?

Auf der Immobilienseite gibt es eine enorme Preisentwicklung. Im vergangenen Jahr gab es eine Wertsteigerung von 7 Prozent, heuer im ersten Quartal haben wir eine Steigerung von bereits 12 Prozent. Das wird auch so weiter gehen, denn Migration nach Österreich und die expansive Geldpolitik lassen die Preise steigen. Die Nachfrage aus der realen Sicht wird also genauso da sein, wie aus der Veranlagungssicht.

Die enormen Preissprünge machen Wohnen teurer, zudem nehmen immer mehr Menschen Kredite auf, um sich eine Vorsorgewohnung zu leisten, in der sie gar nicht wohnen. Steuern wir auf eine Blase zu?

Es fließt derzeit zu viel Geld in den Immobiliensektor. Der Anteil der Fremdfinanzierung hat durch die fallenden Hypothekarzinsen deutlich zugenommen. Das Zinsniveau liegt derzeit bei 1,18 Prozent. Das muss man sich einmal vorstellen, so niedrig war es noch nie. Vor zehn Jahren waren wir noch bei fünf Prozent. Die niedrigen Zinsen sind eine enorme Verführung sich zu verschulden. Derzeit gibt es eine Steigerung von Hypothekarkrediten für Immobilien von sechs Prozent. Das Kreditwachstum könnte zu einem Problem werden.

Wie könnte der Immobilienmarkt entlastet werden?

Die EZB verursacht mit ihrer Geldpolitik Negativzinsen. Würde es hingegen positive Zinsen geben, würden die Sparer von Immobilien wieder auf Spareinlagen wechseln und damit den Immobilienmarkt entlasten.

Die Börse war früher ein Ort von Männern in Krawatten, die wild mit ihren Armen herumfuchtelten, die einen geschlossenen Kreis bildeten, in den man nur schwer rein kam. Mittlerweile hat sich vieles verändert. Noch nie war es so einfach, an der Börse sein Geld anzulegen. Das ist einerseits gut, weil mehr Menschen Zugang zur Börse haben. Auf der anderen Seite gibt es viele Hobbyspekulanten mit fragwürdigen Kaufentscheidungen. Wie sehen Sie das?

Die herumfuchtelnden Börsenhändler gab es in den 1980er Jahren, etwa an der Wall Street, aber auch an der Wiener Börse. In den 1990er Jahren kam die große Umstellung mit dem Internet, mit automatischen Handelsplattformen. Der Börsenhandel wurde also entpersonalisiert und auf Plattformen gestellt. Für viele wurde der Handel ein Spiel, die Spekulation steht im Vordergrund, nicht die Anlage. Es geht für sie darum, aus dem Stand möglichst schnelle Gewinne zu erzielen. Das ist aber nicht die eigentliche Funktion der Börse.

Wie hoch ist die Gefahr, die von Hobbyspekulanten ausgeht?

In einschlägigen Internet-Foren ermuntern sich Kleinanleger gegenseitig zu Käufen. Das Ergebnis sind enorme Kursanstiege, die den Unternehmen aber nicht gerecht werden. Die Börse dient der Kapitalaufnahme für Investitionen, Wachstum und Beschäftigung. Natürlich geht es auch darum, Erträge zu erwirtschaften, Aber diese sollten parallel zum Geschäftsmodell des Unternehmens verlaufen.

Vor kurzem rief Tesla-Chef Elon Musk seine Anhänger dazu auf, den Messengerdienst Signal zu nutzen. Viele Anleger wollten sich daraufhin auf die Aktie des Unternehmens stürzen. Sie griffen jedoch zu Signal Advance, einer Aktie eines Unternehmens für Medizintechnik. Die Aktie legte um 1500 Prozent zu und stürzte wieder ab, als die Namensverwechslung auffiel. Ist der Markt verrückt geworden?

Das zeigt, wie einfach es ist, die Kauf- und Verkaufstaste auf dem Handy zu drücken. Mit den Apps wird ein Vergnügungsaspekt in den Vordergrund gestellt. Und das ist es natürlich nicht. Die Börse ist kein Casino. Diese Verabredungen gehen in Richtung Marktmanipulation. Das ist den Leuten offensichtlich nicht bewusst. Doch auch Elon Musk sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein und seinen Anhängern auch eine gewisse Finanzbildung nahelegen. Denn auch er ist nicht durch Zocken reich geworden, sondern durch intelligente Ideen und einen klaren Rechenstift.


Ihr Browser kann derzeit leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Sehen Sie auch positive Aspekte, dass sich mehr Menschen, auch wenn sie noch wenig Ahnung haben, an der Börse tummeln?

Wenn sich längerfristig Verluste einstellen, kommt das große Aufwachen. Das kann durchaus positiv sein. Wenn man einmal sein Lehrgeld gezahlt hat, beschäftigt man sich wahrscheinlich intensiver mit der Börse. Ein großer Anteil von ihnen könnte dann dem Finanzmarkt erhalten bleiben. Das ist der positive Aspekt aus dieser Entwicklung.

Anfang des Jahres schlossen sich mehrere Kleinaktionäre zusammen, die auf steigende Kurse setzten. So kam es zu einem Kräftemessen mit den milliardenschweren Hedgefonds, die durch die steigenden Kurse in große wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Das war auch der Plan. "Die Börse ist ein Schlachtfeld", sagte Börsen-Experte Dirk Müller. Stellt die Börse noch die realen Zukunftsaussichten dar oder genügt sie sich selbst zu sehr?

Je liquider ein Finanzmarkt ist, desto höher ist auch der Bezug zu den realen Kennzahlen. Dieser Bezug ist nach wie vor gegeben. In manchen Marktsegmenten, wo es wenig Liquidität gibt, wo sich diese Spekulanten austoben können, läuft das in eine andere Richtung.

Kritisiert wird immer wieder auch die Macht der Hedgefonds...

Die Börse ist eine marktwirtschaftliche Institution. Für die Organisation der Privatwirtschaft ist sie der richtige Ort. Das sieht man auch so etwa in den sozialdemokratischen skandinavischen Ländern, wo die Börse immer eine wesentliche Funktion ausübte. Ohne dem Eigenkapital von der Börse gibt es halt keinen Risikopuffer. Die Alternative wären staatliche Hilfen. Doch dann gibt es am Ende nur staatliche Unternehmen. Hedgefonds sind wichtig, weil sie Marktübertreibungen vermeiden. Sie legen oft auch den Finger in die Wunde von angeschlagenen Unternehmen, die an der Börse noch als Lieblinge gehandelt werden.

Nachhaltige Geldanlagen legten 2020 um fast ein Drittel zu. Wie wichtig ist die Börse, um den Klimawandel zu stoppen?

Umweltschutz ist ein wichtiges Thema und die Börse ist ein Instrument dafür. Denn Investitionen sind wichtig für den Klimaschutz. Die Ausgabe von grünen Anleihen oder Eigenkapital dienen zur Innovation und damit zur CO2-Reduktion. Die Börse sorgt dafür, dass der Eigenkapitalanteil hoch bleibt und der Fremdkapitalanteil nicht zu stark anschwillt. Denn das würde zu Unternehmensschieflagen und Pleiten führen.

Würden Sie nachhaltige Investments zur Geldanlage empfehlen?

Das sollte überhaupt den Nukleus der mittel- und langfristigen Anlageüberlegungen darstellen.

Also besser als Sparbuch, besser als Immobilien, besser als Elon Musk zu folgen?

Das Sparbuch als Anlage für die nächsten ein, zwei Jahre. Der Immobilienmarkt sollte hingegen nicht der zentrale Anlagepunkt sein. Solange jedoch die Geldpolitik so expansiv bleibt, wird es aber auch keine Trendwende bei den Immobilienpreisen geben. Am besten fährt man jedoch mit nachhaltigen Anlagen. Damit kann man der Wirtschaft, dem Kapitalmarkt und der Umwelt etwas Gutes tun. Und man bekommt dafür auch eine Dividende.